Gegenwartsliteratur Präsensterror in der Sperrzone

Ein guter Stoff, aber keine Erzählidee: Alina Bronskys Roman über Tschernobyl-Heimkehrer.

Von Jörg Magenau

Das Dorf liegt im radioaktiv verseuchten Sperrbezirk in der Nähe der Atomruine von Tschernobyl. "Tschernowo" heißt der Ort in Alina Bronskys kleinem Roman "Baba Dunjas letzte Liebe". Die 1978 in Russland geborene Autorin, die Anfang der Neunzigerjahre nach Deutschland kam, fantasiert darin ein erstaunliches Phänomen aus: In der Sperrzone leben heute rund zweihundert Menschen, die illegal in ihre Heimatdörfer zurückgekehrt sind. Meist handelt es sich dabei um sehr Alte, die längerfristige Strahlenschäden nicht fürchten und das angestammte Leben in der Heimat einem entfremdeten Dasein in irgendwelchen Plattenbauten vorziehen.

Als erzählerischer Raum ist so ein Ort durchaus reizvoll. In ihrem Debüt "Scherbenpark" über das Schicksal russischer Aussiedler in Deutschland hat Alina Bronsky gezeigt, wie leicht es ihr fällt, Geschichten zu erzählen. Mit Baba Dunja hat sie sich nun eine sympathische Heldin geschaffen, doch es ist etwas anderes, eine uralte Frau glaubhaft zu machen, als Jugendliche im Vorortghetto. Als gelernte Krankenschwester ist Baba Dunja so etwas wie der natürliche Mittelpunkt für all die bald Hundertjährigen, die in dem aus der Welt herausgefallenen Ort eine brüchige Lebensgemeinschaft bilden. Denn "wer nach Tschernowo zurückkehrt, hat keine Lust auf Gemeinschaft": Die dicke Melkerin Marja hat eine katastrophale Ehe hinter sich, der krebskranke Petrow, der schon seit Jahren tot sein müsste, liest und liest und liest immer dasselbe, und der Greis Sidorow bewacht sein Plastiktelefon und behauptet, man könne damit telefonieren. Tatsächlich: Einmal, in einer entscheidenden Situation funktioniert es wirklich.

Doch viel mehr als ein skurriles Figurenkabinett bringt Alina Bronsky nicht zustande. Die Geschichte, die sich um Baba Dunjas Tochter und Enkelin in Deutschland entspinnt und die Briefe, die sie ihnen schreibt, sind ganz nett. Der mit einem Beil erschlagene Bösewicht im Dorf und die Ermittlungen der Polizei, die darauf folgen, lesen sich dann nur noch so, als hätte die Autorin dem Gefühl nachgegeben, dass nun aber doch noch irgendwas passieren müsse, um der Handlungspflicht Genüge zu leisten. Aber ein wenig Handlung macht noch keine Entwicklung.

Das wäre aber vielleicht noch zu ertragen, wenn Bronsky ihrem Thema und ihren doch eher wortkargen Figuren sprachlich gewachsen wäre. Stattdessen muss ihre Ich-Erzählerin unentwegt in gnadenlosem Präsens vor sich hin und in die radioaktive Leere hineinplappern. Schon wenn sie morgens aufsteht, beginnt sie zu sprechen: "Ich lupfe die Bettdecke und lasse die Füße auf den Boden." Jede Tätigkeit, jede Wahrnehmung wird dadurch zum Selbstkommentar, wie das monomane Neurotiker zu tun pflegen. So kann sich nichts ereignen, ohne dass es im Vollzug und bevor es sich überhaupt ereignet hätte auch schon erzählt ist. Schrecklich! Da gibt es keine Distanz, keine Rückschau, kein Durchatmen, ja noch nicht einmal die Möglichkeit zu wirklicher Reflexion. Im Präsens-Terror geht alles verloren, was diese abgeschiedene Welt zwischen Ewigkeit und kurzer Frist erzählerisch interessant machen könnte: das besondere Verhältnis zur Dauer, zur Lebenszeit und zum Tod.

Baba Dunja müsste, so wie sie hier konstruiert wurde, auch noch das eigenen Sterben erzählen: Ich sterbe, ich sterbe, so jetzt bin ich tot. Das gilt dann leider auch für dieses harmlose Büchlein.

Alina Bronsky: Baba Dunjas letzte Liebe. Roman. Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 2015. 154 Seiten, 16 Euro. E-Book 13,99 Euro.