Debatte Blick auf eine bessere Welt

Das Online-Forum Edge.org versammelt zu Neujahr Wissenschaftler, Intellektuelle und Künstler zur "Frage des Jahres". Das Feuilleton der SZ bringt in dieser Woche einige der 193 Antworten.

Von Steven Pinker

Die menschliche Intuition kann die Wirklichkeit in der Regel nicht besonders gut erfassen. Ein halbes Jahrhundert psychologischer Forschung hat gezeigt: Wer versucht, Risiken oder die Zukunft einzuschätzen, dessen Blick wird von Vorurteilen, großen Ereignissen, eindrucksvollen Szenarien und moralisierenden Narrativen getrübt.

Zum Glück hat sich aber die Kenntnis über die Fehler menschlicher Erkenntnis schon weit verbreitet, und die Lösung für das Problem ist damit geläufiger geworden: objektive Daten. In vielen Lebensbereichen ersetzen Beobachter inzwischen ihr Bauchgefühl durch quantitative Analyse. Die Welt des Sports wurde durch das Statistikverfahren "Moneyball" revolutioniert, die Politik durch die Motivationstechnik des "Nudging", das Expertentum durch Nate Silvers Prognosesystem 538.com, Vorhersagen durch Wettbewerbe und Prognosemärkte, die Philanthropie durch effektiven Altruismus, die Heilkunst durch evidenzbasierte Medizin.

Das sind interessante Neuigkeiten wissenschaftlicher Natur, denn die Diagnose kommt aus der Kognitionswissenschaft, die Therapie aus der wissenschaftlichen Analyse von Daten. Die interessanteste Nachricht aber ist, dass die Quantifizierung des Lebens auf die größte aller Fragen ausgeweitet wurde: Haben wir Fortschritte gemacht? Hat der kollektive Kampf der Menschheit gegen Entropie und gegen die dunkleren Seiten der Evolution eine Verbesserung des menschlichen Daseins gebracht?

Solange es schlechte Nachrichten gibt, werden sie auch die Wahrnehmung bestimmen

Die Denker der Aufklärung hielten dies natürlich für möglich, und im 19. Jahrhundert wurde der Fortschritt ein bestimmendes Thema des anglo-amerikanischen Denkens. Doch seitdem haben romantischer und gegenaufklärerischer Pessimismus weite Teile des intellektuellen Lebens erfasst. Historische Katastrophen wie die Weltkriege sowie, nach den Sechzigerjahren, die Sorgen über menschengemachte Probleme wie Umweltverschmutzung und Ungleichheit, haben das noch verstärkt. Heute spricht man oft vom "Fortschrittsglauben", gerne auch vom "naiven Fortschrittsglauben" - und dem werden Nostalgie, Dekadenzanalysen und Zukunftsangst entgegengesetzt.

Allerdings liefern uns die kognitionswissenschaftlichen und die Daten-Revolutionen auch eine Warnung: Wir sollten unsere Einschätzungen, welchen Sachverhalts auch immer, nicht auf subjektive Eindrücke oder zufällig herausgepickte Ereignisse stützen. Solange es schlechte Nachrichten gibt, werden sie auch die Wahrnehmung bestimmen. So haben die Menschen den Eindruck, die Welt falle auseinander. Die einzige Methode, die hilft, diesen Irrtum zu vermeiden, ist es, positive und negative Ereignisse chronologisch aufzuzeichnen. Die meisten Menschen sind sich ja einig, dass Leben besser ist als Tod, Gesundheit besser als Krankheit, Wohlstand besser als Armut, Wissen besser als Ignoranz, Frieden besser als Krieg, Sicherheit besser als Gewalt, Freiheit besser als Unterdrückung. Damit haben wir eine Reihe von Maßstäben, mit denen wir ermitteln können, ob es tatsächlich Fortschritte gibt.

"Erdenaufgang" - wenn sich Wissenschaft und Kultur miteinander beschäftigen, suchen sie nach Erkenntnissen, die sie alleine nicht erreichen.

(Foto: NASA)

Die interessante Nachricht ist, dass die Antwort in den meisten Fällen "ja" lautet. Ich hatte davon die erste Ahnung, als quantitativ arbeitende Historiker und Politologen auf meine Antwort auf die Edge-Frage des Jahres 2007 ("Was stimmt Sie optimistisch?") reagierten, und zwar mit Datensätzen, die zeigten, dass Mord, Totschlag und Tod durch Krieg, anteilig bemessen, in der Geschichte immer weniger geworden sind. Seitdem habe ich erfahren, dass auch nach den übrigen Maßstäben Fortschritt festgestellt werden konnte. Wirtschaftshistoriker und Entwicklungsforscher - darunter Gregory Clark, Angus Deaton, Charles Kenny und Steven Radelet - haben das Wachstum des Wohlstands in Büchern mit umfangreichen Datensätzen dokumentiert. Internetseiten mit innovativen Grafiken, wie etwa Hans Roslings Gapminder, Max Rosers Our World in Data und Marian Tupys Human Progress, haben das dann noch deutlicher gemacht.

Und auch sonst ist viel Aufschwung zu verzeichnen. Die Menschen leben länger und gesünder, nicht nur in der entwickelten Welt, sondern auf dem ganzen Globus. Ansteckende und parasitäre Krankheiten sind dutzendweise besiegt oder im Verschwinden begriffen. Sehr viel mehr Kinder gehen zur Schule und lernen schreiben. Extreme Armut ist weltweit von 85 auf zehn Prozent gesunken. Und trotz örtlicher Rückschläge ist die Welt demokratischer denn je. Frauen sind besser ausgebildet, heiraten später, verdienen mehr und haben mehr Positionen, die mit Macht und Einfluss verbunden sind. Rassistische Vorurteile und aus Hass begangene Verbrechen sind zurückgegangen, seitdem es darüber Aufzeichnungen gibt. Die Welt wird sogar klüger: In jedem Land ist der IQ um drei Punkte pro Jahrzehnt gewachsen.

Natürlich beruht der Fortschritt, der quantifiziert wird, auf einer Reihe empirischer Ergebnisse. Er ist nicht das Zeichen irgendeines mystischen Aufstiegs, einer utopischen Vorwärtsbewegung oder einer göttlichen Gnade. Und so finden wir erwartungsgemäß auch Lebensbereiche, die sich nicht verändert oder auch verschlechtert haben oder die überhaupt nicht durch Quantifizierung zu erfassen sind - so wie beispielsweise die unendliche Anzahl von Apokalypsen, die unsere Vorstellungskraft heraufbeschwören mag. Die Treibhausgase akkumulieren sich, es gibt immer weniger sauberes Wasser, Arten sterben aus, es gibt immer noch Arsenale von Atomwaffen.

Doch auch in solchen Fragen kann Quantifizierung unser Verständnis verbessern. "Ökomodernisten" wie Steward Brand, Jesse Ausubel und Ruth DeFries haben gezeigt, dass sich viele Umwelt-Indikatoren im vergangenen halben Jahrhundert verbessert haben, und dass es langfristige historische Prozesse gibt, die sich weiter unterstützen ließen: die Entkarbonisierung der Energie, die Entmaterialisierung des Konsums und die Verkleinerung der Agrarflächen. Selbst die Statistik der Nuklearwaffen zeigt: Keine solche Waffe wurde seit Nagasaki eingesetzt, Nukleartests gibt es nur noch sehr selten. Was die Verbreitung der Waffen angeht, so hat sich der Atom-Klub zwar auf neun Länder erweitert - in den Sechzigerjahren hatte man allerdings noch dreißig oder mehr vorhergesagt. Sechzehn Länder haben ihre Atomprogramme aufgegeben (Iran dürfte bald das siebzehnte sein). Und die Anzahl der Waffen wurde um fünf Sechstel vermindert - damit auch die Wahrscheinlichkeit, dass solche Waffen in falsche Hände geraten, oder dass es zu Unfällen kommt.

Der Club der scharfen Denker Jedes Jahr im Dezember ruft der New Yorker Literaturagent John Brockman Wissenschaftler, Intellektuelle und Künstler für sein Onlinemagazin Edge.org zur Frage des Jahres auf. Was sich da auf der Webseite in den letzten zwanzig Jahren formierte ist letztlich das altmodische Format des Salons im digitalen Raum. In seiner ursprünglichen Form war Edge sogar ein solcher Club der scharfen Denker. Zwischen 1981 und 1996 traf sich der "Reality Club" unregelmäßig in Lokalen, Clubs und Wohnungen vor allem in New York. Vorläufer des Reality Clubs waren wiederum die Wissenschafts-Abendessen, die der Komponist John Cage erst in seinem New Yorker Loft, später am Massachusetts Institute of Technology veranstaltete, und die Brockman dann weiterführte. Ziel der "Science Dinners" war es, Wissenschaftler und Künstler dazu zu bringen, sich nicht nur mit den Ideen, sondern auch mit dem Denken der jeweils anderen auseinanderzusetzen. Auf die Frage, wie weit die Tradition von Edge zurückgeht, greift Brockman allerdings noch viel weiter zurück. Einer der ersten solcher Zirkel sei der "Lunar Club" von Birmingham gewesen, der zwischen Ende des 18. Jahrhunderts Wissenschaftler, Industrielle und Philosophen zu Abendessen versammelte, zu denen unter anderem Charles Darwins Großvater Erasmus und der Wissenschaftler und spätere Gründervater der USA Benjamin Franklin gehörten. Im letzten Jahr brachen wir auf einer Seite Auszüge aus den Antworten auf die Edge-Frage "Was halten Sie von Maschinen, die denken". Die Frage lautete diesmal: "Was war die wichtigste wissenschaftliche Nachricht der letzten Zeit?" 193 Antworten kamen zusammen. Die offene Formulierung dieses Jahres brachte allerdings so unterschiedliche und ausführliche Antworten, dass im Feuilleton der SZ in dieser Woche jeden Tag ein ungekürzter Text erscheinen wird. Den Anfang macht der Kognitionsforscher Steven Pinker. Es folgen der Soziologe Jonathan Haidt, die Philosophin Rebecca Newberger Goldstein, die Umweltforschering Jennifer Jacquet, der Rocksänger Peter Gabriel, der Psychologe Gerd Gigerenzer und der Verhaltensforscher Michael McCullough. Andrian Kreye

Und das Ziel der Nullbewaffnung rückt näher. Das ist alles wichtig, weil uns die Quantifizierung des Fortschritts zeigt, was bisherige Maßnahmen erreicht haben. Die Geschenke des Fortschritts, die uns zugutekommen, sind Ergebnisse von Institutionen und Normen, die in den letzten zwei Jahrhunderten verankert wurden: von Vernunft, Wissenschaft, Technik, Bildung, Sachkenntnis, Demokratie, regulierten Märkten und von einer moralischen Verpflichtung auf Menschenrechte und menschliches Wohlergehen. Wie gegenaufklärerische Kritiker schon lange moniert haben, gibt es keine Garantie dafür, dass diese Entwicklungen das Leben langfristig verbessern. Aber wir wissen, dass sie tatsächlich zur Verbesserung geführt haben.

Die Normen und Institutionen der Moderne haben uns auf einen guten Weg gebracht

Das heißt: Auch wenn die Welt keineswegs utopischen Idealen nahekommt, haben uns die Normen und Institutionen der Moderne auf einen guten Weg gebracht. Wir sollten daran arbeiten, sie weiter zu verbessern - anstatt sie abzufackeln, weil wir überzeugt sind, dass nichts schlimmer werden könne als unsere gegenwärtige Dekadenz, und in der eitlen Hoffnung, irgendetwas Besseres könnte aus deren Asche entstehen.

Außerdem ist messbarer Fortschritt eine Ermutigung, nach noch mehr Fortschritt zu streben. Aktivisten sind oft der Ansicht, man müsse optimistische Erkenntnisse unterdrücken, weil die Massen sonst mit falscher Zufriedenheit eingelullt würden. Stattdessen müsse man den Druck aufrechterhalten, indem man über aktuelle Krisen jammert und die Menschen dafür beschimpft, dass sie nicht genug schockiert sind. Leider führt diese Haltung viel zu oft zum gegenteiligen Effekt: Fatalismus.

Wenn wir Folgendes hören: Die Armen werden immer unter uns sein, die Götter werden unseren Hochmut strafen, die Natur wird ihre Plünderung rächen, die Uhr läuft ab, bis der nukleare Holocaust und die Klimakatastrophe kommen - dann liegt es nahe, vor der Erkenntnis zu kapitulieren, dass Widerstand zwecklos sei und dass die Party weitergehen sollte, solange es noch geht. Eine schlichtes Diagramm, das einen Fortschritt sichtbar macht, kann uns allerdings Mut machen: Die Aufwärtskurve lädt uns ein, die Kräfte zu identifizieren, welche die Kurve nach oben oder nach unten bringen - und sie dann zu dem Zweck einzusetzen, die Kurve noch weiter in dieselbe Richtung zu treiben.

Der Autor ist Kognitionsforscher an der Harvard University. Übersetzung: Johan Schloemann