Forschungskrimi Der Bücherschatz in der Einkaufstüte

Mittelalterforscher haben in einem Birgittenkloster in Bayern eine sensationelle Handschriftensammlung entdeckt. Doch die Kirche gibt sie nicht frei.

Von Rudolf Neumaier

Seriöse Wissenschaftler scheuen den Begriff Sensation. Sie umschreiben ihn so elegant wie möglich, doch beim Mediävisten Volker Schier und seiner amerikanischen Kollegin Corine Schleif von der Arizona State University ist die Begeisterung, die jeden Forscher nach dem Entdecken einer Sensation umtreibt, in jeder Silbe hörbar. Schleif und Schier ergründen mit Kollegen die Lebenswelten von Nonnen im Mittelalter. In einem kleinen oberbayerischen Dorf fanden sie dabei einen Schatz. Heben dürfen sie ihn nicht. Man kann sich vorstellen, wie enttäuscht diese Wissenschaftler sind und wie besorgt - auch das klingt in jeder Silbe durch.

In Altomünster im Nordwesten von München steht ein Kloster des Birgittenordens. Dort tagte im vergangenen Herbst ein internationales Symposium von Theologen, Kunsthistorikern, Musik- und Geschichtswissenschaftlern. Sie wussten, dass sich in dem Kloster wohl ein paar interessante Handschriften aus dem Mittelalter befanden. Dass dort aber einer der größten Bestände an jahrhundertealten birgittinischen Büchern schlummerte, ahnten sie nicht. Volker Schier erinnert sich, wie sie bei der Tagung die letzte in dem Kloster lebende Nonne nach der Bibliothek fragten - und wie die ihnen dann einige Bände zum Anschauen brachte. In einer Einkaufstüte.

Die Birgitten lebten früher in strenger Klausur, Kontakt zur Außenwelt war tabu. Es wäre völlig undenkbar gewesen, dass eine ordensfremde Person in diese abgeschlossenen Räume vordringt, zu denen auch die Bibliothek gehört. Wo aber nur noch eine Schwester im Kloster lebt, überprüft niemand mehr die Ordensregel. Also bot die letzte Birgittin von Altomünster den Gästen an, ihnen den Raum zu zeigen, aus dem sie gerade die mittelalterlichen Handschriften in einer Einkaufstüte gebracht habe. So kam's dann. Die Wissenschaftler trauten ihren Augen kaum.

Sie fanden in diesen schon lange nicht mehr gepflegten Räumen ein Vielfaches von dem vor, was sie bislang an Handschriften aus diesem Orden kannten. Zum Beispiel, sagt Schier, seien bis dahin weltweit höchstens acht Prozessionalien bekannt gewesen. Prozessionalien sind liturgische Bücher mit Gesängen und Gebeten, sie schrieben den Nonnen exakt den Ablauf ihrer Gebetsgänge vor. In Altomünster, dem letzten und einzigen Kloster dieses Ordens im deutschsprachigen Raum, trafen sie nun an die 30 Exemplare an. Wie sich zudem herausstellte, befinden sich hier zahlreiche illuminierte Handschriften aus anderen Birgittenklöstern, die längst aufgelöst sind und ihre Nachlässe nach Altomünster verfügten. "Wir gehen davon aus, dass der überwiegende Teil früher birgittinischer Handschriften allein in der Bibliothek in Altomünster vorhanden ist", sagt Corine Schleif.

Wer sich in Altomünster umhört, bekommt bizarre Geschichten aus dem Kloster zu hören

Vom Altomünsterer Bestand, der sich - konservatorisch betrachtet - in einem desolaten Zustand befindet, erhofften sich die Wissenschaftler tiefe Einblicke ins Ordensleben und in die Mystik und Liturgie der Ordensgründerin Birgitta von Schweden. Euphorisiert von diesem Schatzfund kehrten die Birgittenforscher heim an ihre Universitäten nach Uppsala in Schweden, Chicago, Oxford, Utrecht in Holland und nach Tempe, Arizona.

Doch mittlerweile bangen sie um ihre Entdeckung. Denn was aus den Büchern wird, ist unklar. Der Vatikan leitete im Dezember die Auflösung des Birgittenklosters von Altomünster ein. Das war zu erwarten. Wer sich in Altomünster umhört, bekommt bizarre Geschichten aus dem Kloster zu hören, von dubiosen Grundstücksverkäufen bis hin zu Weinankäufen zu vierstelligen Beträgen. Als apostolische Kommissarin, die die Klosterabwicklung vorbereiten soll, beauftragte der Vatikan die Franziskaner-Schwester Gabriele Konrad aus dem zwanzig Kilometer entfernten Schönbrunn.

Ihr boten die Birgittenforscher an, auf eigene Kosten sämtliche Bücher im Altomünsterer Kloster zu inventarisieren und zu digitalisieren. Die Klosterforscher betreiben ein finanziell gut ausgestattetes Projekt, in dem sie mittelalterlichem Ordensleben nachspüren und eine Birgittenkirche virtuell rekonstruieren, im Internet unter Sensescapes.asu.edu zu finden. Doch Schwester Gabriele schlug das großzügige Angebot der Experten aus.

Die Franziskanerin verständigte sich mit Rom und mit dem Archiv des Erzbistums München. Es sei für sie nicht infrage gekommen, die Wissenschaftler des Birgittenprojekts einzuschalten, weil man "den gesamten Bestand an Schriftgut erst selbst erfassen muss". Archiv und Bibliothek seien in Altomünster vermischt. Zunächst seien Archivalien und Buchbestände zu ordnen. Traute die Schwester den Birgittenforschern und ausgewiesenen Fachleuten diese Aufgabe nicht zu? Sie engagierte einen Buchrestaurator und zwei Fachkräfte, die den Buchbestand erfassen sollen. Es handle sich nicht um Mitarbeiter des erzbischöflichen Archivs aus München. Wer die Fachkräfte sind und was sie qualifiziert, sagt die apostolische Kommissarin aber nicht. Auch über den Umfang des Bestandes gibt es keine Auskunft. "Das lässt sich noch nicht sagen, weil fast jeden Tag was Neues gefunden wird."

Die sparsam dosierten Informationen bereiten den Forschern Sorgen. Soll der Bestand zu Geld gemacht werden? "Es wäre ein Drama", sagt Corine Schleif, "wenn die Stücke bald bei Christie's oder Sotheby's auftauchen würden." Bei Sammlern könnten sie Rekordsummen erzielen. Volker Schier verweist darauf, dass in den letzten Jahren mehrere Klosterbibliotheken verscherbelt wurden: Das Zisterzienserkloster Himmerod habe alte Drucke versteigern lassen, im österreichischen Michaelbeuern seien bedeutende Teilen der Benediktiner-Bibliothek verkauft worden, und Bestände der Redemptoristen-Hochschule in Hennef-Geistingen seien bei Ebay angeboten worden.

Im Fall von Altomünster würden Dokumente verloren gehen, die Einblicke in die aus heutiger Sicht höchst kontemplative Praxis dieses Ordens geben. Birgitta Birgersdotter, die im 14. Jahrhundert wirkende Gründerin des Ordo sanctissimi Salvatoris, des Ordens des Allerheiligsten Erlösers, erlegte den Angehörigen ihrer Religionsgemeinschaft einen außergewöhnlich stramm durchgetakteten Gebetsstundenplan mit wenig Schlaf und so gut wie keiner Freizeit auf. Christus selbst, versicherte sie, habe ihr die Regeln diktiert. Ihre niedergeschriebenen Karfreitagsvisionen sind so bluttriefend, dass sie Mel Gibson für seinen Film "Die Passion Christi" inspiriert haben sollen.

Die erzbischöfliche Pressestelle in München beteuert ebenso wie Schwester Gabriele Konrad, die Altomünsterer Bibliothek solle erhalten bleiben. "Diese Dinge sind doch Schätze, und Schätze hütet man", sagt die Franziskanerin. Sie lasse den Buchbestand auch digitalisieren, spätestens im Februar stünden die Daten der Öffentlichkeit und damit auch den Birgittenforschern zur Verfügung. Bis dahin wird außer ihr und den von ihr eingesetzten Archivaren niemand in die Bibliothek gelangen.

Nun ist die Bayerische Staatsbibliothek auf den Fund aufmerksam geworden

Nun allerdings könnte es sein, dass noch ganz andere Fachleute Einlass begehren. Die Birgittenforscher fanden heraus, dass der Freistaat Bayern ein Zugriffsrecht in Form eines Eigentumsvorbehaltes in bestimmten Klöstern besitzt, die aufgelöst werden. Zuletzt habe er vor elf Jahren bei einem Kloster in Altötting davon Gebrauch gemacht. Nun ist die Bayerische Staatsbibliothek in München als zuständige Fachbehörde auf den Altomünsterer Fund aufmerksam geworden. Es sei "in der Tat davon auszugehen, dass die Bücher, die sich zur Zeit der Säkularisation eines Klosters dort befunden haben, als staatliches Eigentum zu gelten haben", teilt ihr Sprecher Peter Schnitzlein mit. Allerdings sei wohl eine aufwendige Einzelfallprüfung nötig. Und dazu werde man nun aktiv auf Altomünster zugehen. Die Birgittenforscher vernehmen das mit Erleichterung. Beim Staat sei der Schatz womöglich sicherer als bei der Kirche.