Geisteswissenschaften Das Dorf dorft

Alle reden über die Städte. Tatsächlich machen die Metropolen dieser Erde aber immer noch nur einen Bruchteil der Weltoberfläche aus. Warum wir die ländliche Existenz nicht ignorieren sollten.

Von Johan Schloemann

Da fährt man mit dem Zug von München, derjenigen Großstadt, die sich besonders gerne als ein Dorf beschreiben lässt, nach Norden, die Besiedlung lichtet sich recht bald - und im selben Moment liest man ein Zitat von Rem Koolhaas, dem niederländischen Architekten und Stadtdenker: "Zwei Prozent der Oberfläche der Welt bestehen aus Städten. Wenn wir die ländlichen Gebiete übersehen, ignorieren wir strukturell 98 Prozent der Welt."

Natürlich schreitet die Verstädterung auf dem Globus immer weiter fort. Aber das Dorf ist ja noch da. Es ist da als soziale Wirklichkeit, als Keimzelle des Zusammenlebens an unzähligen Orten dieser Erde. Es ist aber auch da als Schlafstätte für Pendler und als mächtiger Gegenpol, als Hass- oder Sehnsuchtsort der Städter, als Playmobil- oder Lego-Bauernhof, auch als skurrile Provinzgeschichte für urbane Leser und Fernsehzuschauer. Das unausweichliche Standardmodell solcher Geschichten lautet: Idylle mit Abgründen.

Grund genug für ein hervorragendes Sommerheft der Zeitschrift für Ideengeschichte, der es immer wieder mal gelingt, aus dem Archiv heraus den Nerv der Zeit zu treffen. Zuerst muss ein Themenschwerpunkt "Das Dorf" natürlich die alte Enge beschwören, die bedrückende soziale Kontrolle im Nahbereich - doch bald schon landet man im berühmten "globalen Dorf", erst per Eisenbahn und Auto, dann per Radio und Fernsehen, dann per Breitband-Anschluss und Smartphone. Der Medientheoretiker Marshall McLuhan hatte sich das "Global village" als entgrenzten Raum neuer Direktheit und Mündlichkeit vorgestellt, zu der man heute auch Facebook oder Whatsapp als quasi-orale Schriftformen zählen könnte. Und die "Serverfarmen" der großen Internetfirmen sind das ländliche Rückgrat der Digitalisierung.

Die "Serverfarmen" der großen Internetfirmen sind das ländliche Rückgrat der Digitalisierung

Doch zu statisch darf man sich das Dorf von vornherein nicht vorstellen. Ein ethnologischer Bericht über traditionelle Bergdörfer von Papua-Neuguinea zeigt: In der Dorf-Ideologie wird zwar Autochthonie behauptet - also: "Wir waren immer schon da und werden immer hier sein" -, während in Wahrheit auch dort bereits Mobilität zwischen den Dörfern herrscht, durch Heiraten und Handel, auch durch Konflikte und Neugründungen. Und kaum hatte sich das von der Industrialisierung verwirrte neunzehnte Jahrhundert ein wenig an der Gattung der Dorfgeschichten erfreut - der Schriftsteller Gustav Freytag wollte darin eine "Rückkehr zur Natur und Wahrheit" erkennen -, da schrieb schon ein Literaturhistoriker im Jahr 1856: "Wir haben vom süßen Gift der Civilisation so viel gekostet, daß wir für uns den Naturzustand nicht mehr benutzen können."

Daran konnte auch der Philosoph Martin Heidegger nichts mehr ändern, der den Beginn des Zweiten Weltkriegs in seinen "Schwarzen Heften" mit ruralen Empfindungen begleitete: "Der entlegenste ,Bauernhof'", so wehklagte er, "ist bereits durch Rundfunk und Zeitung von innen heraus zerstört." So schlägt denn auch der Philosoph Oliver Müller vor, den ländlichen Kern von Heideggers Denken mit den Mitteln von dessen Begriffsarbeit so zusammenzufassen: "Das Dorf dorft."

Nicht wenige Dörfer in Deutschland vergreisen und veröden. Trotz Transportmitteln und Internet. Aber das Dorf lebt offenbar besondern gern dort, wo es entfernt ist. Für Marx und Engels, aber auch für die moderne Großstadtsoziologie blieb es das Gegenbild zu Entfremdung und Anonymität - trotz aller emanzipatorischen Vorzüge der Stadt. Während die Landwirtschaft heute weltweit vor dramatischen Herausforderungen steht, lebt jenes Gegenbild heute weiter, in der Globalisierungskritik, aber auch in Form von "Landlust" und von dörflichen Hipster-Oasen in der Stadt.

Liest man also dieses Themenheft "Das Dorf" im Zug, dann wird das Dorf das Feste und die Stadt das Flüssige, oder auch mal umgekehrt, und beide brauchen einander sehr. Und dann schaut man aus dem Fenster und sieht die suburbane Welt dazwischen, die zersiedelten Vorstädte und Randgebiete: das Breiförmige. Ohne diese traurige Pufferzone, so scheint es, kann es den Stadt-Land-Gegensatz der Gegenwart gar nicht geben.