Design Auf dem Deutschland-Dampfer

Spielt das Panikorchester: Eine Ausstellung im Landesmuseum für Kunst und Kulturgeschichte Oldenburg beleuchtet die beiden Pole der Siebzigerjahre.

Von Till Briegleb

Wer in seinen Fünfzigern steht, der hatte seine prägenden Jugenderlebnisse in den Siebzigern. Man kann sich heute schwer vorstellen, wie unsere Konzernchefs, Parteivorsitzenden, Fernsehmoderatoren und Oberärzte einmal auf Plateausohlen, mit farbiger Schlaghose und Bürste in der Jeansjacke wild den Clearasil-behandelten Kopf schüttelnd zu Sweet und Suzi Quatro getanzt haben, während sich Hirn und Magen im Bacardi-Cola-Rausch bekämpften. Aber so ähnlich wird die Szene einmal ausgesehen haben. Wer heute seine besten Karrierejahre mit seriösem Auftreten, in dezenter Mode und einem silbernen Auto verbringt, erfuhr sein Erwachsenwerden in der Tauchsieder-Generation.

Keine Epoche erscheint heute unwirklicher als diese Übergangszeit zwischen dem großen Nachkriegsbruch der Sechziger und den Birne-Jahren zum Ende der alten BRD. Es ist - wie eine große, reich bestückte Schau über "die Siebzigerjahre in der Bundesrepublik" im Landesmuseum Oldenburg jetzt wieder in Erinnerung ruft - die Ära der größten Geschmacksverirrungen. Selbst Retro-Hipster zitieren diese Epoche maßloser Übertreibungen heute nur als Ausweis von Humor. Denn große orange-braune Kreise als Wohnzimmertapete, lange Kotletten für ihn und lila Overalls für sie, Autolacke in allen Malkastenfarben und grell-süße Windbeutel vom Melitta-Mokka-Service, das alles wirkt heute so durchgedreht wie ein oranges Telefon mit Wählscheibe am Ohr.

Plötzliche Befreiung von Zwängen führt eigentlich immer zunächst zu fehlendem Maß und Unsicherheit. Und das deklarierte Ende der Spießigkeit im Zuge der Studentenrevolten in Europa und den USA resultierte dann auch erst einmal in der maßlosen Vergrößerung: Der Hemd- wurde zum Haifischkragen, der Fahrradsitz zum Bananensattel, und der Friseurberuf erlitt eine tiefe Krise, weil der fortschrittliche Mensch nun "Matte" trug. Aber auch grassierende Zukunftsangst und neuer Ufo-Glauben zeugen von einer gewissen Liebe zur Übertreibung auf dem Deutschlanddampfer mit Panikorchester.

Ernst gemeinte Spiegel-Titel wie "Die Computer-Revolution: Fortschritt macht arbeitslos" artikulierten diese Verunsicherung genauso wie die Bestseller-Erfolge von Erich von Däniken, der das Märchen von der rettenden Kavallerie aus dem All in Millionen Köpfe pflanzte. Und während die unbeirrt weiter Atomkraftwerke bauenden Franzosen und Engländer sich über die "Krauts" lustig machten, die ihre German Angst zum Abschied von der technischen Vernunft führe, gründeten deutsche Künstler und Graswurzelrevolutionäre tatsächlich Landkommunen mit der Behauptung, so aus der Gesellschaft aussteigen zu können.

Wie diese verwirrt suchende Epoche sich zwischen einer vorherigen Phase der Aufklärung und der folgenden Institutionalisierung ihrer Ergebnisse verortet, das illustrieren vielleicht zwei entscheidende politische Rahmendaten. Am Anfang dieser Ära steht Willy Brandts Kniefall in Warschau 1970, beschlossen wird sie mit der Gründung der Grünen zehn Jahre später. Und die dazwischen entfesselten politischen Kräfte, die nach dem Ende der restaurativen Epoche des Wiederaufbaus nun zur Eigenermächtigung griffen, sorgten für die gewalttätigsten Konflikte in der Bundesrepublik überhaupt.

Die Siebziger sind auch das Zeitalter der "anarchistischen Gewalttäter", wie die Baader-Meinhof-Gruppe auf den offiziellen Fahndungsplakaten genannt wurde, und des "ökologischen Bürgerkriegs" um die Atomkraft in Brokdorf, Kalkar und Gorleben. Bevor die erste erfolgreiche Parteigründung der Linken seit Erfindung der SPD die rebellischen Kräfte als parlamentarische Bewegung unter einer Sonnenblume befriedete, kam es im politischen Feld zu mehr tektonischen Verschiebungen zwischen alter und neuer Zeit als in den dafür berühmten Sechzigern.

Während die 68er-Studentenproteste, der Auschwitz-Prozess und Brandts Versöhnungspolitik die Wurzeln ihrer Konflikte noch in der Nachhaltigkeit der autoritären Vergangenheit hatten, richtete die große politische Unruhe der Siebziger das Augenmerk auf die Zukunft, die es sofort zu erkämpfen gelte. In diesen wenigen Jahre wurden die letzten utopischen Gesellschaftskonzepte formuliert, bevor sich der Pragmatismus der Bonner Republik von Helmut Schmidt auf ganzer Linie durchsetzte - und sie wurden damals auch durchgekämpft.

Anti-autoritäre Erziehung, Gleichberechtigung der Frau, Naturschutz, Körper-Geist-Erkundungen und Bildung für alle sind zwar keine originären Erfindungen von Menschen mit Folklore-Hemden, Ponyfrisuren und Uhu-Brillen. Aber diese Generation schuf all die produktiven Nervensägen, die gegen die Meinung, Strom komme doch aus der Steckdose, erste konkrete Veränderungen durchsetzten. Alice Schwarzer, Joseph Beuys, Petra Kelly oder Robert Jungk agierten auf unterschiedlichsten Feldern einer Zukunftspolitik, die man nicht mehr dem Staat und den Mächtigen überlassen wollte. Und das taten sie mit einer damals noch unerhörten öffentlichen Penetranz.

Der Terror gegen die heiteren Spiele 1972 vereint die beiden Tendenzen des Jahrzehnts

Im Oldenburger Prinzenpalais haben die Kuratoren Siegfried Müller und Michael Reinbold unter dem Titel "Demo, Derrick, Discofieber" deshalb nicht nur das Lebensgefühl jener Zeit akribisch ausgebreitet. Der große Rundgang durch zahlreiche Säle beginnt zwar mit dem Bonanzarad und führt über Strickkleider, "Dalli Dalli" und exemplarische Wohnräume mit Mustertapete bis zu den Tiefstdekolletés der Bondgirls von Roger Moore in "Moonraker". Die besondere nervöse Energie dieser Zeit aber vermittelt sich nur durch das konsequent inszenierte Verhältnis zwischen individueller Selbstneuerfindung und gesellschaftlichen Strukturkonflikten, das hier gewahrt wird.

Der Kampf gegen den Abtreibungsparagrafen 218 gehört eben in denselben Kontext wie die Softpornos des "Schulmädchenreports". Der Schock der Ölkrise mit den Autofahrverboten verbindet sich mit dem aerodynamischen Plastikdesign des damaligen Kurven-Gurus Luigi Colani, weil beide die Abhängigkeit vom Rohstoff Öl bewusst machten. Und die schrecklichen Frisuren, Apfelbäckchen und vor dem Bauch verknoteten bunt karierten Hemden, wie man sie bei den eifrig tanzenden Vokuhilas in Ilja Richters Fernseh-Disco sehen konnte, stehen in einem konkreten Spannungsverhältnis zu der Begeisterung für Bhagwans uniformierte Heilsarmee, weil sie zwei stark gegensätzliche Reaktionen auf die explodierende Konsumwelt der Siebziger zeigen.

Das entscheidende historische Ereignis für Deutschland, das den komplizierten Zusammenhang von neu gelebter Leichtigkeit und politischer Gewalt in den Siebzigern aufzeigte, stand bereits sehr früh am Anfang dieser Kurzepoche: Die Terroraktion gegen die jüdischen Sportler bei den heiteren Spielen von München 1972 führte die beiden entscheidenden Tendenzen dieses Jahrzehnts an einem Ort zusammen. Und auf Knopfgröße drückte sich die Suche nach dem individuellen Lebensglück, das stark bedroht ist von neuen globalen Gefahren vielleicht am klarsten durch einen politischen Sticker aus, auf dem tausendfach getragen stand: Petting statt Pershing.

Aber die Siebzigerjahre haben auch zahlreiche Formate und Erscheinungen begründet, die uns heute eher als Gegenwart selbstverständlich sind. Die erste Talkshow kam damals ins Fernsehen, Ikea betrat den deutschen Einrichtungsmarkt, die Volljährigkeit wurde auf 18 Jahre gesenkt, der Sicherheitsgurt Pflicht und Deutschland war wieder Fußballweltmeister. Andere Erscheinungen vermitteln dagegen nur noch ein Déjà-vu der Peinlichkeit, etwa die Trimm-dich-Pfade, der Engtanz, Selbstgestricktes und manche Politparole.

Dass diese Ausstellung das Bild der Siebziger vielleicht doch homogener zeigt, als es tatsächlich war, erkennt man an gewissen Weglassungen. Die Punk-Bewegung, die ab 1976 auch in Deutschland einen stark pessimistischen Akzent offenbarte, kommt in diesen inszenierten Siebzigern so wenig vor wie der ironische Spott der Malerei der Jungen Wilden um Martin Kippenberger. Aber als buntes, kämpferisches und visionäres Zeitalter, wie die Ausstellung diese zehn Jahre präsentiert, erkennt man die Siebziger hier trotzdem wie einen alten Freund, der sich überhaupt nicht verändert hat - zumindest, wenn man in seinen Fünfzigern steht.

Demo, Derrick, Discofieber. Landesmuseum für Kunst und Kulturgeschichte Oldenburg im Prinzenpalais. Bis 20. März 2016. Info: www.landesmuseum-oldenburg.niedersachsen.de. Katalog (Michael Imhof Verlag) 15 Euro.