Foto- und Essay-Projekt Was das Land nicht vergisst

Vom Beduinendorf al-Araqīb ist nur der Friedhof geblieben. Wo die Häuser standen, sind die Aufforstungsarbeiten in vollem Gange.

(Foto: Fazal Sheikh)

Der New Yorker Fotograf Fazal Sheikh und der aus Israel stammende Konfliktforscher Eyal Weizman dokumentieren die Spuren von Zerstörung und Vertreibung in der Negev-Wüste.

Von Jörg Häntzschel

Während des Arabisch-Israelischen Kriegs von 1948 zerstörten israelischen Truppen etwa 450 palästinensische Dörfer und Städte. 700 000 Palästinenser wurden vertrieben. In den darauffolgenden Jahren erklärte der neugegründete Staat Israel die Kolonisierung dieser Gebiete, die großenteils in der Negev-Wüste lagen, zu einer nationalen Aufgabe. "Lasst die Wüste blühen!", lautete die Losung des ersten Premierministers David Ben-Gurion. Dass es nicht nur darum ging, Bäume zu pflanzen oder Agrarfläche zu vergrößern, war von Anfang an klar. Die Begrünung der Wüste diente als eine Art nationaler Schöpfungsgeschichte. Sie sollte die Stärke und Legitimation des neuen Staats mehren.

Doch wie genau die Wüste zu einem Medium des nationalen Narrativs gemacht wurde und was das für die Beduinen bedeutete, die dort lebten, das hat noch niemand auf so intelligente und nachdrückliche Weise erforscht wie der New Yorker Fotograf Fazal Sheikh und der in London lebende, aus Israel stammende Konfliktforscher, Theoretiker und Aktivist Eyal Weizman. Sheikhs fünfjährige Arbeit ist nun in drei Bänden unter dem Titel "The Erasure Trilogy" erschienen. Weizman hat dazu den wiederum mit Bildern von Sheikh illustrierten Essay "The Conflict Shoreline" geschrieben, eine Art Komplement zu der Trilogie. Kein anderer Verlag als Steidl hätte sich wohl dieses Stoffs angenommen und daraus großartige Bücher gemacht.

Von der Vertreibung der Beduinen und der Urbarmachung der Wüste im Dienste der Propaganda erzählt Sheikh in jedem der drei Bände auf unterschiedliche Weise. Für "Memory Trace" sucht er die Ruinen auf, die von den palästinensischen Dörfern geblieben sind, und dokumentiert minutiös die Geschichten ihrer Zerstörung. Viele seiner stillen Schwarz-Weiß-Fotos zeigen bukolische, scheinbar unberührte Landschaften - dann nämlich, wenn die Zerstörung besonders gründlich ausfiel. Andere sind voller Spuren von Gewalt: Sie zeigen Trümmerhaufen und geborstene Mauern, als sei alles erst gestern gewesen.

So oder so: Seine Bilder sind Fragen. Die Antworten geben die früheren Bewohner, die heute, siebzig Jahre später, meist immer noch in Flüchtlingslagern leben. Sie berichten von den Massakern und von der Angst, die sie als Kinder erlebt haben und die ihr ganzes Leben beherrscht hat. Genau darum, um die Zeit, die vergangen ist, geht es in dem Band "Independence/Nakba". Für jedes Jahr hat Sheikh einen Israeli oder Palästinenser fotografiert, vom Säugling bis zum älteren Mann.

Der dritte Band, "Desert Bloom", hingegen handelt von der Gegenwart der Wüste: ihrer Aufforstung, ihrer Besiedelung und ihrer Nutzung für Militärstützpunkte, Atomanlagen und Mülldeponien - lauter Unternehmen, die, so Weizman, auch dem Nebenzweck dienen, die letzten Spuren auszulöschen, die vom Leben der ursprünglichen Bewohner geblieben sind.

In jedem der Bände versucht Sheikh, die Beschränkungen der Fotografie zu überwinden: Im ersten Band zeigt er Verschwundenes; im zweiten stellt er den Ablauf von Lebenszeit dar. Im dritten fotografierte er die Wüste aus der Luft und recherchierte anhand der jeweiligen Position minutiös, was es war, das er da überflog. Er fand Ruinen einer 2500 Jahre alten Stadt und Reste eines halb im Sand versunkenen römischen Heerlagers.

Doch es ist nicht die Antike, die Sheikh mit seiner Archäologie erforschen will, sondern die Gegenwart: Die vielsagenden Spuren, die Panzer und Armeelastwagen hinterlassen, die parallelen Linien, die sich in Schwüngen durch die Landschaft ziehen - Erdwälle, die neu gepflanzte Bäume schützen sollen, und Spuren früherer Siedlungen - Friedhofsmauern, Tierweiden, Trampelpfade, Gebäudereste -, denen die israelischen Bulldozer immer näher kommen. Bei Sheikh, so schreibt Weizman in seinem Essay, ist der Wüstenboden ein grafisches Aufzeichnungsmedium wie die Fotografie. Nur ist es nicht das Licht, das hier Spuren hinterlässt, sondern Leben, Arbeit und Machtausübung von Menschen.

Dass Beduinen ein Volk von Nomaden sind, wird hier mit aller Klarheit widerlegt

Und genau das ist es, was diese Aufnahmen für Weizman so bedeutsam macht. Ausgangspunkt seines Essays "The Conflict Shoreline" ist das Beduinendorf Al-‛Araqīb. Seit dessen Bewohner 1998, fünfzig Jahre nach ihrer Vertreibung, beschlossen, in ihren Ort zurückzukehren, kämpfen sie einen erbitterten Kampf gegen die israelischen Behörden. Etliche Male wurde ihr Dorf seitdem zerstört. Die israelische Argumentation folgt dabei einem Muster, das seit der Staatsgründung fest etabliert ist: Weil die Wüste tot war, wegen ihrer Trockenheit nicht besiedelbar, bis die Zionisten sie zum Leben erweckten, muss es sich bei den Beduinen um Nomaden gehandelt haben. Und da diese nirgends dauerhaft siedelten, können sie heute auch kein Land für sich reklamieren.

Weizman weist nach, dass diese Behauptung nicht zu halten ist. Dazu führt er historische Reiseberichte an, Klimastatistiken, alte Landkarten, Aufzeichnungen über Ernteerträge, Luftaufnahmen aus den Weltkriegen und eben Sheikhs Fotos: Puzzlestück für Puzzlestück setzt er zusammen, bis eine ganz andere Version der Beduinenkultur aufscheint: Sie gruben Brunnen, bauten Häuser und bestellten Felder.

Doch es ist nicht nur der lokale Konflikt, der Weizman beschäftigt. Er behandelt das Dorf als eine Fallstudie dafür, wie sich Klima und Ökologie als politische Waffe benutzen lassen. Sei es, indem man den Beduinen die Zugehörigkeit zur Zivilisation abspricht, weil sie nach gültigen Kriterien an Orten leben, die für menschliches Leben nicht geeignet sind. Sei es, wie heute, indem man Klima und Vegetation künstlich verändert, um den eigenen Herrschaftsraum zu erweitern. Auch der globale Klimawandel ist, so schreibt Weizman, mehr als nur ein Kollateralschaden westlicher Wohlstandsmehrung. Er ist ein Instrument der Unterdrückung.

Fazal Sheikh: Erasure. 438 Seiten, 98 Euro.Eyal Weizman, Fazal Sheikh: The Conflict Shoreline: Colonization als Climate Change in the Negev Desert. 96 Seiten, 30 Euro. Steidl Verlag, Göttingen 2015.