Doku Testament der Angst

"Die Demokratie hat etwas verloren." - Szene aus "Je suis Charlie".

(Foto: Temperclay)

"Je suis Charlie" - Daniel Lecontes bemerkenswerte und leider doch missglückte Doku über den Anschlag auf die Satirezeitschrift "Charlie Hebdo".

Von Alex Rühle

Eigentlich hat dieser Film alles, um ein großes Dokument zu werden. Da sind die Zeugenberichte: Der Zeichner Riss, der direkt neben Charb gesessen hatte und drei Wochen später vor der Kamera erstmals davon erzählt, wie seine Kollegen hingerichtet wurden. Eric Portheault, der im Nebenzimmer saß und jetzt eingemauert scheint in die Erinnerungen an das Blutbad. Und vor allem Coco, die schuldlos schuldige Zeichnerin, der den ganzen Film über Tränen über ihr Gesicht laufen. Sie erinnert sich, wie sie vor der Redaktionssitzung am 7. Januar ihre Tochter in die Krippe gebracht und Kuchen gekauft hatte für die Wochenkonferenz. Wie sie da dann leidenschaftlich diskutierten über das Erstarken des Dschihadismus: Ihr Kollege Tignous sagte noch, man müsse die französischen Islamisten verstehen, das seien sozial benachteiligte Wirrköpfe. Coco ging dann rauchen und stand unten auf der Straße, als die Kouachis kamen. Sie hielten ihr eine Kalaschnikow an den Kopf, zwangen sie, die Tür zu öffnen, und sie musste mit ansehen, wie ihre Freunde hingerichtet wurden, Charb, Wolinski, Cabu, Tignous . . .

Dann gibt es da die Vorgeschichte, die den Dokumentarfilmer Daniel Leconte dazu prädestiniert, diesen Film über die Attentate zu drehen: Leconte hatte bereits 2007 die Vorgeschichte des Attentats mit seiner Kamera festgehalten: Damals musste die Redaktion vor Gericht. Sie hatten die dänischen Mohammed-Karikaturen nachgedruckt, Cabu hatte dazu auf der Titelseite einen Mohammed gezeichnet, der sich vor zorniger Verzweiflung über den islamistischen Terror die Hände vors Gesicht hält. Die Punchline "Es ist hart, von Trotteln geliebt zu werden" wurde zum Titel des Films, in dem Leconte sehr gekonnt den Prozess und die Fragen, die er aufwarf, ausleuchtete: Was darf Journalismus? Wie weit geht die Meinungsfreiheit?

Leconte, der den neuen Film zusammen mit seinem Sohn Emmanuel gedreht hat, benutzt nun Teile seines alten Materials, eine Auferstehung der Getöteten, Szenen, die die Franzosen in ihrem Schmerzzentrum treffen müssen, etwa wenn der quer durch alle Generationen geliebte Cabu auf einem Redaktionsfest Karaoke singt. Und wenn Charb Sätze sagt, die jetzt sehr unheimlich wirken: "Jeder hat das Recht, eine Zeichnung überhaupt nicht witzig, eine Meinung empörend zu finden. Man kann dann selbst durch eine Zeichnung oder eine Meinung antworten. Man hat aber nicht das Recht, seinem Kritiker den Krieg zu erklären oder ihn zu eliminieren."

Außerdem haben die Lecontes kluge Beobachter vor die Kamera geholt: den früheren Chefredakteur Philippe Val, der bemerkt, wie nah sich Intelligenz und Staat inzwischen sind: "Victor Hugo, der vor Napoleon fliehen muss, Zola, der nach 'J'Accuse' ins Gefängnis kommt - das ist vorbei, der Staat hat jetzt Angst um uns, er kümmert sich um seine Kritiker. Wenn eine Satirezeitschrift rund um die Uhr von einer Anti-Terror-Einheit bewacht werden muss, hat die Demokratie etwas verloren." Oder der Redaktionsanwalt Richard Malka, der sagt, dass die eigentliche Gefahr immer von Texten ausgehe: "Vor dem Holocaust kam ,Mein Kampf'. Vor dem Genozid in Ruanda das Hass-Radio Mille Collines. Die Couachis selbst sind gescheiterte Loser. Was wir bekämpfen müssen, ist die zugrunde liegende Ideologie."

Kurzum: Dies hätte ein großer Film werden können. Dass er all die Ereignisse, die seither passiert sind, nicht mitreflektiert - die dramatischen Zerwürfnisse innerhalb der Redaktion, die Wahlerfolge des Front National, die Attentate vom November - dafür kann er nichts. Er ist sofort nach den Attentaten entstanden, als Zeichen des Protests, und um die Attentäter zu widerlegen, die schrien: "Charlie ist tot!"

Genau hier liegt aber das Problem: Die Lecontes nehmen in ihrer eigenen Erschütterung den Zuschauer vom ersten Moment an in Geiselhaft. Man bekommt also reichlich Geigen. Und einen Chor, der offene Vokale summt. Und Pauken und Trompeten. Wie viel stärker ist da solch ein Satz, gesprochen von Coco: "Am Tag, als Riss als unser neuer Chefredakteur feststand, lobte ein pakistanischer Parlamentarier eine Fatwa von 200 000 Dollar auf seinen Kopf aus. Wo sind da die Protestbriefe unserer 577 Abgeordneten?"

Je suis Charlie - L'humour à mort, Dokumentarfilm, FR 2015 - Buch und Regie: Daniel Leconte, Emmanuel Leconte. Films en Stock, 90 Minuten.