Doku Sozialismus oder Kaugummi

Eine Doku über Kindheit und Jugend in der DDR: In "Als wir die Zukunft waren" erzählen ostdeutsche Filmemacher, wie sie durch Kaugummi und lange Haare Schwierigkeiten mit dem System bekamen.

Von Kathleen Hildebrand

Ein altes Gut auf dem Land, die Mauern von Efeu umwuchert, die Fensterscheiben fast blind. In einem Saal im Inneren blättert blassgrüne Farbe von den Wänden. Sechs Männer um die sechzig und eine Frau im selben Alter albern herum, unterhalten sich, gucken alte Schwarz-Weiß-Fotos an. Sie tragen langes Haar und Schiebermützen, zumindest die Männer, Künstlertypen. Ihre Gespräche sind der Rahmen für einen Dokumentarfilm, der selbst ein wenig aus der Zeit gefallen zu sein scheint. So langsam, wie er erzählt, so genau und ohne dramaturgisches Ziel, ohne große Pointen oder politische Forderungen.

Was man erwarten könnte nach diesen ersten Szenen und dem melancholischen Titel "Als wir die Zukunft waren": Geschichten von 1968, von Aufbruch und Befreiung, von den Mythen der Bundesrepublik. Aber das ist nicht das, was kommt. Am sanft vernuschelten Ton ihres Dialekts ist es zu erahnen - die sieben Filmemacher berichten vom anderen Deutschland, von der DDR, von ihren Kinder- und Jugendjahren in Ostdeutschland. "Sieben Geschichten aus einem verschwundenen Land" ist der Untertitel des Films.

Mit kindlichem Eigensinn gegen das sozialistische System.

(Foto: Missingfilms)

Die von Peter Kahane macht den Anfang: Seine Eltern hatten als Juden während des Zweiten Weltkriegs Deutschland verlassen müssen. Sie kamen zurück nach Pankow, weil sie dabei sein wollten beim Aufbau eines neuen, friedlichen Landes. Und was macht das knopfäugige Söhnchen Peter in der Ruine um die Ecke? Es spielt Krieg. Ein fremder Mann weist ihn und seinen Bruder wütend zurecht. Ob die Jungs schon wieder einen neuen Krieg wollten? "Wir hatten ein ganz schlechtes Gewissen", sagt die Kinderstimme aus dem Off. "Wir dachten tatsächlich, dass wir gerade dabei waren, den Weltfrieden zu gefährden."

Die Szene ist nicht nur ein bisschen komisch und voller Sensibilität für die Ernsthaftigkeit der Kindheit. Sie öffnet auch die Augen für jene besondere Last, die der junge sozialistische Staat seinem Nachwuchs auferlegte: Er sollte das bessere Deutschland erschaffen, für den Weltfrieden sorgen und den Kommunismus aufbauen. Den Duft von Bohnenkaffee, Schokolade und Parfüm, der den Kindern aus Westpaketen entgegenwehte, sollte er verachten. Die drei farbigen Kaugummikugeln, die Gabriele Denecke als kleines Mädchen in Westberlin kaufte - vor 1961 ging das noch ganz leicht -, straft ihre Mutter mit betretenem Schweigen. "Ich war acht Jahre alt", sagt Gabriele Denecke im Film über dieses Schlüsselerlebnis, "und spürte den Verrat am Sozialismus."

Doch auf die Jugend war offenbar kein Verlass, trotz Pionierhalstüchern und Liedern von kleinen Trompetern nicht. "Man begann uns, den einstigen Hoffnungsträgern, zu misstrauen", sagt Peter Kahane in seinem Teil des Films. Wegen ihrer Kleidung, ihrer langen Haare, wegen der Musik. Ungezwungenheit und jugendlichen Eigensinn kann kein autoritäres Regime vertragen. "Als wir die Zukunft waren" ist deshalb ein Film über Nächte im Gefängnis, über den rauen Ton im DDR-Kinderheim. Aber auch über geheimnisvolle Sonntage am Ufer der Elbe und über erste Küsse. Es ist ein Film über all die Kleinigkeiten, die Absonderlichkeiten und Normalitäten der DDR, die auch im wiedervereinigten Deutschland sonst viel zu selten erzählt werden.

Als wir die Zukunft waren, Deutschland 2016 - Regie: Lars Barthel, Hannes Schönemann, Gabriele Denecke, Peter Kahane, Andreas Voigt u.a. MissingFilms, 87 Minuten.