Süddeutsche Zeitung

Eurovision Song Contest:Medley-Gefahr im Verzug!

Lesezeit: 4 min

Roger Cicero gewinnt den Grand Prix Vorentscheid und fährt mit seiner Swing-Nummer "Frauen regier'n die Welt" zum Finale nach Helsinki. Die Gala am Donnerstagabend bewies, dass auch Camp-Kultur langweilen kann.

Christian Kortmann

Die Siegerinnen-Typen konnten es kaum glauben: Fassungsloses Staunen legte sich über die Mienen von Senna, Bahar und Mandy von der Mädchenband Monrose, die seit ihrem Sieg im Pro-7-"Popstars"-Casting von Erfolg zu Erfolg geeilt waren, als die Kessler-Zwillinge wie gewohnt unisono den per Telefonabstimmung ermittelten Sieger des Grand Prix Vorentscheids 2007 verkündeten. Denn diesmal hat ein anderer gewonnen: Roger Cicero fährt mit seiner Swing-Nummer "Frauen regier'n die Welt" am 12. Mai als deutscher Teilnehmer zum Eurovison Song Contest nach Helsinki.

Cicero glücklich, Monrose enttäuscht und Mitbewerber Heinz Rudolf Kunze gelassen: Das ist das Ergebnis der 95-minütigen Gala, deren Ablauf manche Frage zurücklässt: Sollte man der ARD nun dankbar sein, dass sie ausnahmsweise wenige Minuten ihrer kostbaren Sendezeit, die sonst für Florian Silbereisen, Andy Borg und anderers Stadlhaftes freigehalten werden muss, für Popmusik opfert?

Oder ist nicht vielmehr ein kontrollierter Wutausbruch fällig, nämlich darüber, dass die institutionalisierte Geschmacksverirrung Grand Prix Eurovision de la Chanson vom öffentlich-rechtlichen Fernsehen subventioniert und in den alljährlichen Programmplan einzementiert wird?

Einerseits mag man nicht zu harsch urteilen, denn die Grand-Prix-Fans sind ja irgendwie sympathisch, und absurde Wettbewerbe, bei denen es mit großem Aufwand um nichts geht, sind per se eine prima Sache.

Gerettet wird diese Veranstaltung seit Jahrzehnten durch die ironische Zugangsweise der Camp-Kultur: Vor allem die Homosexuellen haben den Mainstream gelehrt, wie man ein eigentlich unerträgliches Spektakel mit zweideutigem Blick und Humor für die eigenen Unterhaltungszwecke umdeutet. Lasst uns darüber lachen, sagen sie, über die schrägen Lieder und unmöglichen Kostüme, denn so lustig wird's frühestens wieder beim nächsten Grand Prix!

Mit solcher Begeisterung war auch Moderator Thomas Hermanns auf der Bühne des Hamburger Schauspielhauses bei der Sache. Um die Lücken im Programm zu füllen, hatte er sich Gäste eingeladen: Neben Paola, Susanne Fröhlich und Andrea Kiewel saß Georg Uecker als "große Dame der Grand-Prix-Geschichte" auf dem roten Talk-Sofa. Prompt begann die Runde, mit Grand-Prix-Erinnerungen an skurrile Songs und Kostüme zu langweilen.

Das war noch das kleinere Übel, denn plötzlich hieß es auch schon "Rette sich, wer kann: Medley-Gefahr im Verzug!" Wencke Myhre stürmte die Bühne und eröffnete den Reigen einstiger skandinavischer Grand-Prix-Beiträge. Siw Malmkvist übernahm und stellte die Frage, die wir uns alle schon gestellt haben: "Prima Ballerina, kleine Porzellanfigur, wieso bist du allein?" Gitte Haenning durfte nicht fehlen und komplettierte das Trio nordischer Schnulzetten, die zu einer Spar-Choreografie ihre musikalische Feuerwerks-Batterie abbrannten.

Doch das fällt alles in die Kategorie "Unnützes Wissen für 100", um es in Thomas Hermanns' Worten zu sagen. Kommen wir lieber zur Musik und damit endlich zum "Andererseits": Was haben wir am Donnerstagabend gehört?

1. Der Sieger

Roger Cicero, bei diesem Namen stellt man sich einen schweizerischen Großjournalisten vor, der ein neokonservatives Monatsmagazin herausgibt. Der Möchtegern-Sinatra-Retro-Swing, der schon bei Robbie Williams durchgenudelt wie Kaufhausmusik klang, ist nun nach vielen Jahren auch bei deutschsprachigen Interpreten angelangt: Das ist so rückständig wie einfallslos, dass man beinahe zu Heidi Klums Fastenwochen umgeschaltet hätte. Doch Cicero und seine Band legen eine druckvolle und dynamische Live-Performance hin. Das bewiesen sie beim Siegertitel wie bei "Zwei kleine Italiener" von Conny Froboess - alle Teilnehmer mussten zunächst eine Coverversion eines Grand-Prix-Klassiker zum Besten geben, um zu zeigen, dass sie "Grand Prix im Blut haben", wie Hermanns sagte.

2. Die Enttäuschten

Monrose demonstrierten unbedarften Grand-Prix-Geist. Senna, Bahar und Mandy: Drei junge Dinger, die ihr Pop-Liedchen "Even Heaven Cries" flöteten, dazu eine Choreografie wie bei einer Familienaufstellung. Das hatte schon den Charme internationaler Unbeholfenheit, wie sie so in ihren goldenen Kleidern durch das feingliedrige Bühnenbild torkelten. Besser war ihre Coverversion: Aus "Wunder gibt es immer wieder" von Katja Ebstein machten Monrose eine schwarze, sehr soulige Nummer. Zwischendurch sagten sie einen auswendig gelernten Spruch auf: Es sei eine Ehre, auf dieser Bühne zu stehen, usw.

3. Der Lässige

Begleitet von Christian Willner und seinem 30-köpfigen St. Pauli Kurorchester sang Heinz Rudolf Kunze gleich zu Beginn "Merci Chérie" von Udo Jürgens, mit dem dieser 1966 für Österreich den Grand Prix gewonnen hatte. Da hoffte man noch auf mehr von solch sanft gedimmter Abendunterhaltung. Wenn er gerade keine Radio-Quoten für deutschsprachige Popmusik fordert, scheint Kunze ein prima Kerl zu sein. Er ließ die Veranstaltung locker über sich ergehen, wohl froh, noch einmal eine große Bühne gefunden zu haben. Dann sang er "Die Welt ist Pop", mit dem jahrzehntelang erprobten Rolling-Stones-One-Size-Fits-All-Gitarrenriff: "Ich hab geflucht ich hab geweint / jetzt ist der Tag mein bester Freund / jetzt weiß ich daß ich richtig lieg / die Rettung lautet Popmusik".

Eben, genau so ist es, und deshalb wiegt das Andererseits vielleicht doch etwas schwerer als das Einerseits: Es ist traurig, dass im ARD-Hauptprogramm nicht eine Sendesekunde für aktuelle Pop- und Rockmusik zur Verfügung steht, und dass einem der Grand-Prix-Akustikschrott als popmusikalischer Jahreshöhepunkt präsentiert wird. Nein, ARD und der veranstaltende Sender NDR können es sich wahrlich nicht leisten, so wie im Vorfeld geschehen, auf Stefan Raabs Bundesvison Song Contest herab zu blicken. Denn was immer man gegen Raab und seine musikindustriellen Verflechtungen einwenden kann: Die Musik, die er präsentiert, ist überwiegend hörbar.

Am Ende heulten die Medley-Alarm-Glocken schon wieder: Bucks Fizz sangen ihren Grand-Prix-Siegertitel "Making your mind up" aus dem Jahr 1981. Dann war da auf einmal Katrina von Katrina and the Waves und sang "Love shine a light". Die Siegerin aus dem Jahr 1997 verblüffte immerhin mit einem Ramones-T-Shirt: Joey und Johnny Ramone hätte das wohl gefallen. Johnny Logan, bislang einziger Interpret, der den Grand Prix zweimal gewonnen hat, 1980 und 1987, wirkte in seinem weißen Anzug wie eine flüchtige Vision. Mit seinen Songs "What's another year" und "Hold me now" wehte er einen wie ein irischer Frühlingswind aus dem Abend hinaus. Über all dem freuten sich die gut aufgelegten Kessler-Zwillinge, die man wie Waldorf & Statler in einer Loge platziert hatte.

So hat der Grand Prix auch etwas Beruhigendes: Wenn das der State of the Art der Camp-Kultur ist, kann man sich sicher sein, nichts zu verpassen - Schwulsein ist wohl auch nicht weniger langweilig als Heterosexualität.

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