Französischer Klassiker Aus Kratern in Kelche

Gustave Flaubert: Drei Geschichten. Herausgegeben und übersetzt von Elisabeth Edl. Carl Hanser Verlag, München 217. 317 Seiten, 28 Euro.

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Pünktlich zum Frankreich-Schwerpunkt der Frankfurter Buchmesse sind Gustave Flauberts "Drei Geschichten" neu übersetzt worden.

Von Hannelore Schlaffer

"Madame Bovary" ist als Liebesroman berühmt geworden, obwohl er in Wahrheit ein Roman über die Gleichgültigkeit der Welt gegenüber den ehrgeizigen Zielen eines Subjekts ist. Weniger berühmt, obwohl mit dem gleichen Kunstverstand geschrieben, sind Flauberts "Trois Contes". Sie handeln nicht von der erotischer Leidenschaft, sondern von christlichen Tugenden Glaube, Hoffnung, Liebe und von der Art, wie diese aus der Not entstehen und zum Wahn werden können.

Die "Drei Erzählungen" beginnen mit der Geschichte einer Magd, die im ländlichen Frankreich, in der "France profonde", mit rührender Bescheidenheit ihre häuslichen Pflichten erledigt und die katholischen Rituale vollzieht. Konsequent endet ihre Lebensgeschichte damit, dass sie, diese arme Félicité mit dem sprechenden Namen, einen ausgestopften Papagei, den sie in ihrem Zimmer aufstellt, endlich für den Heiligen Geist hält, der ihr auch noch in der Sterbestunde Trost spendet. Religiöse Visionen, hervorgegangen aus Beschränktheit, Wunsch und Wahnsinn, verfolgt Flaubert auch in den beiden folgenden Erzählungen, die in fernere Epochen und exotische Länder führen: ins Mittelalter eines Heiligen Julian und in die biblische Zeit von Herodes, Salome und Johannes dem Täufer. Flaubert, der Atheist, erzählt christliche Legenden als Beispiele für die zerstörerische Wirkung religiöser Gefühle.

Größerer Genuss als der Inhalt bereiten hier Rhythmus und Melodie

Die "Trois Contes" sind oft übersetzt worden, noch nie aber in ein so elegantes Deutsch wie von Elisabeth Edl. Während die heutigen Romanautoren die Sprache ihrer Zeit sprechen, sie also verdoppeln, stoßen bei einer Übersetzung zwei Welten aufeinander, und dabei darf, ja muss die eigene Sprache nachgeben - sie tut es zu ihrem Vorteil. Gelingt die Übersetzung, so entdeckt sie nicht nur neue Wörter, sie öffnet die Sprache auch für neue Sinneseindrücke. Die Gegenwartsliteratur wählt, um Realitätsnähe zu suggerieren, meist die Alltagssprache. Elisabeth Edl hingegen führt einen Erzähler vor, dessen Prosa mit lyrischen Mitteln arbeitet, mit Rhythmus und Klang. Die Lektüre wird von einer Melodie begleitet, die größeren Genuss bereitet, als es der Inhalt der drei Legenden je tun könnte. Beim Gastmahl etwa der Herodias häuft Flaubert Alliterationen, und virtuos gelingt es Elisabeth Edl, diese im Deutschen nachzubilden: Palmenwein und Tamariskenwein fließen "aus den Amphoren in die Krater, aus den Kratern in die Kelche, aus den Kelchen in die Kehlen."

Das ausgefallene Vokabular, mit dem Flaubert in den Geschichten das seltsame Leben von Heiligen schildert, die schwere Sünder sind, ist für einen Übersetzer kein Problem. Diese Vokabeln konnten auch schon Edls Vorgänger. Sie übertrifft deren Versuche, da es ihr gelingt, nicht nur Wörter, sondern auch deren Klang und musikalischen Takt im Kontext zu wiederholen, den Ton also von Flauberts Stimme wiederzugeben, der, wie seine Besucher berichten, seine geschriebenen Sätze sich selbst mehrmals vorsprach.

Elisabeth Edl stattet den Band mit Briefen aus, in denen Flaubert die sprachlichen Kostbarkeiten gern als Bagatellen abtat, mit Anmerkungen auch und einem Nachwort, das auf Ursprung und Kontext der Legenden eingeht, sodass dem Leser Flauberts implizite Religionskritik nicht entgeht.