Französische Literatur Ein Herzstück Afrika gefällig?

In seiner pointierten Kolonialerzählung "Kongo" lässt Éric Vuillards die Gerippe klappern.

Von Joseph Hanimann

Wenn der französische Schriftsteller und Filmautor Éric Vuillard über historische Figuren schreibt, dann klappern die Gerippe. Weder verfasst er historische Romane, noch Dokumentationen, noch Geschichtsstudien. Wie seine "Ballade vom Abendland"(2014) trägt nun auch "Kongo" den Untertitel "Erzählung". Es geht um die Berliner Afrika-Konferenz 1884 und ihre Konsequenzen für den Kongo. Zwar ist der Ansatz dokumentarisch. Doch verkündet der Erzähler gleich zu Beginn, er werde, wie die europäischen Kolonialmächte damals mit ihren Dienstboten und Negern gemacht hätten, was sie wollten, mit den Gerippen der Konferenzteilnehmer so verfahren, wie es ihm gefalle.

Statt Groteske und Tragik unter Hochtemperatur erzählerisch ineinander zu verschmelzen, wechselt Vuillard im Tonfall von einem zum anderen mit einer stilistischen Freiheit, die das Buch zu einer scharf geschwungenen Arabeske zur kolonialen Jahrhundertgeschichte werden lässt. Europa langweilte sich, so lesen wir, gegen Ende des 19. Jahrhunderts und unternahm, was es ein paar Jahrhunderte zuvor schon einmal unternommen hatte. Diesmal aber hätten nicht mehr Sklaven, sondern Rohstoffe und Land im Mittelpunkt gestanden. Dabei sei man sich gegenseitig so sehr ins Gehege gekommen, dass der Kanzler eines in Kolonialfragen noch ganz unerfahrenen Reichs, ein Mann namens Bismarck, an den noch heute ein Heringsgericht, eine Palmensorte und eine Kleinstadt in North Dakota erinnerten, sich entschloss, eine Konferenz nach Berlin einzuberufen.

Der König eines anderen, etwas zu klein geratenen Reichs, Leopold XV. von Belgien, stahl dem deutschen Reichskanzler jedoch die Schau mit seinem Plan, ein möglichst großes Stück Afrika im Kongobecken nicht etwa zu erobern, sondern gleichsam als persönliche Privatkolonie zu kaufen. "Der technische Berater der deutschen Delegation stammelt ein paar Worte. Kopfnicken. Alle kommen sie mit ihrer kleine Grenzforderung, ihrem Wegrecht. Afrika wird in sämtliche Richtungen mit der Lupe abgesucht. Da reißt das Auge auf. Ist das groß! Ist das schön!"

Der Hochstapler Henry Morton Stanley, im Dienst des belgischen Königs, trieb mit seinen Schilderungen von feuchtem Gras, Feuerspuren, schreienden Affen und trockenzulegenden Sümpfen den Konferenzteilnehmern den Schweiß von Habgier und Unternehmungslust in die Stirn. Vuillard erzählt Weltgeschichte wie eine Zirkusclownposse. Mitunter hält er im Ereignisablauf plötzlich inne und holt wie der Solist beim Konzert zu einer virtuosen Improvisation aus. Der Renaissance-Konferenztisch im großen Salon des Palais Radziwill in Berlin etwa, um den die Herren am 15. November 1884 Platz nahmen, wird Anlass zu einem reizvollen kleinen Exkurs über den Sieg der europäischen Tischkultur gegenüber den Teppichkulturen der südlichen Welthemisphäre.

Der belgische Statthalter wird im Alter die Dämonen nicht los

Der Wechsel vom grünen Tisch in Berlin in das reale Kongobecken mit Brandstiftung, Brutalität und Mord bringt dann einen Tonwechsel vom sarkastisch Schrillen zum besinnlich Kleinlauten, mit Anflügen von Reflexion über Gut und Böse. Das ist nicht durchgehend überzeugend, immer aber eindrücklich dargestellt. Der belgische Statthalter Léon Fiévez, der von seinem Personal als Rechtfertigungsbeweis für die verschossene Munition jeweils eine abgehackte Hand der Toten verlangt, trägt weniger die Bestialität als solche in sich als eine ansteckend, faulige Verwunderung darüber, dass ihn angesichts der korbweise eingehenden Menschenhänden nicht selber der Ekel befällt. Dass Fiévez nach dem langen Einsatz für die Kautschukernte in Afrika in seinen alten Tagen zwischen den Piss- und Waschbecken der Bars von Brüssel die böse Erinnerung nicht mehr los wird, zeugt von einem Rest Grundvertrauen des Autors in den Menschen, das zwischen dem schwarzen Humor, dem Sarkasmus und der einfühlsamen Beschwörung der Opfer zu überleben versucht.

Vuillards Erzählung lebt mehr von der pointierten Darstellung historischer Situationen als vom stringenten Entwurf einer Geschichtsvision. Die kann man sich in diesem Buch aber leicht selber zurechtlegen. In der klirrend scharfen und zugleich bilderreich üppigen Übersetzung von Nicola Denis bietet es eine unterhaltsame, lehrreiche und beklemmend anregende Lektüre.