Familiendrama Mama oder ich

Vater, Mutter, Kind, und alle sind wieder glücklich? Das Drama "Die Tochter" von Mascha Schilinski stellt diese einfache Logik in Frage.

Von Kim Maurus

Man kennt sie, die Floskeln, mit denen Ehemänner ihre Geliebte vertrösten: Ihre Ehe sei kaputt und "Gefühle schon lange nicht mehr da", man könne sich eben nicht scheiden lassen, "wegen der Kinder". Aber, und das beteuert der verheiratete Mann dann vehement, trotz aller Widersprüchlichkeit: "Das Einzige, was ich wirklich will, ist bei dir sein - ob du mir glaubst oder nicht."

Auch in dem Film "Die Tochter" fällt dieser Satz. Er richtet sich allerdings nicht an eine Geliebte, sondern an die siebenjährige Luca, die mit blau verschmierten Händen neben ihrem Vater Jimmy an der Steinwand lehnt und eine Entscheidung von ihm will: Wen liebt er mehr, sie oder ihre Mutter Hannah? Dass Jimmy diese Worte wählt, zeigt das ganze Dilemma dieser Familie - vor allem aber die Brillanz, mit der die Autorin und Regisseurin Mascha Schilinski ihre drei Charaktere entwirft. Sie können nicht anders, als sich hasserfüllte Sätze an den Kopf zu werfen und sich im nächsten Moment in den Arm zu nehmen.

Das Verhältnis von Jimmy (Karsten Mielke) und Hannah (Artemis Chalkidou) ist zerrüttet, vor zwei Jahren haben sie sich getrennt. Jetzt fahren sie gemeinsam mit Tochter Luca (Helena Zengel) wieder auf die griechische Insel, auf der sie sich damals getrennt haben, weil ein Käufer Interesse an ihrem renovierungsbedürftigen Ferienhaus hat. Hier muss Luca mitansehen, wie ihre Eltern sich ein zweites Mal verlieben - nicht verständlich für das Papa-Kind, das immer noch traumatisiert ist von dem Moment, als ihre Mutter ihr mit dunkler Sonnenbrille im ausdruckslosen Gesicht mitteilte, dass "Papa zu Hause auszieht, wenn wir aus den Ferien zurück sind". Dazu dumpfe Klänge, unheilvoll und beklemmend.

Wenn Töchter zu sehr lieben: Karsten Mielke und Helena Zengel.

(Foto: Verleih)

Das Thema der Mutter-Tochter-Rivalität ist nicht ganz neu, und tatsächlich kam der Regisseurin die Idee zu ihrem Langfilmdebüt durch vereinzelte Alltagsbeobachtungen: ein Kleinkind, das Aufmerksamkeit sucht, eine junge Frau, die sich an ihren Vater schmiegt. Schilinski aber hat ihre drei Figuren so vielschichtig gezeichnet, dass man gebannt verfolgt, wie Luca mit den Mitteln ihrer kindlichen Intelligenz und Willkür darum kämpft, wieder der Liebling des Vaters zu werden.

Da stimmt jedes Detail: Die weiß-blau blendende Idylle der griechischen Insel, unterlegt von nervösem Herzklopfen. Die große Haarspange, die Luca sich in die Handfläche oder den Arm drückt, Ausdruck von Wut und Trotz. Hannah, die ihre Tochter mechanisch "Liebling" nennt, deren Blick die Eifersucht auf das innige Tochter-Vater-Verhältnis aber nicht verbergen kann.

Und Jimmy, im ausgeleierten T-Shirt mit tätowierten Unterarmen, bei dem nicht klar wird, ob er seine Tochter oft nur deshalb bevorzugt, weil er ihrer emotionalen Bedürftigkeit nicht gewachsen ist. Wodurch dann konsequenterweise das passiert, was meistens passiert, wenn Männer zu schwach sind und das Spiel zwischen Ehefrau und Geliebter zu weit treiben. Am Ende haben alle verloren.

Die Tochter, D2017 - Regie, Buch: Mascha Schilinski. Kamera: Fabian Gamper. Musik: Annagemina. Mit Helena Zengel, Karsten Mielke, Artemis Chalkidou. Verleih: Missing Films, 103 Minuten.