Gastland Litauen Unter Luftgreisen

Der litauische Autor Alvydas Šlepikas erkundet in seinem Buch "Der Regengott und andere Erzählungen" die Welt der Waldgeister. Aber in den Märchenmotiven wird die postsozialistische Gegenwart erkennbar.

Von Volker Breidecker

Als "die letzten Indianer Europas" hatte Czesław Miłosz, der aus Litauen stammende polnischsprachige Dichter, seine ehemaligen Landsleute beschrieben. Die Vorstellung eines am Rande Europas lebenden "wilden" Volksstamms hatte mehrere Wurzeln: Das Großfürstentum Litauen, das die deutschen Ordensritter mehrmals besiegt hatte, nahm erst 1386 das Christentum an. Noch zwischen und nach den Weltkriegen kämpften litauische Partisanen als "Waldbrüder" gegen die sowjetischen Besatzer. Aus den Wäldern erhoben sich zwischen 1941 und 1944 auch bewaffnete jüdische Widerstandskämpfer gegen ihre Verfolger.

Mit den Ureinwohnern Nordamerikas teilten die Litauer des 20. Jahrhunderts das Nomadentum: In dieser Weltgegend wurden Völker wie Möbelstücke verrückt, vertrieben, zwangsumgesiedelt, deportiert, ins Exil getrieben oder vernichtet. Die Kehrseite litauischer Mobilität, der seit der Rückkehr des Landes nach Europa erneut eine Million Menschen folgten - eine auf unter drei Millionen geschrumpfte Einwohnerschaft zurücklassend -, ist eine landschaftlich tief verwurzelte Bodenständigkeit, die zugleich über sich hinauswächst: Wenn es anders nicht geht, dehnt sie sich aus in die luftigen Höhen von Träumen, Tagträumen und märchenhaftem Zauber, der sich an die elementarsten Dinge - Bäume, Wiesen, Wälder, Winde und Gewässer -, aber auch an die banalsten Gegenstände einer vorwiegend technisch geprägten Alltagswelt heftet.

So beschaffen sind diese fünfzehn Erzählungen des 1966 geborenen Autors Alvydas Šlepikas, von dem in Übersetzung bereits der Roman "Mein Name ist Myrte" über das Schicksal sogenannter Wolfskinder der zweiten Nachkriegszeit vorliegt: Kinder aus dem Memelland, die auf der Flucht verloren gingen und sich in die Wälder schlugen, wo viele unter beherzten Litauern Aufnahme fanden. Idyllisch oder gar bukolisch, wie man vielleicht erwarten könnte, geht es auch in Šlepikas' Erzählungen nicht zu. Ihr Zauber ist von anderer Art und beruht auf einer märchenhaften oder surrealen Fremdheit und der Befremdung des Lesers. Dieser fühlt sich wie ein vom wechselnden Erzähler manchmal direkt angesprochener Zuhörer, der ins Staunen darüber gerät, mit welcher Wirklichkeitsintensität und mit welchem Sprachzauber ihm die unwirklichsten Begebenheiten geschildert werden.

Tatsächlich werden die physikalischen Gesetze außer Kraft gesetzt, zumeist um den erzählten Figuren einen Auftrieb zu ermöglichen, der sie vom Boden abheben lässt. Etwa jenem Greis, der sich zur allgemeinen Volksbelustigung in die Wipfel einer Linde verkrochen und sich die Rückkehr - wörtlich - abgeschnitten hat, sodass er am Ende entschwebt. Unheimlicher sind Geschichten von Göttern und Kobolden in Menschengestalt, die Kirchenfeste aufsuchen, oder von Tieren, die sich auf einsamen Waldwegen in Dämonen verwandeln, während die Winde nicht weniger beredt sind als die Bäume, während alles, was Flügel hat oder keine, durch die Lüfte schwebt, fliegt, gleitet, weht.

Mögen viele dieser Motive aus Litauens heidnischer Märchenwelt und aus der Folklore des Landes geschöpft worden sein, so ist ihr Schauplatz von keiner archaischen Zeitlosigkeit, sondern von der präzise benannten postsozialistischen Gegenwart geprägt: Da wird, außer gezaubert und verzaubert, gearbeitet und gefeiert, geliebt und gehasst, gehurt und gesoffen. Auch ist nicht wenig Gewaltbereitschaft unter Akteuren vom gleichen Stamm vorhanden. Der Schauplatz ist durchgehend identisch mit dem Geburtsort des Autors, Videniškės, im Nordosten des Landes. "Städtchen" wird der topografisch präzise beschriebene Ort an jeder Stelle genannt, und tatsächlich ist er weder dörflich noch städtisch. Natur und Kultur sind sichtbar ineinander verschränkt, es ist der Ort einer Verlangsamung des Lebens bis zum Stillstand, zuweilen auch bis zum Tod.

Geschichtslos ist der Schauplatz freilich nicht, wenn auch nur ganz am Anfang von seinen Häusern gesagt wird, dass sie nicht näher spezifizierte "Brände und Kriege" überlebt haben. Stutzig macht freilich, dass sich aus der "Mitte des Städtchens" eine prächtige, aber von Brachflächen umgebene Kirche erhebt: Als fehlte da etwas, was auch in den Erzählungen fehlt, die doch so viel von fliegenden Gegenständen, von Luftmenschen und von Mäusen und Menschen handeln, wie sonst nur in der jüdischen Folklore oder im Frühwerk des Witebsker Malers Chagall. So unklar wie die Natur der Brachflächen rund um den Mittelpunkt des "Städtchens", so klar wird doch, dass das vom Übersetzer durchgängig gewählte Wort "Städtchen" die deutsche Überragung des jiddischen Worts "Schtetl" ist. Aus dem Ort ist es ebenso ausradiert ist wie die Erinnerung an jüdische Mitbürger.