Bitte nicht schon wieder: Regisseur Nicolas Stemann kann "Regietheater"-Hasser wie Daniel Kehlmann nicht mehr hören. Eine Replik.
Mit seiner Rede zur Eröffnung der Salzburger Festspiele hat der Schriftsteller Daniel Kehlmann die Debatte um das so genannte Regietheater neu entfacht. Kehlmann griff das Gegenwartstheater, in dem sich die Regisseure nicht mehr als "Diener des Autors" verstünden, in einer Pauschalkritik scharf an und machte es dafür verantwortlich, dass sein Vater, der Regisseur Michael Kehlmann, nicht mehr arbeiten konnte, weil er als "altmodisch" galt. Kehlmann sieht im deutschsprachigen Schauspielbetrieb ein gesinnungslinkes "Bündnis zwischen Kitsch und Avantgarde" am Werk. Ob man Schiller in historischen Kostümen oder aktualisiert aufführen solle, sei die "am stärksten mit Ideologie befrachtete Frage überhaupt". Ausländische Theaterbesucher würden sich nur noch wundern: "Wozu all das Gezucke und routiniert hysterische Geschrei?"
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Was darf Theater? Die jahrzehntelange Diskussion entflammte 2006 bei "Die Orestie" von Aischylos und auch jetzt bei den Salzburger Festspielen 2009. (© Foto: dpa)
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Auch ich bin ein großer "Regietheater"-Hasser! Dieser Begriff ist so unklar und unscharf, dass er zu allem und gar nichts taugt. Deshalb: Bitte, nicht schon wieder! Nicht schon wieder eine dieser leidigen Debatten, die alle drei Jahre aufblitzen und deren Gegenstand eine Schimäre namens "Regietheater" ist.
Wenn jemand öffentlich gegen das "Regietheater" wettert, ist ihm immer und gratis Zustimmung gewiss. Das hat mit der Unschärfe des Begriffs zu tun. Keiner weiß, was damit gemeint sein soll, also kann man alles hineinprojizieren, was einen gerade so stört. Debatten über "Regietheater" sind daher nicht mehr als dumpfer Populismus.
Ganz egal, ob man ein diffuses Unbehagen an der Gegenwart spürt, sich nach der Wärme einer idealisierten Vergangenheit zurücksehnt, Angst vorm Sterben hat oder Angst vorm Leben, noch nie im Theater war und keine Lust hat, sich dafür zu schämen oder in letzter Zeit ein schlechtes Theaterstück gesehen hat und sich darüber ärgert - oder ob man, wie Kehlmann, verletzt ist, weil der Vater sich als weniger allmächtig herausgestellt hat, als man das noch mit vier Jahren dachte: Jeder kann seinen Zorn auf die Schimäre "Regietheater" lenken, wenn einer auf einem Podium erzählt, dass es sich dabei um eine Institution handelt, in der auf Kosten des Steuerzahlers und zum Befremden des Auslands nackte Menschen irgendwie rumschreien, sich mit Dingen beschmieren und ehrwürdige Autoren zerhacken. Auch ich!
Allein: Man weiß eigentlich nicht wirklich, wovon hier geredet wird. Die Vorurteile werden nicht wahrer dadurch, dass sie immer wieder jemand nachplappert.
Das deutschsprachige Theater wird im Ausland vielfach bewundert und geschätzt. Wir werden beneidet um die Möglichkeiten, auf hohem Niveau zu arbeiten und auch zu experimentieren. Gerade in den von Kehlmann genannten Ländern Polen, Russland, Skandinavien hat das deutschsprachige Theater vielfach Vorbildfunktion (England hat mit seiner Vorliebe für das "Well-made play" in der Tat eine etwas andere Theaterkultur, aber das ist eher eine Ausnahme). Auch ist die Annahme falsch, das Theater würde am Publikum vorbei produzieren und in einer einsamen Nische seiner lahmen Experimente frönen. Ich bin immer wieder erstaunt, auf welche gewagten Reisen man im Theater das Publikum mitnehmen kann, und halte genau das auch für wichtig - Theater ohne Publikum ist uninteressant.
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Er will kein Anführer sein, gilt aber als solcher: David Graeber über Schulden, die USA und die Gründe für den Erfolg der Occupy-Bewegung. Feuilleton. Jetzt lesen ...
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Heftige Erschütterung in Norditalien
Mangelnder Sachverstand
Herr Kehlmann ist, wie wir mittlerweile wissen, ein erfolgreicher Schriftsteller, der die Leser/innen zu unterhalten versteht. Das hat Herr Kehlmann aber nicht zuletzt auch dem Feuilleton zu verdanken.
Ob er mit seiner Auffassung von Bühnenästhetik als Regisseur reüssieren würde, ist nicht gesagt. Seine Kritik des modernen Regietheaters ist beim Salzburger Festspielpublikum jedenfalls gut angekommen.
Von Herrn Reich-Ranicki sagt man, dass er ein ausgezeichneter Literaturkritiker sei.
Beide Herren haben eines gemeinsam: Reich-Ranickis Kohlenkellerschelte einer Frankfurter Figaro-Inszenierung war ebenso deplaziert wie Kehlmanns Salzburger Regietheatergeplapper; beides ist in die Hose gegangen.
Regisseure erarbeiten mit ihrem Stab und den Schauspielern zusammen ein Stück und oft treffen während der Proben verschiedene Meinungen aufeinander.
Was dann bei der Premiere gezeigt wird, ist eine Mischung aus dem anfänglichen Interpretationsansatz des Regisseurs und der späteren Arbeit mit dem Ensemble.
Stiller oder schriller: beides ist Regietheater und kann auch provozieren!
Für bildungsbürgerlich gepflegte Langeweile sind hochsubventionierte Theater nicht zuständig.
Nörgelnden Literaten und Literaturkritikern sei gesagt, es erst einmal selbst zu versuchen mit der Regie. Herr Kehlmann hat noch genügend Zeit und Reich-Ranicki hat nach seiner verfehlten Regieschelte sich nicht mehr geäußert.
H. Schnaibel
... mag man darüpber denken, was auch immer. Hauptsache mal wiederl ein richtig hintergründiger, beflissener Schreiber. Ein Artikel über Theater und den Diskurs darüber - dass sich SZ-online wirklich noch traut, solche Texte zwischen seine Fotogalerien und "Krieg-am-Gartenzaun"-Artikel zu stellen! Bitte mehr davon.
Voll drauf hauen, das macht doch Spass!
Vertragen die Burschen und Mädchen vom Regietheater nichts mehr?
Zumal Kehlmann nicht mal jemanden denunziert hat.
Herr Steman fühlt sich angesprochen.
Mir gefällt das Geklöne, dass jetzt aus den offenen Fenstern der subventionierten Dramaturgien entfleucht.
Zur Hauptsache ist das Theater ums Theater das Theater.
Weiter so!
Leider ist das Zitat falsch. Statt "man" muss es heißen: "die Nachwelt".
Ansonsten kann man dem Autor nur zustimmen. Welcher Teufel hat Herrn Kehlmann da geritten, sich eine solche Blöße zu geben und derart pauschale Beschimpfungen zu posaunen?
Ich habe übrigens auch die Hoffnung, dass nicht das ganze Salzburger Publikum ihm zustimmt, sondern eben nur das Eröffnungs-Gala-Publikum.
In München war es so: bei der Lohengrin-Premiere buhte das Gala-Publikum nach Lungenkräften - in späteren Aufführungen war es nur noch der Buh-Rufer vom Dienst.
Ganz gerne würde ich von Herrrn Kehlmann übrigens auch erklärt bekommen,wie er sich ein Theater ohne Regie vorstellt. Aber vielleicht hat Herr Kehlmann endlich den anarchischen Sektor seiner Seele entdeckt.