Ernst Jünger hat in den zwanziger Jahren zur Verklärung dessen beigetragen, was er bis 1918 sehr zufällig überlebt hatte. Nun erscheinen seine Kriegstagebücher - sie sollen beweisen, dass auch in der anonymen Hölle des Stellungskrieges Platz für Helden ist.
Es gibt zwei Arten von Jünger-Lesern. Die einen, die weniger werden, greifen zu seinen Büchern, vor allem zu jenen, die er in den zwanziger und dreißiger Jahren geschrieben hat, um sich zu entsetzen. Die anderen, die wohl auch weniger werden, sehen in dem Elitisten und Ästheten Ernst Jünger einen der herausragenden Zeugenschriftsteller des von Gewalt und Verblendung geprägten 20. Jahrhunderts. Jünger ist durch seine lebensprägenden Kriegserfahrungen zum Typus des einzelgängerischen Privat-Moralisten geworden, der sich über Moral und Geist der Masse ebenso souverän wie arrogant erhebt.
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Ernst Jüngers Kriegstagebücher sind ein Dokument des Stillstands, die großen Schlachten, die Blutmühlen, wie es über die Schlacht von Verdun (Foto) hieß, waren Versuche, die Bewegungslosigkeit aufzubrechen. (© dpa)
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Was er in Flandern und Frankreich als Stoßtruppführer gelernt und begonnen hat, setzt er im Frieden als Waldgänger und Anarch fort. Er fühlt sich denen, die um ihn leben und sterben, im Krieg oder im Frieden, nicht zugehörig. Er wird immer älter und das macht ihn zu etwas Besonderem, selbst wenn er als vielfach verwundeter Überlebender des Feuerofens an der Westfront schon in jüngsten Jahren besonders war. Dies ist nicht sein Verdienst, sondern ein Werk des Zufalls. An Vorsehung glaubt Ernst Jünger nicht.
Der Grabenkrieg an der Westfront ist ein blutsaufendes Ungeheuer; der Fähnrich, später Leutnant Jünger tritt diesem Ungeheuer mal tapfer, mal lachend, mal dummdreist gegenüber. In seinen Kriegsbüchern, das berühmteste sind die Stahlgewitter, hat der Überlebende den Krieg zwar nicht verarbeitet, aber sprachlich dennoch so weit und in immer neuen Fassungen bearbeitet, dass man manchmal glaubt, man lese einen promovierten Karl May, auch wenn Jünger sich selbst vielleicht eher als Nietzsche junior unter dem Stahlhelm verstanden hat. Die Tagebücher dagegen sind nicht bearbeitet, sie geben wieder, was ihr Verfasser im Krieg wahrnahm und fühlte.
Der Jünger-Interessierte glaubt die Tagebücher zu kennen; sie sind die Grundlage für die Stahlgewitter, für Das Wäldchen 125 und für Feuer und Blut. Ausgewertet von Anderen wurden sie durchaus auch. Der Schwede Nils Fabiansson hat 2007 ein "Begleitbuch" zu den Stahlgewittern veröffentlicht. Es ist eine Art militärischer Reiseführer durch Jüngers vier Kriegsjahre; das vielfältige Material entstammt den Originaltagebüchern, Archiven, aber auch Reisen in Frankreich und Belgien. Erschienen ist Fabianssons Büchlein im Verlag E.S. Mittler & Sohn, in dem wiederum Jüngers In Stahlgewittern erstmals erschienen war (es gab zuvor im Jahre 1920 eine kleine Auflage im Selbstverlag).
Mit dem vielfältig bebilderten Fabiansson an der Seite kann der Leser die Tagebücher geografisch und militärhistorisch besser einordnen. Sie geben das Bild eines chaotischen Krieges durch die Augen des jungen Leutnants wieder, der sich als Archetyp des Kriegers fühlt. Soldaten, die mit Jünger kämpfen, sterben oder verwundet werden, sind in erster Linie Funktionäre der möglichst effizient organisierten Gewalt, die sich dem als Notwendigkeit empfundenen Wahnsinn des Materialkrieges ergeben.
Jünger aber ergibt sich nicht, er gibt sich dem Krieg hin. Er fühlt dabei, wenn nicht manchmal sogar Spaß, doch eine gewisse Form der Zufriedenheit, die ihn zu einem lakonischen, oft fürchterlichen Chronisten des täglichen Grauens machte ("Dabei bekam der Gefreite Motullo einen Kopfschuss, dass ihm sein Gehirn über das Gesicht lief. Er war seltsamerweise noch klar bei Verstande, als ich ihn zurücktragen ließ.")
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Jüngers Texte stellen den einzelnen in eine Welt, die er nicht beeinflussen kann, auf die er aber verschieden reagieren kann. Jünger reagierte, indem er über Stil und Genuß angesichts des realen Schreckens, den er detailliert darstellt (nur Handke kann es besser, schreibt aber lieber über Blumen und Käfer), nachdachte und schrieb. Diese konservative und ästhetische Reaktion auf die Welt, ist jedenfalls die ungleich interssantere als die Sichtweisen, die das Schreiben der Linken (Böll, Grass, Walser) anbietet.
Nebenbei: Die RAF (Bader, Ensslin) soll Jüngers "Der Waldgang" gelesen und geschätzt haben.
die in den I. Weltkrieg zogen, waren auf das, was sie erwartete weder vorbereitet, noch diesbezüglich ausgebildet. Das militärische Denken bewegte sich bis 1914, und darüber hinaus in den Kategorien des 19 Jahrhunderts. Schneidige Angriffe, Säbelrasseln, Kavallerieattacken und Heldentum, so stellte man sich das vor. Zu den ersten deutschen Einheiten, die 1914 belgischen Boden betraten, gehöhrten Ulanen, Reiter, ausgerüstet unter anderem mit einer Lanze.
Kein hoher Militär auf beiden Seiten hatte damit gerechnet, dass die militärische Entwicklung ein totales Übergewicht an Defensiv -und Verteidigungswaffen gebracht hat. Die waren modern, die Angriffswaffen -und strategien noch aus Napoleons Zeiten. Da war jede offensive Bewegung von vorneherein zum Scheitern verurteilt.
Den Soldaten aller Nationen, vom Geiste des technischen Fortschritts, der Industrialisierung und des damit verbundenen Wohlstandes im 19. Jahrhunderts geprägt, offenbarte sich jetzt eine Hölle, die so keiner erwartet hatte und die die dunkle Seite der Technik brutal ins Bewußtsein rückte. Insofern hat Jünger schon recht, dass hier ein "neues Menschengeschlecht" geboren wurde, anders, als es die Rechten und N.azis verstanden haben. Im 1. Weltkrieg haben die Menschen die Unschuld gegenüber ihren eigenen technischen Fähigkeiten und dem Fortschrittglauben verloren.
Der der britische Außenminister Edward Grey sagte am Abend des 3 August 1914, als er auf das erleuchtete London blickte "In ganz Europa gehen die Lichter aus, wir werden es nicht mehr erleben, dass sie wieder angezündet werden"
Nicht oft hat sich ein Satz so bewahrheitet.
Das wird masslos übertrieben, dass Jünger dem Krieg etwas abgewonnen hätte.
Jünger ist schlicht und einfach pflichtbewusst und weiss, dass Deutschland eine Zukunft in Sklaverei bevorsteht, wenn es diesen Krieg verliert.
Mag schon sein, dass er irgendwann stolz ist, immernoch zu leben, aber wer wäre das nicht?
Schon zu Anfang wählt er eine distanzierte Betrachtung der Geschehnisse, schildert wie seine Kammeraden anfangen Witze zu machen, um die Gefahr zu verdrängen. Und so geht es im wesentlichen weiter, er beschreibt, was passiert und wie unterschiedliche Charaktere darauf reagieren, wobei seine eigene Haltung nie explizit ausgedrückt wird, sondern sich aus der Art seiner Schilderung ergibt, dass er nämlich die ganze Zeit über versucht seine Haltung zu bewahren.
Gegen Ende gibt es dann auch so einige Sprüche wie "Hier wird ein neues Menschengeschlecht erzeugt." (oder so in der Art), aber auch das ist ja nur die Wahrheit, dass jemand, welcher dieses Grauen hinter sich hat, fortan ganz andere Massstäbe an das Leben anlegt. Diese Entfremdung mit der deutschen Zivilbevölkerung und ihre Frucht, einen kalten Technizismus, beschreibt er dann eben auch.
In Stahlgewittern ist kein Lehrstück, sondern eine Reflexion darüber, was sich im Krieg gezeigt hat und was aus dem Krieg geboren wurde. Und es ist auch eine Anklage, nämlich dass ein paar Sesselpupser Menschen das zugemutet haben. Nur ist diese Anklage nicht politisch, sondern eher technisch, dass man sicherstellen sollte, besser geführt zu werden als von diesen Generalen.
Und das meine ich nicht im medizinischen Sinn. Ich habe "In Stahlgewittern" gelesen und konnte es nicht fassen: Jünger beschreibt das Grauen des Krieges ebenso realistisch wie Remarque, nur mit einer diametral entgegengesetzten Haltung. Während bei Remarque der Irrsinn, die Sinnlosigkeit und Grausamkeit des Krieges überwältigend deutlich werden, scheint Jünger sich an den Grausamkeiten zu berauschen, im Sinne von "Was bin ich doch für ein cooler Held, neben mir ein Kopfschuss – darauf eine Zigarette". Nie stellt er die Frage nach dem Sinn des massenhaften Tötens. Das nenne ich geisteskrank.
Sie schreiben:
"Jünger beschreibt den Krieg halt so wie er ist. Muss man ihn anders beschreiben?
[...] eine wohltuend sachliche Beschreibung dessen, was den Soldaten im Ersten Weltkrieg begegnet ist."
Ich habe nur E.M. Remarque gelesen. Die Frage ist, warum beide Autoren so dermaßen unterschiedlich wahrgenommen wurden?
Remarque wurde von Links vereinnahmt, Jünger von Rechts.
Während sich der Protagonist bei Remarque immer mehr "akklimatisiert", den Sinn für jede andere Realität als den Krieg verliert und in eine Gleichgültigkeit gegenüber dem Leben verfällt, scheint ja Jünger dem Ganzen doch etwas Positives abgewinnen zu können.
Krieg ist auch faszinierend, das gebe ich zu. Jungs spielen gerne mit Feuerwerk, Jungs träumen von gefährlichen Abenteuern und Kameradschaft. Aber irgendwann wird man erwachsen und weiß, dass Gewalt einer moralischen Legitimation wie auch einer Verhältnismäßigkeit der Mittel, bedarf. Wo bleiben diese angesichts des millionenfachen Tods um wenige Quadratkilometer Boden?
Ohne Jünger gelesen zu haben, vermute ich mal, dass er sich diesen Fragen nicht stellt - anders als bei Remarque, wo die schleichende Perversion der Kriegslogik im Buchtitels immer im Hinterkopf bleibt.
Aber wenn jemand es besser weiß, bin ich über Hinweise dankbar.
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