Fotoband "Land ohne Eltern" Wenn Eltern und Kinder in Fernbeziehung leben

Andrea Diefenbach fotografiert zerrissene Familien. Kinder, die in Moldawien zurückbleiben, und deren Eltern, die in Italien - mühsam und teils illegal - ihr Geld verdienen. "Land ohne Eltern" öffnet den Blick für schwer vorstellbare Zustände und entgeht dabei der Kitschfalle.

Von Irene Helmes

Vielleicht ist die Mutter aus Italien am Apparat - ein Bild aus "Land ohne Eltern" von Andrea Diefenbach.

(Foto: Andrea Diefenbach)

Vielleicht sollte man, um seinen doppelten Boden zu verstehen, den Fotoband "Land ohne Eltern" zuerst in der Mitte aufschlagen und von dort weiterblättern. Da sieht man zunächst müde Menschen. Mittleren Alters, ungeschminkt und nicht gerade schick gekleidet. Eine Frau mit gelben Gummihandschuhen, die eine Kühltheke auswischt. Männer und Frauen, die alten Menschen aus dem Rollstuhl helfen oder ein Lätzchen zum Essen umbinden. Eine Frau beim Fensterputzen, eine andere beim Obstkisten packen.

Putzfrauen, Altenpfleger, Arbeiter. Irgendwo in Italien, doch es könnte auch in Deutschland sein. Nichts Besonderes zu sehen also. Oder doch. Zwischen die Bilder aus dem trüben Alltag sind andere Fotos gemischt. Da winkt ein kleines Mädchen mit Zöpfchen aus einem Bilderrahmen, der liebevoll auf eine altmodische Schmuckdecke platziert ist. Da liegt ein Haufen Pakete mit Beschriftung in grobem Filzstift. Noch mehr Kinderfotos. Noch mehr Pakete. Wo sind die Kinder? Für wen sind die Pakete?

Mitten in Europas Finanzkrise häufen sich die Nachrichten über eine neue Welle von Wirtschaftsflüchtlingen aus Spanien, Griechenland und anderswo, die in Deutschland und anderen noch relativ stabilen EU-Staaten das suchen, was ihre Heimat ihnen nicht mehr bieten kann. Neuerdings sind auch die Asylanträge aus Serbien und Mazedonien ein Thema. Aus Moldawien, dem winzigen Nachbarland im Osten der EU, hört man - außer kürzlich dank der Dokumentation "Mama illegal" - eher nichts. Allerdings: Ärmer als hier sind die Menschen nirgendwo in Europa und das ist schon lange so. Hier ist zu besichtigen, was das anrichten kann.

Andrea Diefenbach, geboren 1974, hat nun vor kurzem den n-ost-Reportagepreis dafür erhalten, dass sie sich während der vergangenen Jahre mehrfach auf den Weg gemacht hat nach Italien und nach Moldawien, um Arbeitsmigranten zu fotografieren und deren Familien, die nicht mitkommen konnten, weil es an Geld fehlt oder am Visum. Die paradoxe Konstellation, die dadurch typischerweise entsteht: Moldawische Frauen und Männer kümmern sich weit weg für Geld um Fremde, während ihre Kinder selbst Hilfe bräuchten. Das Buch dazu ist jetzt erschienen. Das nötige Vertrauen für die Bilder habe sie durch "Freundlichkeit, Beharrlichkeit und viel Glück" aufgebaut, sagt Diefenbach selbst. Was hat sie dabei gefunden? Die Angst ihrer Modelle vor der Entfremdung, so die Fotografin, "viele haben bei anderen beobachtet, dass Ehen und Familien tatsächlich zerbrechen". Die größte Hoffnung? "Die Kinder wiederzusehen."

Blättert man zurück an den Anfang von "Land ohne Eltern", zeigen sich diese Daheimgebliebenen, Daheimgelassenen. Ein Mädchen spült in einem kleinen Bottich Geschirr ab, erst auf den zweiten Blick fällt auf, was hier fehlt: fließendes Wasser. Kinder sitzen in der Schule vor Suppentellern. Sie tragen Wollmützen und warme Pullover, genauso wie auf den folgenden Seiten im Klassenzimmer und sogar beim Sport. "Die Schule war den Winter über kaum geheizt", heißt es im Begleittext von Nicola Abé.

Ein Mädchen telefoniert mit einem Telefon mit Wählscheibe. Die Großmütter tragen kleine, dreieckige Kopftücher. Mehrfach sind Hühner vor bescheidenen Häuschen zu sehen. Manche Wohnungen erinnern vage an deutsche Einrichtungsgewohnheiten aus den siebziger oder achtziger Jahren, viel Gehäkeltes, große Blumenmuster, Orange- und Brauntöne.

Aber sind hier alle permanent todunglücklich? Sieht auch nicht so aus. Das Leben geht immer weiter, scheinen viele Bilder zu sagen. Ein Junge spricht mit der Mutter über eine Webcam - manchmal passt sie von Italien aus via Internet auf ihn auf, während der in Moldawien gebliebene Vater Erledigungen macht, steht im Buch zu lesen. Anderswo streicht eine Katze um Stuhlbeine, in einer Küche stapeln sich Packungen mit italienischem Fertigkuchen. Zwei Mädchen spielen an einem Sommertag in einem Wasserbecken. Ein kleiner Junge grinst seine Großeltern an. In der schlecht geheizten Dorfschule hängen schneeweiße Vorhänge am Fenster.

"Mischung aus Stolz und Verlegenheit"

Durch diese Vielseitigkeit wird "Land ohne Eltern" erträglich, ohne das eigentliche Thema zu verkitschen: dass Abertausende Europäerinnen und Europäer, die in einem ziemlich kaputten Land geboren sind und nicht das Glück der Reisefreiheit genießen, sich auf verwinkelten Wegen in die EU - in diesem Fall Italien - schleusen lassen, um dort Arbeit, meist die Drecksarbeit, zu erledigen. Wie daran Ehen und Familien leiden, das deuten die kurzen Protokolle zu den Einzelschicksalen an, die Diefenbach ans Ende ihres Buchs stellt und die den Fotos erschreckende Wucht verleihen.

Ihr Ausgangspunkt, so erzählt Diefenbach, war bei ihrer ersten Reise nach Moldawien eine Lehrerin, die Deutsch sprach und ihre "Eintrittskarte" wurde. In deren Schulklasse hoben auf die Frage, wessen Eltern in Italien leben, etwa zwei Drittel der Kinder "mit einer Mischung aus Stolz und Verlegenheit" die Hände. So ergab sich die Idee zu "Land ohne Eltern". Später reiste Diefenbach, mit den Handynummern einiger Mütter und Väter im Gepäck, nach Italien, um deren dortiges Leben zu dokumentieren. Auch nach Moldawien reiste sie erneut, und dieses Kommen und Gehen half auch, trotz allem die nötige Distanz zu wahren, sagt Diefenbach.

Das Ergebnis ist kein schmuckes Coffee Table Book geworden. Die Identifikationsmöglichkeiten sind gering. Die Menschen, die Diefenbach zeigt, dürften die meisten deutschen Betrachter, die 40 Euro für einen Bildband ausgeben können, höchstens an ihre Putzfrau oder an den Arbeiter an der Baustelle nebenan erinnern als an jemanden, mit dem sie persönlich vertraut sind. Doch genau das macht "Land ohne Eltern" eindrucksvoll: Diefenbach hat sich die Mühe gemacht nachzuforschen, wo denn die Kinder der Putzfrau sind. In der Laudatio zum n-ost-Reportagepreis, den Diefenbach dafür erhielt, wird ihre Bildsprache als "ebenso unprätentiös wie einfühlsam" gewürdigt, voller "Sympathie und Respekt für die Menschen, die sie porträtiert". Zu Recht.

Andrea Diefenbach: Land ohne Eltern. Texte von Nicola Abé, Dumitru Crudu, Grigore Vieru. Kehrer Verlag, Heidelberg 2012. 124 Seiten, 73 Farbabb., Deutsch/Englisch. 39,90 Euro.