Flüchtlinge Wiedersehen

Auf einer Führung durch das Vorderasiatische Museum betrachten Flüchtlinge eine Gebetsnische aus dem anatolischen Konya aus dem 13. Jahrhundert. Möglicherweise war einst der Weg der Objekte nach Berlin weniger hart als heute jener der Menschen.

(Foto: Anton Roland Laub/Museum für Islamische Kunst)

Jeden Mittwoch laden die Staatlichen Museen zu Berlin Flüchtlinge in ihre Häuser ein - zu Führungen auf Arabisch. Ein gemeinsamer Besuch.

Von Sonja Zekri

Ein bisschen sehen alle aus wie ertrunken, hinabgesunken auf den Meeresgrund, im endlosen blauesten Blau, das ein menschliches Auge erträgt. Das ist kein Wunder, denn dies ist das Ischtar-Tor, und die Flüchtlinge davor oder besser, darin - ein gutes Dutzend, fast alle Syrer -, schauen die Wände so beeindruckt rauf wie alle anderen Besucher auch.

Berlin, Pergamonmuseum, ein Mittwoch im März. Dies hier ist "Multaka - Treffpunkt Museum", eine Führung für Flüchtlinge. Auf Arabisch. Zoya Masoud, gebürtige Syrerin, seit vier Jahren in Deutschland, Master in Archäologie, hat sie empfangen und erklärt. Es dauert keine zwei Minuten, da stellt Radwan Hamed aus Damaskus die Frage, die jeder Araber hier stellen muss. Was macht das Ischtar-Tor in Berlin und warum ist es nicht in Babylon?

Das Ischtar-Tor reiste damals in 400 Kisten von Babylon nach Berlin. Ganz offiziell

Es habe Verträge gegeben, erklärt Masoud, zwischen dem Osmanischen Reich und dem Deutschen Reich. Nur deshalb konnte Robert Koldewey, der Entdecker Babylons, das Prachttor Ende der Zwanzigerjahre aus dem heutigen Irak in fast 400 Kisten voller Fragmente nach Berlin bringen. Alles ganz legal. Schön und gut, murmelt es in der Gruppe, mehr noch, es sei ja überhaupt ein Glück, dass das Tor jetzt hier stehe - weit weg von Krieg und Terror und Verfall. Später bedankt sich einer der jungen Männer dafür, dass Deutschland die Schätze seiner Heimat "so gut aufbewahrt hat".

Aber es gibt auch Zweifel. "Moralisch gesehen gehört es nicht hierher", sagen einige. Und Zoya Masoud widerspricht nicht mal, sondern beruhigt eher durch die historische Perspektive, dass so etwas - der Ausverkauf der Antiken durch eine Kolonialmacht an eine andere, genannt: Fundteilung - heute ganz sicher nicht mehr möglich wäre. Aus der Gruppe murmelt es, dass es auch heute noch Möglichkeiten gäbe, krumme Verträge abzuschließen und ein Land zu plündern.

An diesem Punkt, etwa eine Viertelstunde nach Beginn der Führung, wird zweierlei deutlich. Die arabische Erfahrung des politisch Wünschenswerten im Verhältnis zum politisch Machbaren unterscheidet sich grundlegend von jener der Europäer. Und, viel wichtiger: Die Ansprache in ihrer eigenen Sprache, mehr noch, die Tatsache, dass sie hier Besucher unter anderen Besuchern sind, dass sie eigentlich gar nicht auffallen, bewirkt bei den Syrern eine feine Veränderung. Es ist, als fiele das Flüchtling-Sein plötzlich von ihnen ab, der Status als Bedürftige, elende - oder: bedrohliche - Gestalten, und darunter kämen jene Menschen zum Vorschein, die sie einmal waren, ehe ihre Welt zerbrach.

Ein paar Säle weiter, die Fassade des frühislamischen Wüstenschlosses von Mschatta im heutigen Jordanien. Blumen, Figuren und Muster ringeln sich über meterhohe Steinwände, ein synkretistisches Meisterwerk aus christlichen, spätantiken und sassanidischen Elementen. "Und aus welchem Material ist es?", fragt Zoya Masoud. "Kilsi", Kalkstein, antwortet der hagere Mohammed Nadar. Wann wurde solches Wissen zuletzt abgefragt?

Zoya Masoud macht das übrigens sehr unaufdringlich, diese Einbettung der islamischen Ästhetik in das Davor und das Danach, in den wunderbar reichen Strom der nahöstlichen Kulturen - was haarscharf das Gegenteil sehr vieler, nicht nur islamischer Fundamentalisten hier und dort ist, die ihre Kultur als Höhe- und Endpunkt der Zivilisation sehen. Farben, Muster, Blumen wurden in diesem Kulturraum entwickelt und fortentwickelt und alle haben gleichermaßen Aufmerksamkeit verdient. Das fast psychedelisch farbenfrohe Aleppo-Zimmer zum Beispiel, eine Wandverkleidung aus einem syrischen Kaufmannshaus, eine Auftragsarbeit für einen Christen um 1600, ausgeführt wahrscheinlich von einem persischen Maler, der christliche Heilige neben islamischen Mystikern darstellte - damals ging das noch. Einer der Syrer erkennt Motive aus Maalula wieder, einer christlichen Stadt in Syrien, die einzige, in der noch Aramäisch gesprochen wird, auch hier wüteten die Terroristen. Und über Aleppo kann man nur weinen.

Das Museum erhofft sich neue Zuschauerkreise - und dass andere Häuser die Idee aufgreifen

Seit Dezember laden die Staatlichen Museen zu Berlin jeden Mittwoch Flüchtlinge in eines von vier Museen ein: das Vorderasiatische, Islamische und Deutsche Historische Museum und das Museum für Byzantinische Kunst. Manchmal kommen 90 Gäste, zweimal kam niemand. Es gibt keine Anmeldung, weil jede Art von Papierkram nur abschreckt, die meisten bringt ein Lehrer oder Betreuer her, auch diese Gruppe. Eine kleine Alte mit Kopftuch demonstriert erste Deutschkenntnisse: "Ich heiße Mariam und komme aus Damaskus", sagt sie auf. Obwohl das Pergamonmuseum keinen Besuchermangel kennt, wie der Projektleiter Robert Winkler sagt, ist die Gewinnung neuer Zuschauerkreise ein erhoffter Nebeneffekt. Ein anderer: wenn weitere Museen die Idee aufgreifen.

Inzwischen hat sich Radwan Hamad, ein stämmiger Typ im roten T-Shirt, ziemlich nah vor einem wandhohen osmanischen Teppich aus dem 16. Jahrhundert aufgebaut und kommandiert: "Salah! Ein Bild!" Ein Wächter stürzt herbei. Es gibt sehr offensichtlich keine Berührungsängste, eher Heimatgefühle. "Dies hier ist unsere Kultur", sagt Hamad. Macht ihn dieses Wiedersehen nun glücklich oder eher traurig? "Beides."