Fotos aus Afrika Antlitz der Zeit

Winfried Bullinger hat in Ostafrika Angehörige indigener Völker fotografiert, die sich eine Existenz jenseits der zivilisatorischen Normen bewahren konnten. Mehr individuelle Würde haben Menschen auf Fotografien selten entfalten können.

Von Gottfried Knapp

Wie individuell verschieden Menschen sein können, lässt sich kaum irgendwo intensiver nacherleben als in den großformatigen Porträts, die Winfried Bullinger zwischen 2011 und 2016 im östlichen Afrika von Angehörigen indigener Völker gemacht hat. Mit einer unhandlichen Großformatkamera und schweren Zusatzgeräten behängt hat sich Bullinger in den Ländern, die am Großen Afrikanischen Grabenbruch liegen, also im Sudan und Südsudan, in Äthiopien, Kenia und Uganda, auf die Suche nach Menschen begeben, die sich eine Existenz jenseits der zivilisatorischen Normen bewahren konnten. Manche von ihnen sind die letzten Nachkommen eines aussterbenden Volkes, ja einige gar die letzten Vertreter einer ganzen Sprachfamilie.

Bullinger nimmt auf seinen Expeditionen stets Leute aus der Region als Begleiter mit; sie versuchen, Kontakte herzustellen zu den Menschen, die abseits der Handelsplätze und Verkehrswege und weitgehend außerhalb der politisch kontrollierten Gebiete als Nomaden nach eigenen Regeln leben, sich selbst versorgen und, wenn nötig, auch selbst verteidigen, wie die von vielen Männern mitgeschleppten Gewehre zeigen.

Nur wenn die angesprochenen Personen damit einverstanden sind, dass sie in ihrer Alltagsaufmachung betrachtet werden, baut Bullinger die Kamera auf und vollzieht das Ritual des fotografischen Erfassens, des möglichst sachlichen, von Gefühlen, aber auch von technischen Manipulationen unbeeinflussten Porträtierens. Die abgebildeten Personen entscheiden also selber, wie sie sich darbieten wollen. Sie werden allerdings nie erfahren, wie sie wirklich aussehen auf dem Abzug, der irgendwann in Deutschland von der Fotoplatte gemacht wird. Doch wir, die Betrachter der fertigen Porträts, könnten es ihnen sagen: Mehr individuelle Würde haben Menschen in Fotografien selten entfalten können als die Frauen und Männer der Karamojong, der Turkana, der Afar und der Bodi in den Schwarz-Weiß-Fotografien von Winfried Bullinger.

Unter dem Titel "An den Rändern der Macht" hat Bullinger eine Auswahl seiner afrikanischen Porträts in einem beeindruckenden Bildband zusammengefasst. Im Anhang stellt er die Personen mit den wenigen Dingen, die er von ihnen weiß, einzeln vor und zeigt auf der Karte, wo sie zur Zeit der Begegnung gelebt haben. In einem klugen Essay definiert der Fotografie-Historiker Hubertus von Amelunxen den Platz, den Bullingers Afrika-Zyklus in der Fotografiegeschichte, aber auch im aktuellen postkolonialen Diskurs über Afrika beanspruchen kann. Die Methode, mit der Bullinger Menschen in schwer zugänglichen Regionen porträtiert, mag sich vom konsequent soziologischen Ansatz, mit dem August Sander "Menschen im 20. Jahrhundert" porträtiert hat, deutlich unterscheiden, doch die schöne Formulierung, die Alfred Döblin für Sanders Menschenbilder gefunden hat, passt auch auf Bullingers Afrika-Porträts: Sie sind ein "Antlitz der Zeit".

Winfried Bullinger: An den Rändern der Macht. Deutsch und Englisch. Hatje Cantz Verlag 2017. 231 Seiten, 180 Abbildungen 68 Euro