Gastland Litauen Ticktack hinter der Wand

Der Dichter Tomas Venclova kehrt in seinem Gespräche- und Erinnerungsbuch "Der magnetische Norden" nach Litauen zurück und findet dort nicht nur sich selbst.

Von Nico Bleutge

Glücklich, wem die Vergangenheit zum Bild wird, zu einem jener Fotos etwa, die der Großvater einst auf dem Dachboden verstaut hat. Irgendwo leben sie noch, die alten Aufnahmen. Es müsste nur jemand kommen, der sie zu entziffern wüsste, der Dichter vielleicht, der hier als Kind eine Weile wohnte. Die Zeit zurückdrehen kann er nicht, aber er hat die Erinnerung und seine Verse, in der die Zeit mit all ihren Rissen für Momente erahnbar wird: "Früh die Schlaflosigkeiten: das Ticktack / hinter der Wand gab zu verstehen, dass alles vergeht, / wenn auch nicht gleich; dass Zeit der Sprache gehorcht; / dass das Schlimmste, was je geschieht, etwas weniger ist immer, / als wir gerad noch ertragen."

"Blick aus der Allee" hat der litauische Dichter Tomas Venclova sein Gedicht genannt. Entstanden ist es, als er 1995 an diesen "leblosen Ort" der Kindheit zurückkehrte, in das ehemalige Haus seiner Großeltern. Nach vielen Jahren im amerikanischen Exil hatte Venclova vier Jahre zuvor zum ersten Mal wieder die Möglichkeit erhalten, sein Geburtsland zu besuchen. Litauen war zu diesem Zeitpunkt erst seit ein paar Wochen ein unabhängiger Staat. Und Tomas Venclova, der Litauen wegen seiner kritischen Haltung gegenüber dem Sowjetsystem 1977 verlassen hatte und dem wenig später die sowjetische Staatsbürgerschaft entzogen worden war, gehörte zu den wichtigsten Stimmen seines Landes.

Tomas Venclova ist ein Dichter der Erinnerung. Noch im unscheinbarsten Vers knistern hier die Töne der Tradition, und die Wörter falten Bilder auf, vom Meer und von der litauischen Landschaft, die bald schon zu "schartigen Zacken" werden. Eine Sehnsucht nach Heimkehr ist den Gedichten eingeschrieben, aber auch die Angst vor dem Vergessen und ein Ensemble von Spuren aus dem "Höllenkreis" totalitärer Herrschaft. Zugleich ist Venclova ein Schriftsteller, der sich nicht ins ruhige Kämmerchen zurückzieht, sondern der die Welt bereist und sich als öffentlicher Intellektueller sieht. Bis jetzt kannte man ihn bei uns nur mit zwei Auswahlbänden seiner Lyrik und einem Porträt des schönen Vilnius, für Venclova eine "Stadt mit langem Gedächtnis".

Nun ist ein Erinnerungsbuch ganz anderer Art erschienen. "Der magnetische Norden" verdankt sich einer Idee, die Venclova zusammen mit der amerikanischen Lyrikerin Ellen Hinsey entwickelt hat. Sechs Jahre lang haben sich Venclova und seine Dichterkollegin geschrieben. So entspann sich ein "schriftlich geführter Dialog", wie Hinsey es in ihrem Vorwort nennt. "Nach Recherchen und Vorbereitungen habe ich Venclova Fragen geschickt, die er einige Wochen später großzügig beantwortete". Wobei das Wort "großzügig" durchaus schmeichelhaft ist, bisweilen umfassten Venclovas Antworten mehr als 25 Seiten.

"Wywiad-rzeka" heißt eine solche Form des Dialogs im Polnischen, "ein Interview wie ein Fluss". Doch die Formulierung ist in diesem Fall irreführend. Es stimmt zwar, dass Venclova seinen Gedanken freien Lauf lässt. Was man beim Lesen aber mitunter schmerzlich vermisst, sind Unterschiede in der Strömungsgeschwindigkeit. Eine kleine Stromschnelle hier, eine seichte Stelle dort, an der sich das Wasser der Rede stauen kann - und der Dialog hätte an Dramaturgie durchaus gewonnen. An der fehlenden Abwechslung hat auch die Gesprächspartnerin ihren Anteil, die das recherchierte Material in die immer gleichen Frageformen packt.

Dennoch ist "Der magnetische Norden" ein sehr lesenswertes Buch. Nicht zuletzt, weil Venclova sich intensiv mit den historischen Entwicklungen beschäftigt hat und zu manchen Phänomenen ganz eigene Deutungen entwirft. Im Juni 1941, während der ersten sowjetischen Besatzung in Litauen, kurz vor dem Einmarsch der Deutschen, suchte die Geheimpolizei eines Morgens Tausende Wohnungen auf. Die Verhafteten wurden nach Sibirien deportiert, einige in Straflager, die meisten aber in einsame russische Dörfer. Während diese Deportationen im heutigen Litauen oft als "Genozid" bezeichnet werden, spricht Venclova von einem "Stratozid", der Zerstörung einer sozialen Schicht. Denn es sei Stalins Ziel gewesen, jene Teile der Gesellschaft zu vernichten, die ihm in seinen Augen gefährlich werden konnten, besonders Lehrer, Offiziere, Beamte oder Priester. Dazu jede Menge Regimekritiker, erklärte "Klassenfeinde" allesamt.

Vielleicht liegt darin die eigentliche atmosphärische Kraft des Buches: Venclova zeigt die Verwerfungen des Krieges anhand von Szenen aus dem eigenen Leben. So beschreibt er die deutsche Okkupation aus der Sicht des Kindes, das er damals war, vor allem das Verschwinden der jüdischen Bevölkerung. Nirgendwo sonst in Europa, so Venclova, wurden innerhalb kürzester Zeit von den Nazis so viele Juden ermordet wie in Litauen: "Eine ganze Welt wurde ausgelöscht." Kollaboration, Widerstand, Vertreibung, die Rückkehr der Sowjets - Tomas Venclova arbeitet sehr gut heraus, wie sich in der Gesellschaft ein Gefüge aus Verdrängung, Verleugnung und Umdeutung entwickelte.

Später dann, für die Zeit nach dem Krieg, skizziert er die dauernde Überwachung durch den Geheimdienst und erzählt von der Ausgrenzung durch alle Institutionen, der ein kritischer Schreibender ausgesetzt war, kurzum: von einer Existenz am Rande der "normalen" Gesellschaft. Dissidenten konnten hier sehr schnell mundtot gemacht werden. Systemtreue Psychiater erklärten die kritischen Stimmen einfach offiziell für verrückt und schoben sie in psychiatrische Anstalten ab.

In Venclovas Fall kam eine Besonderheit hinzu. Sein Vater war der Schriftsteller Antanas Venclova, der unter der ersten sowjetischen Besatzung Bildungsminister war, nach dem Krieg dem Regime diente und einige Zeit den Schriftstellerverband führte. Das bot dem Sohn in manchen Situationen so etwas wie Schutz vor Verfolgung (auch wenn er das im Gespräch ein wenig zu relativieren versucht), verlieh seinen Äußerungen aber auch zusätzliches Gewicht.

Eine "Person mit unannehmbaren Auffassungen" war er für das Regime sehr früh. Darin glich er Dichtern wie Anna Achmatowa oder Boris Pasternak. Venclova, der 1937 geboren wurde, ist deren Ziehsohn im Geiste. Zu den schönsten Passagen in diesem Buch gehören die Porträts, die Venclova von Vorbildern und Freunden entwirft. Neben Pasternak, Achmatowa oder Czesław Miłosz ist es vor allem der nahezu gleichaltrige Joseph Brodsky, der ihn beeinflusste. Der Schriftsteller als Außenseiter, als einer, der Abstand zu den Phänomenen braucht, damit er sich gerade so immer wieder in die Geschehnisse einmischen kann. Der Schriftsteller als Medium, in dem sich Ethik und Ästhetik durchdringen. Was Tomas Venclova über Achmatova schreibt - "Sie war der Inbegriff des ruhigen und unerschütterlichen Widerstands gegen den totalitären Staat" -, trifft ganz gewiss auch auf ihn selbst zu.