Daniel Kehlmann und das "Regietheater" Wo gibt's hier Spaghetti?

Bitte nicht schon wieder: Regisseur Nicolas Stemann kann "Regietheater"-Hasser wie Daniel Kehlmann nicht mehr hören. Eine Replik.

Von Nicolas Stemann

Mit seiner Rede zur Eröffnung der Salzburger Festspiele hat der Schriftsteller Daniel Kehlmann die Debatte um das so genannte Regietheater neu entfacht. Kehlmann griff das Gegenwartstheater, in dem sich die Regisseure nicht mehr als "Diener des Autors" verstünden, in einer Pauschalkritik scharf an und machte es dafür verantwortlich, dass sein Vater, der Regisseur Michael Kehlmann, nicht mehr arbeiten konnte, weil er als "altmodisch" galt. Kehlmann sieht im deutschsprachigen Schauspielbetrieb ein gesinnungslinkes "Bündnis zwischen Kitsch und Avantgarde" am Werk. Ob man Schiller in historischen Kostümen oder aktualisiert aufführen solle, sei die "am stärksten mit Ideologie befrachtete Frage überhaupt". Ausländische Theaterbesucher würden sich nur noch wundern: "Wozu all das Gezucke und routiniert hysterische Geschrei?"

Auch ich bin ein großer "Regietheater"-Hasser! Dieser Begriff ist so unklar und unscharf, dass er zu allem und gar nichts taugt. Deshalb: Bitte, nicht schon wieder! Nicht schon wieder eine dieser leidigen Debatten, die alle drei Jahre aufblitzen und deren Gegenstand eine Schimäre namens "Regietheater" ist.

Wenn jemand öffentlich gegen das "Regietheater" wettert, ist ihm immer und gratis Zustimmung gewiss. Das hat mit der Unschärfe des Begriffs zu tun. Keiner weiß, was damit gemeint sein soll, also kann man alles hineinprojizieren, was einen gerade so stört. Debatten über "Regietheater" sind daher nicht mehr als dumpfer Populismus.

Ganz egal, ob man ein diffuses Unbehagen an der Gegenwart spürt, sich nach der Wärme einer idealisierten Vergangenheit zurücksehnt, Angst vorm Sterben hat oder Angst vorm Leben, noch nie im Theater war und keine Lust hat, sich dafür zu schämen oder in letzter Zeit ein schlechtes Theaterstück gesehen hat und sich darüber ärgert - oder ob man, wie Kehlmann, verletzt ist, weil der Vater sich als weniger allmächtig herausgestellt hat, als man das noch mit vier Jahren dachte: Jeder kann seinen Zorn auf die Schimäre "Regietheater" lenken, wenn einer auf einem Podium erzählt, dass es sich dabei um eine Institution handelt, in der auf Kosten des Steuerzahlers und zum Befremden des Auslands nackte Menschen irgendwie rumschreien, sich mit Dingen beschmieren und ehrwürdige Autoren zerhacken. Auch ich!

Allein: Man weiß eigentlich nicht wirklich, wovon hier geredet wird. Die Vorurteile werden nicht wahrer dadurch, dass sie immer wieder jemand nachplappert.

Das deutschsprachige Theater wird im Ausland vielfach bewundert und geschätzt. Wir werden beneidet um die Möglichkeiten, auf hohem Niveau zu arbeiten und auch zu experimentieren. Gerade in den von Kehlmann genannten Ländern Polen, Russland, Skandinavien hat das deutschsprachige Theater vielfach Vorbildfunktion (England hat mit seiner Vorliebe für das "Well-made play" in der Tat eine etwas andere Theaterkultur, aber das ist eher eine Ausnahme). Auch ist die Annahme falsch, das Theater würde am Publikum vorbei produzieren und in einer einsamen Nische seiner lahmen Experimente frönen. Ich bin immer wieder erstaunt, auf welche gewagten Reisen man im Theater das Publikum mitnehmen kann, und halte genau das auch für wichtig - Theater ohne Publikum ist uninteressant.

Und der Bayerische Oscar geht an...

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