Roger Cicero gewinnt den Grand Prix Vorentscheid und fährt mit seiner Swing-Nummer "Frauen regier'n die Welt" zum Finale nach Helsinki. Die Gala am Donnerstagabend bewies, dass auch Camp-Kultur langweilen kann.
Die Siegerinnen-Typen konnten es kaum glauben: Fassungsloses Staunen legte sich über die Mienen von Senna, Bahar und Mandy von der Mädchenband Monrose, die seit ihrem Sieg im Pro-7-"Popstars"-Casting von Erfolg zu Erfolg geeilt waren, als die Kessler-Zwillinge wie gewohnt unisono den per Telefonabstimmung ermittelten Sieger des Grand Prix Vorentscheids 2007 verkündeten. Denn diesmal hat ein anderer gewonnen: Roger Cicero fährt mit seiner Swing-Nummer "Frauen regier'n die Welt" am 12. Mai als deutscher Teilnehmer zum Eurovison Song Contest nach Helsinki.
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Cicero glücklich, Monrose enttäuscht und Mitbewerber Heinz Rudolf Kunze gelassen: Das ist das Ergebnis der 95-minütigen Gala, deren Ablauf manche Frage zurücklässt: Sollte man der ARD nun dankbar sein, dass sie ausnahmsweise wenige Minuten ihrer kostbaren Sendezeit, die sonst für Florian Silbereisen, Andy Borg und anderers Stadlhaftes freigehalten werden muss, für Popmusik opfert?
Oder ist nicht vielmehr ein kontrollierter Wutausbruch fällig, nämlich darüber, dass die institutionalisierte Geschmacksverirrung Grand Prix Eurovision de la Chanson vom öffentlich-rechtlichen Fernsehen subventioniert und in den alljährlichen Programmplan einzementiert wird?
Einerseits mag man nicht zu harsch urteilen, denn die Grand-Prix-Fans sind ja irgendwie sympathisch, und absurde Wettbewerbe, bei denen es mit großem Aufwand um nichts geht, sind per se eine prima Sache.
Gerettet wird diese Veranstaltung seit Jahrzehnten durch die ironische Zugangsweise der Camp-Kultur: Vor allem die Homosexuellen haben den Mainstream gelehrt, wie man ein eigentlich unerträgliches Spektakel mit zweideutigem Blick und Humor für die eigenen Unterhaltungszwecke umdeutet. Lasst uns darüber lachen, sagen sie, über die schrägen Lieder und unmöglichen Kostüme, denn so lustig wird's frühestens wieder beim nächsten Grand Prix!
Mit solcher Begeisterung war auch Moderator Thomas Hermanns auf der Bühne des Hamburger Schauspielhauses bei der Sache. Um die Lücken im Programm zu füllen, hatte er sich Gäste eingeladen: Neben Paola, Susanne Fröhlich und Andrea Kiewel saß Georg Uecker als "große Dame der Grand-Prix-Geschichte" auf dem roten Talk-Sofa. Prompt begann die Runde, mit Grand-Prix-Erinnerungen an skurrile Songs und Kostüme zu langweilen.
Das war noch das kleinere Übel, denn plötzlich hieß es auch schon "Rette sich, wer kann: Medley-Gefahr im Verzug!" Wencke Myhre stürmte die Bühne und eröffnete den Reigen einstiger skandinavischer Grand-Prix-Beiträge. Siw Malmkvist übernahm und stellte die Frage, die wir uns alle schon gestellt haben: "Prima Ballerina, kleine Porzellanfigur, wieso bist du allein?" Gitte Haenning durfte nicht fehlen und komplettierte das Trio nordischer Schnulzetten, die zu einer Spar-Choreografie ihre musikalische Feuerwerks-Batterie abbrannten.
Doch das fällt alles in die Kategorie "Unnützes Wissen für 100", um es in Thomas Hermanns' Worten zu sagen. Kommen wir lieber zur Musik und damit endlich zum "Andererseits": Was haben wir am Donnerstagabend gehört?
1. Der Sieger
Roger Cicero, bei diesem Namen stellt man sich einen schweizerischen Großjournalisten vor, der ein neokonservatives Monatsmagazin herausgibt. Der Möchtegern-Sinatra-Retro-Swing, der schon bei Robbie Williams durchgenudelt wie Kaufhausmusik klang, ist nun nach vielen Jahren auch bei deutschsprachigen Interpreten angelangt: Das ist so rückständig wie einfallslos, dass man beinahe zu Heidi Klums Fastenwochen umgeschaltet hätte. Doch Cicero und seine Band legen eine druckvolle und dynamische Live-Performance hin. Das bewiesen sie beim Siegertitel wie bei "Zwei kleine Italiener" von Conny Froboess - alle Teilnehmer mussten zunächst eine Coverversion eines Grand-Prix-Klassiker zum Besten geben, um zu zeigen, dass sie "Grand Prix im Blut haben", wie Hermanns sagte.
2. Die Enttäuschten
Monrose demonstrierten unbedarften Grand-Prix-Geist. Senna, Bahar und Mandy: Drei junge Dinger, die ihr Pop-Liedchen "Even Heaven Cries" flöteten, dazu eine Choreografie wie bei einer Familienaufstellung. Das hatte schon den Charme internationaler Unbeholfenheit, wie sie so in ihren goldenen Kleidern durch das feingliedrige Bühnenbild torkelten. Besser war ihre Coverversion: Aus "Wunder gibt es immer wieder" von Katja Ebstein machten Monrose eine schwarze, sehr soulige Nummer. Zwischendurch sagten sie einen auswendig gelernten Spruch auf: Es sei eine Ehre, auf dieser Bühne zu stehen, usw.
3. Der Lässige
Begleitet von Christian Willner und seinem 30-köpfigen St. Pauli Kurorchester sang Heinz Rudolf Kunze gleich zu Beginn "Merci Chérie" von Udo Jürgens, mit dem dieser 1966 für Österreich den Grand Prix gewonnen hatte. Da hoffte man noch auf mehr von solch sanft gedimmter Abendunterhaltung. Wenn er gerade keine Radio-Quoten für deutschsprachige Popmusik fordert, scheint Kunze ein prima Kerl zu sein. Er ließ die Veranstaltung locker über sich ergehen, wohl froh, noch einmal eine große Bühne gefunden zu haben. Dann sang er "Die Welt ist Pop", mit dem jahrzehntelang erprobten Rolling-Stones-One-Size-Fits-All-Gitarrenriff: "Ich hab geflucht ich hab geweint / jetzt ist der Tag mein bester Freund / jetzt weiß ich daß ich richtig lieg / die Rettung lautet Popmusik".
Eben, genau so ist es, und deshalb wiegt das Andererseits vielleicht doch etwas schwerer als das Einerseits: Es ist traurig, dass im ARD-Hauptprogramm nicht eine Sendesekunde für aktuelle Pop- und Rockmusik zur Verfügung steht, und dass einem der Grand-Prix-Akustikschrott als popmusikalischer Jahreshöhepunkt präsentiert wird. Nein, ARD und der veranstaltende Sender NDR können es sich wahrlich nicht leisten, so wie im Vorfeld geschehen, auf Stefan Raabs Bundesvison Song Contest herab zu blicken. Denn was immer man gegen Raab und seine musikindustriellen Verflechtungen einwenden kann: Die Musik, die er präsentiert, ist überwiegend hörbar.
Am Ende heulten die Medley-Alarm-Glocken schon wieder: Bucks Fizz sangen ihren Grand-Prix-Siegertitel "Making your mind up" aus dem Jahr 1981. Dann war da auf einmal Katrina von Katrina and the Waves und sang "Love shine a light". Die Siegerin aus dem Jahr 1997 verblüffte immerhin mit einem Ramones-T-Shirt: Joey und Johnny Ramone hätte das wohl gefallen. Johnny Logan, bislang einziger Interpret, der den Grand Prix zweimal gewonnen hat, 1980 und 1987, wirkte in seinem weißen Anzug wie eine flüchtige Vision. Mit seinen Songs "What's another year" und "Hold me now" wehte er einen wie ein irischer Frühlingswind aus dem Abend hinaus. Über all dem freuten sich die gut aufgelegten Kessler-Zwillinge, die man wie Waldorf & Statler in einer Loge platziert hatte.
So hat der Grand Prix auch etwas Beruhigendes: Wenn das der State of the Art der Camp-Kultur ist, kann man sich sicher sein, nichts zu verpassen - Schwulsein ist wohl auch nicht weniger langweilig als Heterosexualität.
(sueddeutsche.de)
Voreiliges Buch "Der Pott ist dahoam"
Der Songcontest ist längst obsolet und fristet schon seit
Jahr(zehnt)en ein läppisches Dasein zwischen allen Stühl(gäng)en.
Insofern paßt der diesjährige Beitrag Ciceros doch ganz gut
in diese obsolet gewordene Veranstaltung:
da will man "Kult" erzwingen u. dann noch sogar mit
dem Hintergedanken, mit so einem Titel die Älteren
versöhnlich zu stimmen u. bei den Jüngeren
eben den "Kult-und-irgendwie-cool"-Nerv zu treffen.
Der einzige Nerv, den man damit getroffen hat,
ist allerdings der Nerv-Nerv.
Sprich:
der Titel nervt, die Veranstaltung auch.
Insofern gilt für den Songcontest dasselbe wie für Otto-Filme,
Pro7-Comedy sowie Society-Sendungen zum Thema "Paris Hilton":
man muß eigentlich froh sein, daß man nicht gezwungen wird,
sich diesen Müll anzuschauen.
Der Autor des Artikels bringt es auf den Punkt, wenn er sagt, dass man sich den ESC mit einem Augenzwinkern angucken muss. Der Spaßfaktor steht im Vordergrund und nicht, ob hier hohes Kulturgut oder ein Siegertitel erzeugt wurde. Haben wohl die Finnen letztes Jahr damit gerechnet, einen Siegertitel ins Rennen zu schicken?
Bei vielen Kommentaren aber im Grunde auch bei dem Artikel von Herrn Kortmann habe ich jedoch den Eindruck, dass der ESC immer noch zu verbissen gesehen wird bzw. von einer selbstgerecht kulturkritischen Warte. Was man da so liest und dass einzelne Künstler runtergeputzt werden (Hutständer, Rechthabereien über Tippfehler etc.) ist das eigentlich Peinliche. Wenn nicht Dein Favorit gewonnen hat - ja und?! Wenn Dir das alles zu blöd ist - schalt weg! Sicher, ein Glanzstück deutscher Fernsehunterhaltung war das gestern nicht. Die gestrige Show wirkte wie ein müder Abklatsch derjenigen vom letzten Jahr, die ich sehr gelungen fand. Der Kult, den "die Homosexuellen" (es lebe das Klischee) um den Grand Prix treiben, muss man selbst zelebrieren. Er lässt sich aber nicht jedes Jahr im Fernsehen neu aufwärmen - zumindest nicht so. Irgendwann sind alle ehemaligen Grand Prix-Sieger, deutsche Vertreter etc. aufgetreten oder tot ... und dann?!
Was wäre ein besseres Konzept? Keine Ahnung? Vielleicht lebt der sog. nationale Vorentscheid auch davon, dass er sich in regelmäßigen abständen neu erfinden muss, damit eine Sklerose aller Musikantenstadel verhindert wird. Wir werden sehen.
Ich freue mich auf jeden Fall schon auf die internationale Endausscheidung und drücke Roger Cicero fest die Daumen.
Herr Kortmann vermutet hinter Herrn Kuntze einen "prima Kerl". Im Gegensatz zum Autor dieses Artikels, scheint dieser "Kerl" einen Schrit weiter zu sein: Er hat begriffen, von seinem intellektuellen Ross herab steigen zu müssen und vermutlich weiß er auch, dass Arroganz und Repektlosigkeit lediglich dazu führen, sich selbst im Kreis zu drehen, statt etwas (Gemein-) Sinniges in Bewegung zu setzen.
Auch auf die Idee zu kommen, dass evtl. ein Robbie Williams u.a. bei Herrn Cicero abgeschaut haben könnten, da dieser sich bereits vor vielen Jahren dem Swing verschrieben hat, scheint eine solche überhebliche Denkweise zu verbieten.
Eine Watschen in´s Gesicht einer jeden Frau ist jedoch die Tatsache, dass es einem Journalisten der SZ gestattet ist, drei wirklich talentierte sehr junge Frauen, die ihren Weg noch vor sich haben, wenn sie nicht von Plattenindustrie und Medien verheizt werden, als "junge Dinger" zu bezeichnen.
Da verspüre ich nur noch einen Wunsch: Lieber Roger Cicero, bitte vertreten Sie unser Land so beschwingt und entspannt, wie Sie es sind und nehmen Sie Journalsiten, die so eine Schreibe haben bitte mit nach Helsinki, um sie während ihres Auftritts an den Pranger zu nageln! Frauen und intelligente Männer regier´n die Welt! Und sollte Europa das nicht verstehen, können wir uns wenigstens intern 12 points geben.
In Zeiten der Online-Voting Möglichkeiten ist es eine Schande, dass der Grand-Prix zu einem Altherrenwitz verkommt.
Die ARD hält soviel von Basisdemokratie wie unsere Bundesregierung.
Da freut sich der Zuschauer doch, dass er zwischen drei Möglichkeiten wählen darf:
Unreife Castingmädels, total überfordert (übrigens als einzige weibliche Künstlerinnen)
Alter Politrocksack mit pseudo-kritischem Text, der schon dadurch konterkariert wird, dass er beim Grand-Prix-Vorentscheid gesungen wird.
Geschmeidiger Frank-Sinatra/ Robbie Williams-Klon.
Roger Cicero hat eine professionelle Show abgelegt. Aber hört sich keiner den Text an?
Bei einem Blick von ihr gehen mir Herz und Börse auf?
Na danke.
In welcher Welt lebt eigentlich Herr Cicero und die ARD? In einer Welt der Luxusweibchen, die ihren Sugardaddys das Geld aus der Tasche ziehen?
Die ARD, unendliche Weiten, das Raumschiff der Geriatrie-Patienten dringt in Popwelten vor, die nie ein Lustgreis zuvor
Hat denn niemand bemerkt, dass Eugen Ciceros Sohnemann den deutschen Text nicht so richtig versmäßig hinbekam? ...dass es, resp. er, holperte? Dass also entweder der Text nicht recht singbar war, oder der junge Mann nicht recht swingen kann. Er kennt (und imitiert) wohl nur das Foto von Sinatra, wo der den Hut aufhat? Das reicht nicht.
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