Der Mann, das wissen Frauen, ist für die wirkliche Welt nicht gemacht. Unter Menschen ist der Mann irgendwie peinlich. Im Keller aber, allein mit seiner Märklin-Modelleisenbahn, ist er stark und mächtig. Er darf nur nicht nach oben kommen.
Vor ein paar Tagen hieß es, Märklin sei nun endgültig vor der Pleite gerettet. Wie schön. Märklin stellt Modelleisenbahnen her und ist deswegen eine typische Männerfirma. So wie alle Frauen Prada kennen, kennen alle Männer Märklin. Frauen sollten sich grundsätzlich nicht mit Männern abgeben, die Märklin nicht kennen, denn ein Mann, der sich nicht für die Verkleinerung der Welt interessiert, trinkt zu viel, ist promisk oder trägt die Anlage zum Serienmörder in sich. Zwar mag manche Frau, deren Partner sein halbes Leben im Keller an der Gleisplatte zubringt, glauben, Modelleisenbahner seien Perverse. Aber da ein Modelleisenbahner für andere, wirkliche Perversitäten gar keine Zeit hat, bedeutet Modelleisenbahnertum so etwas wie freiwillige Sicherungsverwahrung.
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Bevor noch der pubertierende Knabe die Reize der Erotik entdeckt, baut er schon kleine Flugzeuge aus Plastik zusammen. Später hält er kurzzeitig die Erotik für wichtiger als den Modellbau. Dann aber stellt er fest, dass die Liebe deutlich mehr Schmerzen bereithält als etwa der Zusammenbau einer Me-109 G. (© AP)
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Nein, der Verfasser dieser Kolumne ist kein Modelleisenbahner. Aber auch er ist ein Mann, der die große Welt manchmal so sehr scheut, dass er deren Veränderung im Modell sehr aufgeschlossen gegenübersteht. Während man in Wirklichkeit als Zeitungsredakteur zum Beispiel in einem schwarzen Turm sitzt, den Raben und Dohlen umkreisen, die krächzen, und dies manchmal mit südwestdeutschem Akzent tun, kann man als Modellbauer eine Redaktions-Villa im Maßstab 1:72 konstruieren, in der sich alle Büros auf eine umlaufende Terrasse hinaus öffnen und gelbe Webervögel - in diesem Maßstab sehr klein - in der Hecke nisten. So ein Bürohaus braucht nicht viel Platz, man kann es abends unters Bett schieben und am Sonntag noch ein wenig weiterbasteln. Übrigens werden viele Architekten nur Architekten, weil sie nach einem bezahlten, gesellschaftlich anerkannten Grund für ihr Modellbau-Hobby suchen.
Bevor noch der pubertierende Knabe die Reize der Erotik entdeckt, baut er schon kleine Flugzeuge aus Plastik zusammen oder bemalt Orks und Space Marines. Wenn der Knabe zum Mann gereift ist, hält er kurzzeitig die Erotik für wichtiger als den Modellbau. Dann aber stellt er fest, dass die Erotik etwas Flüchtiges und die Liebe etwas Kompliziertes ist und außerdem deutlich mehr Schmerzen bereithält als etwa der Zusammenbau einer Me-109 G im Maßstab 1:32.
Der Mann, das wissen Frauen, ist für die wirkliche Welt eigentlich nicht gemacht. Wenn er einen Schnupfen hat, droht er zu sterben, und wenn er sich mit jemandem streitet, hält er das gleich für Krieg. Unter Menschen ist der Mann irgendwie peinlich. Im Keller aber, allein mit seiner Märklin-Bahn, seinen kleinen Jagdflugzeugen oder seiner Ferrari-Sammlung kann er sich die Welt nach seinem Bilde schaffen. Er ist stark, stolz und mächtig. Er darf nur nicht nach oben kommen.
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(SZ am Wochenende vom 31.12.2010/1.1.2011/kar)
DFB-Torhüter ter Stegen
Wer nie dem grünen Krokodil in die Lichter sah ... Drohte zwischen Heiligabend und Dreikönige schwerer Güterzugeinsatz auf den Notrampen aller Stabilbaukästen, so geriet die innerfamiliäre Diskursrepublik ins Leiden am Gleiskörper. Rückzug der Trassen zur Maulwurffraktion in den Keller? Nö, da lagerten die realen Eierkohlen. Also Koexistenz der Herrschaftsansprüche?! Ach was, vor dem spätkoalitionären Wildleichenschmaus wurde die Chefin vorpommersch gouvernmental, von der An- zur Hinrichterin. Dann brachten die regierenden Krokodile der schnutbürgerlichen Wohnstuben mit einem uneleganten Fußtritt gegen unschuldige Weichen Familienstabilitäten auf ewig und 3 Tage ins Dauerwanken ("Mutter, wie gemein - wir verzichten auf deinen Rehbraten"). Wer sollte schlichten? Schwester Teufelin las Bravo, hielt den schlichten Heino (Heiner?) für kein Schlichter-Gemüt: "Ihr habt ja 'n Rad ab!" Das geplante Gleisgebirge erfuhr also Verschlankung in allen Ressorts - unter rollendem Rad verkrümelte sich der breite Sackbahnhof waidwund unters Kanapee, ein Abstellgleis führte nach Bratislava am Bettpfosten. Weltschmerz in H0 (Cousinen in der "Zone" verstanden immer nur HO) - Kakophonie auf der Steißlinger Geige. Die Faller-Häuschen fallen wie von weit, sie fallen mit verneinender Gebärde. Jetzt liegt jeder idyllische Bahnhof zwischen Trollingen und Grollhausen.
Wahrscheinlich stammt der bei Grau-Grünen ausgeprägte Widerspruchsgeist wie auch die unstillbare Neigung zum Umfummeln aus eben jenen Tagen der unfreiwilligen Bestandsicherung im Geiste des Gyro Gearloose. Feinmotoriker sind Sensibelchen, ständig mit/an der Muffe gepufft - der Teufel steckt stets in den Signalkontakten. Süße Pein, wenn beim Abisolieren von Kupferdrähten sich die Spitzen in die Fingerkuppe bohren. Am Ende stand die stolze K21-Komposition, Nabel der Bahnwelt. Räder müssen rollen bis zum Krieg um die beste Kurventechnik. Wer am Trafo nicht bremste, war schon damals Fundi.
Und die Alternative? Hieß "Bismarck" - jenes in ritz-, falz, klebreichen Stunden gebastelte Papiermonster, mit Tante Dorothea als Allzweck- und Friemel-Patin ("Junge, die Beiboote müssen sauber aus den Davits gefiert werden"). Das gute Stück war eingestaubt? Anarchische Wonne, mit britischen Keiten das breite Heck der "Bismarck" zu bombardieren, als hieße es Stephanie und unterstände samt Lafetten der reitenden Gebirgsmarine. Wenn nicht Märklin, dann eben schnödes Peacemaking.