Deutsche Literatur Die Meerjungfrau

Stefan Moster ist ein großartiger Übersetzer aus dem Finnischen. Und selbst Autor. In seinem vierten Roman "Neringa oder Die andere Art der Heimkehr" sucht der Erzähler nach den Spuren seines Großvaters - und nach sich selbst.

Von Ulrich Rüdenauer

In Terrence Malicks träumerisch-versponnenem Liebesfilm "To The Wonder" tänzeln die beiden Hauptdarsteller Ben Affleck und Olga Kurylenko während einer Reise durch die Normandie verliebt am Strand. Etwas Schwebendes und Zeitloses tut sich da auf vor der Weite des Atlantiks. Dem bodenständigen Zeitgenossen mag dieses Glücks- und Meeresrauschen ein wenig pathetisch anmuten; die Schaumkronen des Kitsches treiben verdächtig über die Arthouse-Leinwand.

Auch Stefan Mosters Ich-Erzähler, einem eher nüchternen Zeitgenossen und erfolgreichen Geschäftsmann, ergeht es so. Am liebsten würde er das Kino sofort verlassen, fliehen geradezu; aber etwas hält ihn doch zurück, als würden die Bilder nach ihm schnappen, ihm noch ein Geheimnis anvertrauen wollen, etwas "Wesentliches". Der Mann in mittleren Jahren erfährt eine lupenreine Epiphanie. Mont-Saint-Michel, dem die beiden Filmliebenden zueilen, wird für Mosters Helden zum Auslöser einer mémoire involontaire. Ein Postkartenmotiv der normannischen Felseninsel überlagert schließlich das Kinobild. Die Karte kreiste einstmals am Familientisch. "Erst als sie meinen Großvater erreichte, kam es zur Unterbrechung. Er nahm die Ansichtskarte zur Hand, betrachtete sie ausführlich, las den Text auf der Rückseite, kehrte wieder zur Abbildung zurück und sagte: Da war ich schon. Dann reichte er sie weiter." Der wortkarge Großvater übergibt das stumme Bild auf gewisse Weise an den Enkel, der es nun Jahrzehnte später in Händen hält.

Der Dienstleister war Dienstleister und produzierte nichts

Wer war dieser Ahn eigentlich, der zu cholerischen Auftritten neigte? Was hat er in Frankreich während des Krieges als Wehrmachtssoldat getrieben? Welche Spuren hat der Pflasterer hinterlassen? Ist den wenigen verfügbaren Erinnerungen überhaupt zu trauen? Und was hat das eigene krisenanfällige Ich, dem zu Jugendzeiten das "Gift der Niedergeschlagenheit" injiziert worden ist, mit dieser Herkunft noch zu schaffen? "Am Samstagmorgen nach dem Kinobesuch wachte ich in mindestens drei Zeiten gleichzeitig auf, wie mir schien, doch machte mich das nicht nervös. Ich war neugierig geworden und entschloss mich zu Nachforschungen."

Davon träumt der Ich-Erzähler in Stefan Mosters Roman: Ben Affleck und Olga Kurylenko in Terrence Malicks Film "To the Wonder".

(Foto: Studiocanal)

Das Programm dieses behutsam, fast zu beschaulich erzählten Romans ist damit umrissen: "Neringa oder Die andere Art der Heimkehr" schildert, wie sich die Vergangenheit in ein geschäftstüchtiges Leben hineinschmuggelt, wie der "Speicher von Erinnerung und Wissen", der sich eine Zwischengeneration lang nur noch spärlich gefüllt hat und stattdessen mit Gerüchten angereichert wurde, nun endlich ergänzt werden soll. Es ist auch der Roman einer Midlife-Crisis.

Denn der erfolgreiche Geschäftsmann, den es vom provinziellen Mainz ins urbane London verschlagen hat, muss sich in vielen Belangen sein Scheitern eingestehen: Er ist zwar ein hochdotierter Dienstleister für Dienstleister, aber er produziert nichts, hat nie etwas Bleibendes geschaffen. Wenn er zum Schlafen in seine schicke Wohnung kommt, ist das - anders als es der solide Handwerker-Großvater in Mainz empfunden haben muss - keine Heimkehr, sondern mehr eine Art Einkehr in ein Provisorium.

Eine heimliche Sehnsucht nach der Idylle prägt diesen Roman

Zum Glück gibt es die Titelheldin Neringa, die zum ersten Mal auf Seite 64 in Erscheinung tritt. Neringa ist die litauische Putzhilfe des Erzählers, eine sich grazil durch die Wohnung bewegende Frau, die man sich vielleicht ein bisschen vorstellen darf wie die tanzende Olga Kurylenko in "To The Wonder", wenn auch nicht so ätherisch. Ein Wunder ist dieses unverhoffte Hineinstolpern in die Liebe gleichsam auch: Neringa besitzt eine Lebensklugheit, die dem Helden abgeht. Sie erzieht ihn auf gewisse Weise. Die Parameter des Erfolgs und der Karriere zählen für sie nicht; ihr geht es um Leidenschaft und Glück. Geldverdienen ist für sie eine Notwendigkeit, aber keine Erfüllung. Neringa - der Legende nach eine schöne Meerjungfrau und Riesin, die den Fischern im Kampf gegen den Meeresgott Bangputis half - steht dem Ich-Erzähler nun bei seinen Kämpfen zur Seite und begleitet ihn auf seinen Reisen in die Vergangenheit. Und sie scheint ihm einen neuen Weg in die Zukunft zu weisen, die Bewusstseinsströme der Erinnerung zu kanalisieren. Das "Wesentliche" - durch Neringa scheint es mit aller überwältigenden Macht in sein bislang eher kitschfreies Leben getreten zu sein.

Stefan Moster: Neringa oder Die andere Art der Heimkehr. Roman. Mare Verlag, Hamburg 2016. 282 Seiten. 20 Euro. E-Book 15,99 Euro.

Es ist auffällig, dass sich in der letzten Zeit die Bücher häufen, in denen Enkel den Wegen ihrer Großeltern nachspüren. Das sind oftmals keine allzu radikalen Auseinandersetzungen, sondern eher sanftmütige Annäherungen. Als wollten die Nachgeborenen, um zu sich selbst zu finden, in größeren Zusammenhängen aufgehen, Teil werden eines Kontinuums. Ein direkter Kampf mit dieser Generation ist ja - anders als bei den Eltern - nicht mehr auszufechten. Der inzwischen vierte Roman Stefan Mosters, der ein meisterhafter Übersetzer aus dem Finnischen ist, bildet da keine Ausnahme. "Neringa oder Die andere Art der Heimkehr" trägt eine mehr oder minder heimliche Sehnsucht nach der Idylle in sich, nach Zugehörigkeit, nach Heimat.

Die Enttäuschung bleibt freilich nicht aus. Wer die Orte der Erinnerung aufsucht, wird "von der Banalität des Gegenwärtigen überschwemmt" heißt es einmal. Die fantasierte Vergangenheit ist eben meist erfreulicher als die recherchierte. "Das Einzige, womit wir die Toten beschenken können, sind liebevolle Legenden", sagt die verständnisvolle Neringa. Das hat bei aller Traurigkeit, die darin auch steckt, denn doch etwas allzu Versöhnliches.