Deutsche Literatur Lokstedt war nicht meine Welt

Die Briefe Hubert Fichtes an die Fotografin Leonore Mau sind aufgetaucht - man nehme sie als Wegweiser zum immer noch aufregenden Werk.

Von WILLI WINKLER

Es kann schon sein, dass die Elbphilharmonie nächstes Jahr noch alles rausreißt, aber der Anspruch Hamburgs auf das Weltkulturerbe beschränkt sich bisher doch eher auf die Bratkartoffeln und die Leidensjahre, die Gottlob Ephraim Lessing mit der Hamburgischen Dramaturgie zu erdulden hatte. Dafür gilt viel zu wenig jene Kultursumpfblütenzeit, die sich in Hamburg zu Anfang der Fünfziger um alte Hafenkommunisten, jüdische Remigranten und Langzeit- und Werkstudenten bildete. Der Dichter Werner Riegel gehörte dazu, die spätere Gerichtsreporterin Peggy Parnass, und in der Mitte sausten und brausten die zweieiigen Geisteszwillinge Peter Rühmkorf und Klaus Rainer Röhl. Sie feierten sich als "Vereinigung der KZ-Anwärter des Vierten Reiches", nannten ihr Kabarett "Die Pestbeule" und spielten regelmäßig die Säle leer, in denen sie geduldet wurden.

Adenauer und Erhard wurden verachtet, mit der DDR, in die Wolf Biermann, der Sohn eines ermordeten Kommunisten, gutgläubig auswanderte, sollte gesprochen werden, Alfred Döblin (früher Expressionist, jetzt katholisch) und Gottfried Benn (früher Nazi, jetzt nur noch Facharzt für Geschlechtskrankheiten) wurden als Hausgötter verehrt, der Schwerfälligkeitsweltmeister und Pazifist Hans Henny Jahnn wurde angebetet.

Hubert Fichte war ein Schoßkind dieser schönen, längst nicht erforschten Subkultur. Mit, durch und auch in Fichte hätte Hamburg doch Weltniveau, jedenfalls strebte er mit aller Macht danach, als er 1966 im "Star-Club", durch den bereits eine unscheinbare Liverpooler Band namens The Beatles berühmt geworden war, mit Band auftrat und, angetan mit einer rotseidenen Jacke, aus seinem unveröffentlichten Heimatkundewerk "Die Palette" las. "Ich kann mir die Freiheit, wenn ich ehrlich bin", ließ er sein anderes Ich Jäcki verkünden, "nur als eine gigantische weltweite Verschwulung vorstellen."

Aber erst Hamburg, und dann auch noch dieser elende Stadtteil: "Lokstedt war nicht meine Welt. / Ich komme von weither", nur von wo? Als Sohn eines Juden 1935, im Jahr der "Nürnberger Gesetze" geboren, "Mischling" deshalb, und so gefährdet, dass die Mutter ihn eine Zeit lang in ein katholisches Waisenhaus in der Spargelhauptstadt Schrobenhausen steckt. In Hamburg erlebt er den Feuersturm nach der Bombardierung durch die Engländer, schlägt sich so durch, steht als Kleindarsteller auf der Bühne und entdeckt den Dichter und Züchter Jahnn. Der prüft als moderner Haruspex den Urin mit dem Ergebnis, dass Fichte "fifty-fifty" sei, nämlich bisexuell, wobei Jahnn sich offenbar seinen Teil am Vierzehnjährigen holt; heute gälte das als schwerer Missbrauch.

Fichte trampt nach Frankreich, verzeichnet in Jahnns Auftrag romanische Kirchen, bleibt da, wird fast katholisch, dann Schäfer und Teil einer menage mindestens à trois. Noch in den Sechzigern, als ihn die Hamburger teurere Gesellschaft teilzeitadoptierte, machte er mit seinem Geschick beim Schafescheren Eindruck, mehr noch mit Bekenntnissen wie diesem: "Ich glaube, dass Strichjungen, Straßenmädchen und Vaudoupriester sehr wichtige und aufopfernde Tätigkeiten ausüben, künstlerische Tätigkeiten, wenn man sie recht betrachtete, hygienische, psychoanalytische, poetische, ich meine, sie gehören zu den letzten großen Wohltätern auf der Erde."

Anfang der Sechzigerjahre lernt Fichte die Fotografin Leonore Mau kennen. Sie ist 19 Jahre älter, Mutter zweier Kinder und dabei, aus ihrer Ehe zu fliehen, während er nicht mehr bereit ist, "irgendeine leidenschaftliche Bindung einzugehen". Es wird eine besonders leidenschaftslose, die einzige neben der zu seiner Mutter. "Du bist mir in Deiner Amoralität sehr verwandt", lobt er die Lebensfreundin in einem seiner ersten Briefe. Bald schon droht dem jungen Glück eine ungewollte Schwangerschaft, die aber den werdenden Künstler nur von der Kunst ferngehalten hätte. "Die natürliche Spannungslosigkeit, die mir das normale Liebesleben geben würde, wäre wahrscheinlich vernichtend für meine künstlerische Tätigkeit", doziert er geschwollen. Zum Glück vergeht diese Gefahr, sie können zusammenbleiben. Das "ehebrecherische Zusammenleben" wird sogar amtsgerichtlich gerügt, doch ohne viel Amoralität werden sie gemeinsam und getrennt berühmt: sie als Fotografin, er als Schriftsteller, den es immer weiter fort von Hamburg treibt.

Die Lichtbildnerin, wie er sie nennt und sie nicht genannt werden will, fotografiert für Schöner Wohnen und Merian, Fichte lernt Sprachen, darunter so viel Altgriechisch, dass seinen Grabstein ein Spruch von Empedokles zieren kann, und erforscht arabische, brasilianische und alle Arten kreolischer Grausamkeitsriten und ungezählte Männerhintern. Im Nachlass der 2013 verstorbenen Leonore Mau fanden sich achtzig Briefe und Karten, die ihr Fichte in 25 Jahren aus aller Welt geschrieben hat. So erfährt man von exotischsten Reisen, zumeist von deutschen Rundfunkhäusern und zum Besten der Literatur bezahlten Fahrten, ein letzter Gruß der Peter-Stuyvesant-Generation. "Tunesien ist sehr schön", wird der Korrespondentin mitgeteilt, die dankbar auch die weiteren Informationen entgegengenommen haben dürfte, die ihr Fichte aus Afrika zudenkt: "Tagsüber sehr heiß. / Nachts sehr kalt."

Dem Herausgeber Peter Braun fällt dazu der interessante Euphemismus von der "ungaren Mittelform" ein. Diese Briefe, einmal muss es doch heraus, sind nämlich von sensationeller Belanglosigkeit. Es sind Mitteilungen, wie sie sich Vertraute schreiben, sogar bürgerliche Eheleute, also nichts anderes als bessere Post-it-Zettel, und bestimmt keine Herzensergießungen. Braun versucht die "ungeliebten Briefe" (er meint damit, dass Fichte ungern Briefe schrieb) mit dem verräterischen Hinweis zu retten, sie seien "einfalls- und abwechslungsreich ( . . . ) im Hinblick auf die abschließenden Grußworte und die Unterschrift". Gut, Fichte zeichnet da gern einen Pimmel hin, aber sonst wird der Voyeur genauso enttäuscht wie der gewöhnliche Fichteaner. Ohne eine gigantische Fußnote, die nicht nur Fichtes drei frühe Romane einschlösse, sondern auch die Geröllhalde der - je nach Zählung - 12- oder 17-bändigen "Geschichte der Empfindlichkeit" sind so geist- und witzlos, wie sie ihr Autor fand. Weder der deutschen Literatur noch dem dito Verlagswesen fehlte etwas, wenn die achtzig Zettel in Marbach oder im Keller der Hamburger Universitätsbibliothek verblieben wären.

In den postumen Tagebüchern Fichtes fand Raddatz "Giftmüll" über sich - und schlug zurück

Dabei hätte es Fichte doch verdient, dass seine Bücher wieder gelesen würden, sein Hamburger Frühwerk vor allem. Schon jetzt droht ihm ein Überleben allenfalls als Wundertier und Paradiesvogel in den Tagebüchern von Fritz J. Raddatz. 1986 widmete Raddatz dem bewunderten und nicht wenig beneideten Dichter einen liebevollen Nachruf, nur um dann zu erfahren, wie Fichte ihn in seinen eigenen, postum veröffentlichten Tagebüchern ausgiebig mit "Giftmüll" bedachte. Raddatz nun wieder, nicht faul, empörte sich nicht bloß darüber, sondern trat nach ins Grab und amüsierte sich über die Tatsache, dass dem todkranken Fichte ein künstlicher Darmausgang gelegt werden musste, ausgerechnet ihm, "der sich so gerne von Türken ficken ließ". Sag ich doch, Weltkulturerbe Hamburg.

Der Herausgeber kommentiert mit manchmal recht ungelenken Sätzen ("Neugierig geworden, schloss sich eine erste Reise nach Brasilien in den ersten Monaten des Jahres 1969 an") diesen bescheidenen Brief-Nachlass, spricht großartig, weil's sonst gar keiner kaufte, von "raren Dokumenten", hofft auf "Einfühlungsvermögen und Vorstellungskraft" beim gotthabihnselig "Akt des Lesens" und ergänzt wenig hilfreich, was niemandem fehlt. So wird der Kunde netterweise darüber aufgeklärt, dass der Airbus A 300 "das erste Großraum-Verkehrsflugzeug für Kurz- und Mittelstrecken des Herstellers Airbus S.A.S." war oder, gleich zwei Mal, dass "Casa" die Kurzform für die Stadt Casablanca sei.

Leseprobe

Einen Auszug aus dem Buch stellt der Verlag hier zur Verfügung.

Braun bezeichnet sich als "Medienwissenschaftler" und weiß von der "Kritik vieler Intellektueller an den Zeitschriften des Springer Verlages, allen voran an der Bild und der Welt mit ihrer rechtslastigen Kommentarseite" zu fabeln. Dafür erscheint von der Zeitschrift Geo, für die Leonore Mau auch arbeitet, 1976 nicht etwa das erste Heft, sondern es gibt eine "Erstausgabe". Nebenbei gesagt, weiß doch jedes Kind, dass Oswald Wieners berühmtes Buch nicht "Die Verbesserung von Mitteleuropa", sondern "Die Verbesserung von Mitteleuropa, Roman" heißt. Aber was ist schließlich Mitteleuropa, wenn es in Tunesien manchmal heiß ist und dann wieder kalt?

Hubert Fichte: Ich beiße Dich zum Abschied ganz zart. Briefe an Leonore Mau. Herausgegeben von Peter Braun. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2016. 256 Seiten, 26 Euro. E-Book 22,99 Euro.