Deutsche Literatur Der alte Kapitän Tod

Alban Nikolai Herbst: Traumschiff. Roman. Mare Verlag, Hamburg 2015. 320 Seiten, 22 Euro. E-Book 17,99 Euro.

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Im Roman "Traumschiff" von Alban Nikolai Herbst gehen die Figuren durch heftige Seelenstürme.

Von Insa Wilke

Als Cees Nooteboom seine Hauptfigur Hermann Mussert alias Sokrates 1991 in Lissabon aufwachen ließ und auf die letzte Schiffsreise in die Unsterblichkeit schickte, verkaufte sich die daraus folgende Geschichte - nach dem Ritterschlag durch das Literarische Quartett - mehr als eine Million Mal. Alban Nikolai Herbsts Erweckungsroman "Traumschiff" wird es schwerer haben. Dabei segelt auch sein Erzähler philosophierend dem Tod entgegen. Denkt man an die Debatten über Lebenswissenschaften und Sterbepolitik, ist die Zeit eigentlich wieder reif für solche Bücher. Herbst verbirgt die Zeitgenossenschaft seines Romans allerdings, wie einige seiner Kolleginnen und Kollegen in dieser Saison, hinter einem aufwendig nach innen wachsenden Prosa-System. Offenbar auch eine ästhetische Reaktion auf die komplexe und undurchsichtige Situation unseres Zeitalters. In jedem Fall aber eine Bürde, die der Leser mitzutragen hat.

Herbsts Romane halten die einen für komplette Systemabstürze, die anderen für geniale Weltenschöpfungen. In "Traumschiff" kommt beides zusammen: ein System, nämlich das unserer Schein-Humanität, soll literarisch durch einen utopischen Gegenentwurf gestürzt werden. Das Thema ist in aller Stille durchaus gigantomanisch: wie wir sterben wollen.

Mit der zufällig und absonderlich zusammengewürfelten Reisegesellschaft, die sich auf Alban Nikolai Herbsts "Traumschiff" versammelt, um zum letzten Mal über die Weltmeere zu kreuzen, hat der Autor für diese Frage ein traditionsreiches Bild gefunden. Seine "Sterbegesellschaft" gruppiert sich um einen alten, nach außen wortkargen, nach innen umso gesprächigeren Herrn namens Gregor Lanmeister. Die Gruppe verbindet nicht nur der Zufall, sondern auch, dass ihre Mitglieder, zumindest die meisten, "das Bewusstsein" haben: "Der Mensch gleicht einem Hauch, seine Tage sind wie flüchtiger Schatten!" Sprich, sie befinden sich wachen Geistes bereits im Transitbereich zwischen Leben und Tod und erwarten gelassen und freudig das Signal, um von Bord zu gehen.

Als Zaungäste erleben wir diese Situation durch Lanmeisters Bewusstsein. Es ist ein fantastisches und, wie man nach und nach ahnt, vielleicht auch ein schon umwölktes Ist. In einem Brief an seine Dulcinea, die ukrainische Pianistin an Bord, die er zärtlich aus der Ferne minnend Lastotschka, Schwalbe, nennt, protokolliert Lanmeister alles, was ihm "bemerkens- und vor allem bedenkenswert" zu sein scheint.

Alban Nikolai Herbsts Anspruch ist enorm. Wenn es heißt: "Durch unsere gewissesten Ausdrücke huschen die flüchtigsten Schatten. Für Übergänge haben wir überhaupt keine Sprache", meint das auch: Herbst versucht, diese Sprache zu finden und gibt sich nicht damit zufrieden, sich "nur" in die Wahrnehmungen und Wünsche eines Sterbenden hineinzudenken und sie realistisch wiederzugeben. Er komponiert ein Wahrnehmungskonzert aus Farben, Klängen und Naturerscheinungen. Was zunächst irritiert, nämlich die Sprechstörung, an der Lanmeister offenbar leidet und die sich in ungewöhnlichen Satzstellungen und Wortfindungsstörungen äußert, erscheint dann irgendwann plausibel, markiert sie doch die Zwitterstellung des Romans zwischen dem Bewusstsein des alten Mannes und dem seiner Umgebung, also zwischen herkömmlicher Realität und der anderen Welt, in der sich Lanmeister bewegt.

Dennoch fragt sich, ob diesem schon auch gespreizt wirkenden Einfall nicht ein Missverständnis zugrunde liegt: "Dem Tod kommt es auf sprachliche Präzision nicht mehr an", meint Lanmeister. Oder: "Sterben insgesamt heißt, dass man zunehmend weniger spürt." Oder: "Sterben heißt wieder kollektiv werden." Ist das alles so? Ist nicht das Gegenteil der Fall, wenn das Leben verrinnt?

Herbst hat Gregor Lanmeister als gemischten Charakter angelegt: im Leben ein kalter Pragmatiker, lösen sich im Sterben die Verhärtungen, die ihm als ungeliebtem "Russenkind", also als Spross einer Nachkriegs-Vergewaltigung, schon früh zugefügt wurden. Solche Psychologisierungen und Realitätssplitter schränken die Radikalität des Bewusstseins-Romans ein, sorgen aber für Bojen, die einen durch das träumerisch ungewisse Wahrnehmungsmeer leiten. Darunter sind auch großartig zärtliche Szenen wie diese von einer verirrten Seele in Gestalt eines Spatzen: "Einer der Inder vom Service bückte sich zu ihm hinab und strich ihm mit zwei Fingern über das Gefieder. Dann ging er wieder, kehrte aber mit einer Serviette zurück. Darin nahm er den Vogel auf und barg ihn an seiner Brust."

Herbst hat diese Szene möglicherweise genau so gesehen. Denn er hatte die Idee zu seinem Roman, als er Writer on Board auf der MS Astor war und in Lissabon von der Saudade heimgesucht wurde. Später ging er noch einmal an Bord, um die Details einer Kreuzfahrt zu recherchieren. Herbst geht mit diesen Realitätssplittern um wie Thomas Mann mit den Realien im "Zauberberg". Er entwickelt, der Oberstudienrat wird sich freuen, ein dichtes Verweissystem aus sprechenden Namen (LAN-Meister), religiösen und kulturellen Codes wie dem Psalm 144, den Ziegel des Mahjong-Spiels sowie intertextuellen Palimpsesten. Paradoxerweise gelingt es Herbst gerade durch diese Überinstrumentierung, eine "Kathedrale des Schweigens" zu schaffen oder, wie es über einen der beiden Schiffsärzte heißt: "Aber was er spricht, ist nur das Außen um das Schweigen herum. Ich würde sogar sagen, dass sein Sprechen das Futter ist, das seine innere ozeanische Stille genau so einhüllt wie der nachtblaue Samt die Spatzen in dem feenseeschwalbenfedernen Holz ihrer Kiste."

Das Pathos, das sich in Lanmeisters oft geradezu aristokratisch distinguierender Rede manifestiert, geht einem bald gehörig auf die Nerven, wie man überhaupt manchmal gern aussteigen würde aus dem flusigen Kopf des Erzählers. Herbst ist aber so klug, dessen Rede immer wieder durch den sachten Kontrast zur Außenwelt ins Komische und Groteske zu ziehen und durch die Verunsicherung, ob Lanmeister vielleicht bloß in einem Altenheim oder Hospiz auf Kopfreise gegangen ist, sogar Rührung hervorzurufen und so die Frage nach der Würde der Sterbenden in unserer Gesellschaft in den Raum zu projizieren.

Cees Nootebooms Erfolg lag damals nicht nur an der bildungsbürgerlichen Tapisserie seines Romans, sondern auch an den klaren Botschaften, die er vermittelte. Zwar lassen sich die letzten Worte von Gregor Lanmeister - "schaut doch" - als Appell lesen, das Leben zu ehren, doch sind klassisch begründete Lebensmaximen von Alban Nikolai Herbsts poetischer Innenweltprosa nicht zu bekommen. Von den puren Sepia-Schalen seines Vorbilds Eugenio Montale ist er weit entfernt, wenn er sich die Formen des "verwitternden Lebens" vorstellt.