Comin-of-Age Schwäbische Lagune

"Vera guckte zu mir hoch. Dann stieg sie auf das Misthaufenmäuerchen und guckte zu mir runter. Sie sagte: ,Gut. Ich zieh mit ein.'"

(Foto: plainpicture/Westend61)

Bov Bjergs beglückend schöner Roman "Auerhaus" erzählt ohne falsche Nutella- und Bundeswehrparka-Nostalgie von einer Schüler-WG in einem Dorf der Achtzigerjahre.

Von Alex Rühle

Achtzehn. Herrliches Alter. Das Leben liegt vor einem wie die Great Plains, ein riesiges Versprechen, die Zukunft reicht noch so weit hintern Horizont. Und man ist sich sicher, es später mal anders zu machen als die eigenen Eltern, die feststecken in diesem absurd zwanghaften Alltag aus Arbeit, Küche, Altern.

Achtzehn. Furchtbares Alter. Die großen, ungelösten Fragen. Der Gefühlswirrwarr. Und Great Plains, my arse. Wobei, my arse hat man noch gar nicht gesagt Mitte der Achtziger. Schon gar nicht in der schwäbischen Provinz, wo die Bauern "Our House", das Lied der Band Madness mit "Auerhaus" übersetzen. Jedenfalls hat die Zukunft für Höppner, den jungen Erzähler dieses Romans, nichts Weites, Vielversprechendes an sich, er kriegt ja schon die Gegenwart nicht richtig hin. Sex haben immer nur die anderen; um der Bundeswehr und dem Zivildienst zu entgehen, bleibt ihm eigentlich nur die Flucht nach Berlin. Und außerdem muss er nebenbei aufpassen auf Frieder, damit der nicht noch mal versucht, sich umzubringen.

Damit fängt alles an: Frieder hat Schlaftabletten geschluckt und muss in die Psychiatrie. Als er wieder raus darf, raten ihm die Ärzte, zu Hause auszuziehen. Es gibt da dieses leerstehende Haus, mitten im Dorf, das seinem verstorbenen Opa gehörte. Die Eltern erlauben ihm, dort zu wohnen, aber nicht alleine. Für Höppner ist das die Chance, F2M2 zu entkommen. Der "fiese Freund meiner Mutter", wie er ihn nur nennt, zwingt Höppner dazu, immer neue Zimmerdecken mit diesen braunen Verschalungen abzuhängen, die damals, in den noch so nahen und doch so fernen Achtzigerjahren vielen Bundesbürgern ein behagliches Gefühl ins Gemüt gezaubert haben.

Höppner bringt seine Freundin Vera mit ins Auerhaus. Deren Mutter wiederum stimmt nur zu, wenn noch ein Mädchen mitkommt: die gutbürgerliche Cäcilia. Plötzlich sind die vier auf sich allein gestellt. Und machen sich die Welt, wie sie ihnen gefällt. "Wir lebten ein richtiges Leben mit Aufstehen und Frühstückmachen und Federballspielen, mit Essen besorgen und zusammen Kochen". Sie streichen die Zimmer orange, und Frieder hängt eine Speisekarte neben die Küche:

"Imiglykos (1/4 Liter): umsonst

Zaziki (kl. Teller): umsonst

Kaffe (gr. Tasse): umsonst"

Die Karte ist auf den ersten Blick witzig und charmant, gleichzeitig aber lauert selbst in dieser harmlosen Szene Gefahr, denn Frieder hatte die Schlaftabletten mit Imiglykos runtergespült. So gleicht dieser Selbstmordversuch einer Art dunklen Tapete: Da sie eh überall klebt, nimmt man sie gar nicht mehr wahr, und doch zieht sie das Licht aus dem Raum.

Man ahnt, dass dieses soziale Mobile nicht ewig in der Balance bleibt

Bov Bjerg ist selbst in der schwäbischen Provinz aufgewachsen und Mitte der Achtzigerjahre nach Berlin gezogen, wo er nach der Wende Lesebühnen wie "Dr. Seltsams Frühschoppen" und die "Reformbühne Heim und Welt" gegründet hat. Lesebühne heißt: lakonisch schlanker Stil, treffsichere Dialoge, trockener Humor, klargezeichnete Charaktere - die Texte wirken dann oft schablonenhaft und so dermaßen auf die Pointe zuformuliert, dass das Ganze zu einem einzigen Witz wird. Bov Bjerg aber hat mit diesem schlanken Coming-of-Age-Roman eines der schönsten Bücher unserer Tage geschrieben.

Klar, er beherrscht all die Lesebühnentricks, das Buch ist schnell und dialogisch, die einzelnen Szenen sind so prägnant, dass er im Grunde schon das Drehbuch für die hoffentlich bald kommende Verfilmung mitliefert. Dass "Auerhaus" einen so beglückt und anrührt, liegt aber daran, dass einem die Figuren ans Herz wachsen. Frieder, dieser blitzgescheite Bauernsohn, der den existenziellen Mangel, das dunkle Loch in seiner Mitte einfach nicht stopfen kann. Höppner, der sozusagen immer aus den Augenwinkeln schaut, ob sein Freund wieder nur verschlafen hat oder ob er sich diesmal etwas angetan hat.

Wer es könnte, die Welt hochwerfen, dass der Wind durchfährt - für einige Monate gelingt den Freunden genau das, und als erwachsener Leser möchte man am liebsten selbst vorübergehend einziehen in diesen improvisierte Freiraum, in dem der Plätzchenteig mit leeren Weinflaschen ausgerollt wird und in dem sich nach und nach noch weitere gesellschaftliche Randfiguren ansiedeln, die Pyromanin Pauline, die Frieder aus der Psychiatrie kennt, der schwule Elektriker Harry, der als erster harte Drogen ins Haus bringt . . . Man ahnt schnell, dass hier zu viele labile Charaktere aufeinander hocken, als dass dieses freischwebende soziale Mobile lange in der Balance bleiben kann.

Wolfgang Herrndorfs "Tschick" verdankt einen Teil seiner Kraft dem unerbittlichen Lektorat von Kathrin Passig, die, wenn man Herrndorfs "Arbeit und Struktur" glauben darf, alle Abschweifungen und jede noch so kleine Kitschpfütze aus dem Text gefegt hat. Vielleicht hatte Bjerg einen ähnlich strengen Lektor, vielleicht hat er es auch ganz alleine geschafft, diesen Text immer weiter zu verdichten, bis eine Art Essenz dieses Jugendgefühls übrig blieb, eine cinemascopische Lebenssehnsucht, die das ganze Buch von innen durchtränkt.

"Auerhaus" ist aber auch ein großartiges Dokument dieser bedrückend windstillen Zeit, in der ganz Deutschland noch hinter der Mauer der Geschichte lebte, der Epoche, in der die meiste Popliteratur angesiedelt ist, ohne dass Bjerg deren billige Tricks bemühen würde: Das Auerhaus und dessen Bewohner werden nicht ausstaffiert mit Nutellagläsern und Bundeswehrparkas, es steht auch kein Golf vor der Tür; Bjerg kommt ohne die Utensilien der konsumistischen BRD aus und erzeugt trotzdem den miefigen Kohl-Geruch jener Jahre.

",Wir hatten immer so getan, als ob das Leben im Auerhaus schon unser richtiges Leben wäre, also ewig'", sagt Höppner am Ende. In Wahrheit aber sei es so gewesen, wie Frieder es mal formuliert habe: "Du hast die Augen zu und treibst auf deiner Luftmatratze, ein sanfter Wind weht, und du denkst, geil, jetzt lebe ich für den Rest meines Lebens in dieser Lagune, in der Südsee. Und dann machst du die Augen auf und merkst, es ist bloß ein Nachmittag am Baggersee, und zack ist der auch schon vorbei." - So schnell kann's gehen, das Leben wie das Lesen, nach 150 Seiten ergreift einen erstmals die Melancholie, dass man die Bewohner des Auerhauses bald schon wieder verlassen muss; nach 240 Seiten ist es zu Ende, und man fängt von vorne an, in der irrealen Hoffnung, Frieder möge doch diesmal am Leben bleiben.

Bov Bjerg: Auerhaus. Roman. Blumenbar Verlag Berlin 2014. 240 S., 18 Euro. E-Book 13,99 Euro.