Film Überleben im Haifischbecken

Der Münchner Regisseur Philip Koch stellt auf dem Filmfest sein persönlich motiviertes zweites Werk vor: "Outside The Box" ist eine ironische Milieustudie über die moderne Leistungsgesellschaft

Von Bernhard Blöchl

Philip Koch will hoch hinaus. Nach der Premiere seines Debütfilms "Picco" lud der Münchner Regisseur in das Olympia-Drehrestaurant ein, das sein Vater Otto Koch damals noch betrieb. Vier Jahre später bittet der preisdekorierte Absolvent der Münchner Filmhochschule HFF auf die Sonnenterrasse des Bayerischen Hofes, um über sein neues Werk zu sprechen: "Outside The Box" heißt die Komödie, mit der sich der 32-Jährige zum ersten Mal auf dem Filmfest seiner Heimatstadt präsentiert. Etwas nervös ist er wegen der Premiere, aber dieses positive Festivalfieber, das München seit Tagen atemlos macht, passt gut zur flirrenden Luft auf dem Dach des Hotels.

Ganz nach oben wollen auch die Protagonisten seiner Geschichte, einer ironischen Milieustudie über die Konkurrenz- und Leistungsgesellschaft. Vier junge, aber schon reichlich abgebrühte Mitarbeiter einer Beratungsfirma, sogenannte "High Performer", stellen sich einem Outdoor-Training zur Team-Optimierung in der Abgeschiedenheit Südtirols. Die karrieregeilen Business-Fuzzis (stark: Vicky Krieps, Volker Bruch, Stefan Konarske und Sascha Gersak) sollen hier ihre Führungsqualitäten demonstrieren und in Stresssituationen besonnen reagieren; ihr Handeln wird von Kameras aufgezeichnet und von Psychologen ausgewertet. Was die Gruppe nicht weiß: Die PR-Managerin (Lavinia Wilson) lässt im Camp eine Geiselnahme inszenieren. Was sie wiederum nicht weiß: Die Schauspieler wollen echtes Lösegeld aus der Situation herausschlagen.

Philip Koch knüpft mit "Outside The Box" an seinen Film-Erstling an. Kernthema ist der existenzielle Druck, dem jeder tagtäglich ausgesetzt ist.

(Foto: Filmfest)

Was ist Spiel, was ist Ernst, und wer beeinflusst hier eigentlich wen? Koch inszeniert das bei Weilheim, Bozen und Meran gedrehte Psychodrama als temporeiche Abenteuerkomödie mit Arthouse- und Thriller-Elementen. Es gibt mehrere hübsche Wendungen im Plot, das Ensemble changiert raffiniert zwischen den Rollen der Manipulierten und jenen der Manipulierenden - Kinogängern kommt womöglich die US-Fantasy-Reihe "Hunger Games" in den Sinn, was gar nicht so weit hergeholt ist. Das Kernthema liegt Koch am Herzen. "Der Film ist eine Aufarbeitung der letzten Jahre, der filmindustriellen Haifischbecken-Mentalität", sagt der Münchner, der seit seinem Skandalfilm über jugendliche Straftäter - "Picco" lief etwa in Cannes - Hochs und Tiefs der Branche kennenlernte. "Das ist eine ganz extreme Parallele zwischen beiden Filmen", erklärt Koch. "Dieser sozialdarwinistische Überlebenskampf. Der ist in ,Picco' genauso präsent wie in ,Outside The Box', nur halt am anderen Ende des gesellschaftlichen Spektrums." Jeder in der Arbeitswelt könne da andocken, ist sich der Filmemacher sicher, jeder kenne diesen existenziellen Druck.

Wichtig bei der Umsetzung des Stoffes sei ihm eine "ironische Tonalität" gewesen. Viel satirische Überhöhung brauchte es aber gar nicht: Laut Philip Koch basiert seine Story auf einer realen Begebenheit; erfunden sei lediglich die Idee, dass die Geiselnehmer ihre Rolle tatsächlich ernst nehmen. "Ich finde es absurd, was Firmen so alles machen, um das letzte Quäntchen Leistungsbereitschaft herauszupressen." Der Grat zwischen Realismus und Groteske ist so schmal wie das Seil in einem Klettergarten. Auch in der Sprache wird das deutlich: Kochs Figuren ergötzen sich an jenem unerträglichen Business-Brei aus PR-Gelaber und Deutsch-Englisch-Pampf, der im Büroalltag weit verbreitet ist unter all den "Performern" und "Work-Life-Balance-Searchern". Der Wortwust mag einem auf die Nerven gehen, die Sprache in der Wirklichkeit sei jedoch noch viel ärger, betont Koch, der mit seiner Co-Autorin Anna Katrin Schneider intensiv in der Branche recherchiert habe, wie er sagt.

Philip Koch ist Regisseur und Autor aus München. Sein Debüt "Picco" (2010) war zugleich sein HFF-Abschlussfilm.

(Foto: Arvid Uhlig)

Sich selbst sieht Koch nicht als "High-Performer". "Wenn sich das ausgeht: Alle zwei Jahre einen Kinofilm, den ich selbst schreiben und von dem ich auch leben kann - das wäre mein Traum", sagt er und blickt über die Dächer Münchens. Er ist eben doch ziemlich geerdet, auch wenn er oft hoch hinaus will.

Outside The Box, Vorführung und Gespräch mit Philip Koch, Fr., 3. Juli, 14 Uhr, City-Kino