Documenta Bibliotheken-Projekt

(Foto: Freddie Faulkenberry)

Ein drastisches Kunstabenteuer zu Werken, die nach dem islamistischen Brandanschlag auf die Bibliothek von Timbuktu 2013 gerettet werden konnten.

Von Kia Vahland

Lernen von Athen? Lernen von Timbuktu! So beantwortet eine Künstlergruppe aus Mali gemeinsam mit dem britischen Künstler Ross Birrell das Motto der Documenta 14, die noch bis zum 16. Juli an diversen Stätten in Athen zu sehen ist (Info: www.documenta14.de). Der Kurator Igo Diarra aus Mali inszeniert dafür einen Ort neu, die Gennadius-Bibliothek der Amerikanischen Schule für Klassische Studien. In einer neoklassizistischen Villa arbeiten hier Altertums-Forscher, die Bibliothek hütet zahlreiche altgriechische Originale. Umgeben vom Athener Straßenchaos strahlt sie eine tiefe Ruhe aus, man könnte sich hier so geborgen fühlen wie die Schätze, die sie verwahrt.

Umso drastischer wirkt das Kunstprojekt, das von dem islamistischen Brandanschlag auf die Bibliothek von Timbuktu im Jahr 2013 erzählt. Einige der damals geretteten, aber angekohlten arabischen Schriften sind nun in den Vitrinen des Athener Bücherhauses zu sehen (unsere Abbildung). Hinzu kommen Fotos aus Timbuktu von den teils verlorenen Werken sowie ornamental gemalte Reaktionen zeitgenössischer Künstler der La Medina-Galerie aus Timbuktu auf die Zerstörung. Der Brite Birrell ergänzt diese Trauerarbeit um ein nicht minder bedrückendes Video: Es zeigt die ebenfalls vor wenigen Jahren ausgebrannte Bibliothek der Glasgow School of Art. Das Gebäude hatte der schottische Jugendstil-Designer Charles Rennie Mackintosh Anfang des 20. Jahrhunderts entworfen. Elegisch fährt die Kamera nun über Aschehaufen, dazu spielt ein Violinist das Requiem und sieht dabei aus wie einer der steinernen musizierenden Engel, die den Brand in der Glasgower Bibliothek überlebt haben.

Das Projekt fügt sich in den Anspruch der Documenta, das kulturelle Erbe mit der Gegenwartskunst ins Gespräch zu bringen, so wie dies etwa auch das Künstlerduo Prinz Gholam macht, das vor dem Zeustempel und der Agora in Performances antike griechische Statuen nachempfindet. Die Ruine von Timbuktu aber ist tragischer als schon vor Urzeiten umgekippte Säulen. Sie wäre zu verhindern gewesen. Der Brand geht einher mit der Zerstörung des Weltkulturerbes in Timbuktu, für die der Islamist Ahmad Al Faqi Al Mahdi gerade vom Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag verurteilt worden ist. Das Kunstprojekt in der so heilen Athener Bibliothek erinnert daran, wie verletzlich Kultur auch heute noch ist.