Englische Literatur Mr. Mörder

Mit Morris Duckworth durch einen heißen italienischen Sommer: Die komödiantische Krimi-Trilogie des englischen Schriftstellers Tim Parks.

Von Kristina Maidt-Zinke

Vor gut dreißig Jahren taugte Italien noch entschieden besser zum Sehnsuchtsland als heute, aber wer den Entschluss fasste, als Ausländer dort zu leben, riskierte auch damals, dass sein Traum auf eine harte Probe gestellt wurde. Der britische Erfolgsschriftsteller und Wahl-Italiener Tim Parks zum Beispiel fristete in den frühen Achtzigern ein ziemlich freudloses Dasein als ebenso unterbezahlter wie unterforderter Englischlehrer für reiche Leute in Verona.

Um aus der Underdog-Position herauszukommen, verfasste er einige ambitionierte Romane, die aber von Londoner Verlagen ausnahmslos abgelehnt wurden. Daraufhin beschloss er, ins leichte Fach zu wechseln, erfand einen Krimihelden namens Morris Duckworth und stattete ihn mit den Merkmalen seiner eigenen Lage und des dazugehörigen Lebensgefühls aus und verpasste ihm überdies ein handfestes Jugendtrauma samt trunksüchtigem Vater und früh verstorbener Mutter.

Mit der typisch englischen Gabe, unterdrückte Wut in schwarzen Humor umzuwandeln, ließ er den Frustrierten in einer schrägen Mischung aus Thriller und Komödie die Verbrecherlaufbahn einschlagen, um sich einen Zugang zur vornehmen Veroneser Gesellschaft zu verschaffen. Mit seiner Schülerin Massimina, einer Tochter aus dem vermögenden Hause Trevisan, die rettungslos in ihn verliebt ist, bricht Duckworth zu einer mörderischen Sommerreise auf, und am Ende ist er seinem Ziel ein ganzes Stück näher gekommen.

Doch auch diesen hübschen Plot wollte zunächst niemand herausbringen, bis der Autor, auf den Rat eines begeisterten Fachkollegen hin, um 1990 das Manuskript erneut anbot - und diesmal wurde "Cara Massimina" sogleich genommen. Inzwischen allerdings, man schrieb nun die Neunziger, war Parks mit vier "seriösen" Romanen bekannt geworden, und so veröffentlichte er die Duckworth-Story vorsichtshalber unter Pseudonym und bei einem amerikanischen Verlag, was er spätestens in dem Moment bereute, als die Los Angeles Times schrieb, dieser Thriller sei stärker als "Das Schweigen der Lämmer". Die Rechte wurden also zurückgekauft, die Identität des Verfassers enthüllt.

Und da der Held, ungeachtet seiner ziemlich ausgeprägten Tölpelhaftigkeit, mit seinen Untaten straffrei davongekommen und immer noch auf freiem Fuße war, bot sich nun eine Fortsetzung der Geschichte an, in der es noch verrückter und makabrer zuging als im ersten Band. Nicht zuletzt deshalb, weil Parks nach eigenem Bekunden damals wieder mit einer tiefen Depression kämpfte - jener Stimmung, die sich laut Natalia Ginzburg am besten dazu eignet, Komödien zu schreiben.

Morris Duckworth ist inzwischen, wie sein Erfinder, immer mehr zum Italiener geworden, gesellschaftlich etabliert und seiner materiellen Sorgen weitgehend enthoben. Aber sein skrupelloser Ehrgeiz ist ihm geblieben und paart sich nun interessanterweise mit anschwellender katholischer Frömmigkeit sowie der inneren Überzeugung, trotz allem ein guter, moralisch integrer Mensch zu sein. Um sich an die Spitze des Weinguts der Familie Trevisan zu setzen, ist ihm jedes kriminelle Mittel recht; zugleich tritt er aus tiefer Überzeugung als Wohltäter an arbeitslosen Immigranten auf. Die tote Geliebte Massimina, zärtlich "Mimi" genannt, sucht ihn als Heiligenvision heim, während er mit ihrer Schwester Paola, die er aus Kalkül geheiratet hat, obszöne Spielchen treibt. Eine britische Zeitung bejubelte diesen Roman als Kreuzung aus Peter Mayle und Quentin Tarantino, und es wurde auch eine Verfilmung in Angriff genommen, aber das Projekt zerschlug sich wieder.

Morris Duckworth jedoch war immer noch "alive and kicking", wie der Engländer sagt, im Gegensatz zu seiner Gattin Paola, die samt ihrem Liebhaber leider das Zeitliche segnen musste. Doch gab es da in der Familie Trevisan noch eine dritte Schwester, unter tragischen Umständen verwitwet . . . Kurz und gut, vor vier Jahren, als Tim Parks im Florentiner Palazzo Strozzi eine Ausstellung kuratierte, die mit seinem eigenen Buch über die Banken der Medici verknüpft war, wurde ihm von einem angesehenen englischen Literaturkritiker nahegelegt, seinen pausierenden Helden wieder zum Leben zu erwecken. So entschloss er sich, dem unersättlichen Morris Duckworth ein neues, nunmehr kulturell-elitäres Karriereziel zu verschaffen und ihn in einer dritten Lieferung weiter sein Unwesen treiben zu lassen.

Da die ersten beiden Bände zwar in den Neunzigerjahren unter den Titeln "Italienische Verhältnisse" und "Mimis Vermächtnis" auf Deutsch veröffentlicht, seinerzeit aber kaum beachtet worden waren, nahm Tim Parks' Münchner Verlag das Projekt der späten Fortsetzung zum Anlass, ein liebevolles Recycling zu veranstalten und die "Morris-Duckworth-Trilogie" herauszubringen. Ein gewiss kluger Schachzug dabei ist, dass der neue Titel des ersten Romans, "Der ehrgeizige Mr. Duckworth", auf Patricia Highsmiths Welterfolg "Der talentierte Mr. Ripley" anspielt. Er ist im Mai erschienen, zweite Teil, "Mr. Duckworth wird verfolgt", in dieser Woche; der brandneue dritte Band "Mr. Duckworth sammelt den Tod" folgt im September.

"Er sah auf die Uhr und wartete unendliche zehn Minuten lang, um ganz sicher zu sein, dass es keinen Alarm geben würde." Tim Parks' Krimis schreiben den Frauen den Schrecken ins Gesicht.

(Foto: CSA Images/Getty Images)

Es hat, abgesehen von der komisch krassen Krimihandlung, einen beträchtlichen Reiz, sich durch den unaufhaltsamen Aufstieg des Morris Duckworth in eine Epoche zurückversetzen zu lassen, in der noch aus Fernsprechzellen telefoniert wurde und die neuesten Methoden der Kriminalistik nicht zur Verfügung standen, während andererseits viele Merkmale des Lebensstils, zumal im italienischen Alltag, die Jahrzehnte unbeschadet überdauert haben. Und es ist sehr amüsant, wie Tim Parks mit nationalen Klischees und Vorurteilen spielt, die in diesem Fall allerdings vorwiegend auf Kosten der Engländer gehen.

Denn Morris Duckworth ist auf seine Landsleute gar nicht gut zu sprechen: "Sie liebten ihre Strapazen, ihr Elend, ihre Hypothekenschulden, ihre verregneten, windgepeitschten Sonntage. Wenn sie in den Illustrierten so gierig die Geschichten über die Reichen und Prominenten studierten und Abend für Abend die Fernsehstars anglotzten (,Ich führ nur noch den Hund aus. Nein, ich brauch keinen Schirm für das bisschen Regen. Für 'Parkinson' bin ich pünktlich zurück'), wenn sie sich an Titbits aufgeilten und ein Jahr ihrer freudlosen Leben gegeben hätten, nur um zu wissen, ob es Prinz Charles und Di schon vor der Fernseh-Hochzeit getrieben hatten, dann lag das nicht daran, dass sie selbst gern reich gewesen wären. Um Himmels willen, nein. Sie wollten nur ihre Armut und ihre Entbehrungen noch intensiver genießen."

Man ahnt, warum Tim Parks nach Italien gegangen ist, wenn man seine biografischen Ausführungen zu Morris Duckworth liest. Dessen labour-affiner Vater hatte versucht, dem Sohn den "hochgestochenen Universitätskram" auszutreiben - ohne Erfolg. Leider schlägt Morris auch insofern aus der Art, als ihm das Verlangen nach möglichst großem Reichtum in den Knochen sitzt wie eine Krankheit. Und doch hat er Sinn für die "magischen Stunden" in Verona, in denen er beobachtet, "wie die Schatten tiefer wurden und auskühlten, wie das Tageslicht ausblutete und das Licht der Laternen aufblühte, wie die Farbanstriche der Häuserwände verblassten, wenn die grellen Neonreklamen darunter herausstachen . . .".

Dass er auf seinem leichengepflasterten Weg durch das sonnige Italien letzten Endes nicht glücklich werden wird, lässt sich schon heute absehen - das unterscheidet ihn wohl von seinem Erfinder. Aber beide gemeinsam werden ganze Scharen von Lesern glücklich machen.

Tim Parks: Der ehrgeizige Mr. Duckworth. Kriminalroman. Mr. Duckworth wird verfolgt. Kriminalroman. Aus dem Englischen von Lutz-W. Wolff. Verlag Antje Kunstmann, München 2015. 325 und 399 Seiten. Je Band 16,95 Euro, als E-Book 13,99 Euro.