Dichterhandschrift Palimpsest mit Pi

Leserfreundlich, gänzlich unaufgeregt schrieb der vor zehn Jahren gestorbene Lyriker Thomas Kling. Die sympathischste Dichterhandschrift vielleicht. Inspiriert von der Erkenntis, dass Kunst nichts als Rhythmus ist.

Von TOBIAS LEHMKUHL

Ich habe Thomas Kling nie schreiben gesehen. Einmal allerdings saßen wir nebeneinander beim Leonce-und-Lena-Wettbewerb und schauten gemeinsam in das kopierte Manuskript des gerade vortragenden Lyrikers. Da zückte Kling einen Bleistift, markierte ein paar Hebungen und Senkungen, strich ein Wort und sagte leise (er konnte sehr leise sprechen): "Das funktioniert nicht."

Seine Handschrift kannte ich freilich; hin und wieder erreichten mich Postkarten und auch Computerausdrucke mit nachträglichen Kommentaren. 2003, als die Wohnung seiner Mutter aufgelöst werden musste, schickte er mir ihr Exemplar von "erprobung herzstärkernder mittel", seinem ersten, lange vergriffenen Gedichtband. Er hatte die Widmung ausradiert ("Mutter . . . an Weihnachten" ist noch zu erkennen) und, wiederum mit Bleistift, eine neue Widmung darüber geschrieben. Ein wahres Palimpsest.

Vielleicht war es damals, dass ich mir seine Handschrift zum ersten Mal intensiv anschaute. Thomas Kling konnte sowohl sehr schroff und bestimmt wie auch umwerfend herzlich und Anteil nehmend sein; seine Handschrift spiegelte jedoch nur den einen, freundlichen Teil seiner Persönlichkeit: Sie war groß, gut lesbar, auch wenn der Dichter erkennbar schnell geschrieben hatte, das kleine "b" mit offenem Beutel, das kleine "h" mit hübscher Schleife im Aufschwung, genau so wie man es in der 1. Klasse lernt. Allein an das "n" musste man sich gewöhnen, ähnelte es mit seinem überhängenden Dach doch eher dem griechischen Pi.

"Was Kunst ist, wissen Sie ebensogut wie ich, es ist nichts weiter als Rhythmus."

Es war eine leserfreundliche, gänzlich unangestrengte Schrift, die sympathischste Dichterhandschrift, die ich kenne. Man kann sie in dem wunderbaren Band "Zur Leitcodierung" betrachten, der vor zwei Jahren im Wallstein Verlag erschienen ist und das Faksimile jenes Notizbuches enthält, das Kling führte, als er 1995 nach New York reiste, ein schmales, schwarzes Skizzenheft, wie man es in Künstlerbedarfsläden kaufen kann (Klings Frau war Malerin und Fotografin).

Aus den New Yorker Notizen sollte bald darauf das Langgedicht "Manhattan Mundraum" hervorgehen. Kling muss zu jener Zeit wohl Marcel Beyers "Das Menschenfleisch" gelesen haben, denn auf der letzten Seite des Notizbuchs findet sich ein Kurt-Schwitters-Zitat, das er in Beyers Debütroman gefunden haben will: "Was Kunst ist, wissen Sie ebenso gut wie ich, es ist nichts weiter als Rhythmus."