Comic-Klassiker Krieg der Welten

Endlich erscheint "Eternauta" auch auf Deutsch. Héctor Germán Oesterhelds Science-Fiction-Story liest sich stellenweise wie eine Vorahnung der Diktatur in Argentinien.

Von Thomas von Steinaecker

Es geschieht nicht alle Tage, dass es einen Comic-Klassiker zu entdecken gilt. Aber genau das ist "Eternauta": einer der großen Klassiker der Neunten Kunst, der von 1956 bis 1959 in Buenos Aires in Fortsetzungen erschien und jetzt erstmals auf Deutsch vorliegt; ja, mehr noch, ein nationaler Mythos, bei dem die Geschichte seines Szenaristen und Argentiniens eine ebenso große Rolle spielt wie das Buch selbst.

Héctor Germán Oesterheld, Sohn deutsch-spanischer Eltern, war zwar studierter Geologe, aber in den 1950ern die treibende Kraft für die Comic-Szene des Landes. Der Western "Sgt. Kirk", seine Zusammenarbeit mit dem damaligen Exil-Italiener Hugo Pratt, der später mit "Corto Maltese" legendär werden sollte, war nur eine von zahllosen Reihen, die der unerhört produktive Oesterheld teilweise parallel konzipierte und textete, bevor er 1956 seinen eigenen Verlag gründete und gleich zwei eigene Comic-Magazine herausgab. Allein diese Serien, von denen die meisten peinlicherweise noch immer der deutschen Übersetzung harren, würden Oesterheld zu einem der Großen der Neunten Kunst machen. Zwar bewegte er sich mit seinen Geschichten immer im Rahmen eines Genres; dessen Regeln stellte er aber zusammen mit wechselnden Zeichnern nach allen Regeln der Kunst auf den Kopf und verlieh ihm eine Ernsthaftigkeit und Humanität, die damals ihresgleichen suchte.

In Argentinien ist Oesterheld, der Untergrundkämpfer, bekannter als Oesterheld, der Comic-Pionier

Tatsächlich ist jedoch im heutigen Argentinien Oesterheld, der Untergrundkämpfer, fast bekannter als Oesterheld, der Comic-Pionier. In den späten 1960ern politisierte er sich zusehends und textete Biografien über Che Guevara und Evita. Als 1976 das Militär erneut putschte und seinen "schmutzigen Krieg" gegen die eigene Bevölkerung begann, schloss er sich, angeregt von seinen vier Töchtern, die älteste 25, die jüngste 22 Jahre alt, der Guerillagruppe Montoneros an. Ein Jahr später wurden sie verschleppt und ermordet, Oesterhelds Leiche wurde nie gefunden.

Gerade bei "Eternauta" ist es unmöglich, die tragische Biografie ihres Schöpfers vom Werk zu trennen. Denn wie bei jeder guten Science-Fiction wird auch hier eine zeitlose Parabel entworfen, die viele Interpretationen zulässt, sich aber stellenweise wie eine Vorahnung der Diktatur liest. In einer Rahmenhandlung materialisiert sich im Arbeitszimmer eines Comiczeichners ein Zeitreisender namens Juan Salvo und erzählt seine Geschichte. Die beginnt zunächst recht idyllisch: Vier Freunde treffen sich 1959 in einem Vorort von Buenos Aires in Juans Haus zum Kartenspiel. Plötzlich fällt Schnee, was, das muss man hinzufügen, in diesen Breitengraden so gut wie nie vorkommt. Entsetzt beobachtet die kleine Gemeinschaft, wie auf den Straßen und in den umliegenden Gebäuden, in denen die Fenster offen standen, die Menschen sterben. "Wohin man auch sah, über alles legte sich der Schnee. Unwirklicher Schnee, Zeichentrickschnee, todbringender, furchtbar tödlicher Schnee . . ."

Die kleine bunt gemischte Gemeinschaft erkennt bald, dass sie es nicht, wie zunächst angenommen, mit einem Atomschlag zu tun hat, sondern mit einer unbekannten Bedrohung. Favalli, der als Physikprofessor zum Anführer wird, konstruiert schließlich eine Art Taucheranzug, in dem man sich einigermaßen gefahrlos durch die tief verschneite Landschaft bewegen kann. Draußen ist derweil die Zivilisation in Auflösung begriffen, der Kampf der wenigen Überlebenden um das Nötigste hat begonnen. Doch dann taucht ein Gegner auf, der die letzten Menschen, die eben noch bereit waren, sich aufs Messer zu bekriegen, wieder eint: Der Schnee war von einer außerirdischen Macht als "Reinigungsmittel" eingesetzt worden, die nun mit ihren Raumschiffen in Buenos Aires landet. Juan und Favalli schließen sich einer kleinen Einheit von Soldaten an, um gegen die käferartigen Wesen in die Schlacht zu ziehen, die die Menschen nach schweren Verlusten tatsächlich gewinnen - nur um dann festzustellen, dass die "Käfer" lediglich die Vorhut für einen noch viel schlimmerer Feind darstellten. Damit, nach einem Drittel des Buches, ist das Grundgerüst der folgenden Handlung etabliert: Gegen immer neue Gegner, zwischen Euphorie über einen unerwarteten Sieg und Verzweiflung darüber, dass dies immer noch nicht das Ende der Invasoren bedeutet, kämpfen sich die Überlebenden um den emotionalen Juan und den rationalen Favalli bis zum Zentrum der Stadt, den Plaza del Congreso, wo es zum finalen Gefecht kommt.

Natürlich folgt "Eternauta" in erster Linie zwei Gesetzen, dem der Serie und dem der Science-Fiction: Es sticht sofort ins Auge, dass die Geschichte konzipiert worden war, um über Jahre in kurzen Fortsetzungen zu erscheinen; in der Gesamtausgabe stören denn auch die Cliffhanger und bedeutungsschwangeren Andeutungen bevorstehenden Unheils ebenso wie das Schematische der Handlung und Figuren im letzten Drittel. Aber die Veröffentlichung als aufwendig gestaltetes Buch lässt gleichfalls das Bahnbrechende des Werkes stärker hervortreten: Da sind einmal die Zeichnungen Francisco Solano López', dessen Anteil am Erfolg des Comics gegenüber Oesterhelds Szenario ungerechterweise meist völlig in den Hintergrund gerät. In starken Schwarz-Weiß-Kontrasten und einem sparsamen, realistischen Strich werden Porträts genauso plastisch wie die Straßenzüge Buenos Aires; besonders die urbane Schneelandschaft ist in ihrer klaren wie klaustrophobischen Atmosphäre meisterhaft eingefangen. Nicht zufällig wurde in Argentinien nach der Jahrtausendwende López' Bild vom Eternauten in seinem Schutzanzug zur Ikone des Aufbruchs.

Zum anderen aber geht Oesterheld einen entscheidenden Schritt über das seit H.G. Wells bekannte Muster des Kriegs der Welten hinaus: "Eternauta" ist eine "group-novel": nicht ein Einzelner, sondern eine (zugegebenermaßen rein männliche) Gemeinschaft unterschiedlichster Charaktere unterschiedlichster Schichten zieht in den Kampf gegen die Außerirdischen, die immer nur als "SIE" bezeichnet werden und selbst nie in Erscheinung treten. Stattdessen lassen sie Wesen von anderen Planeten für sich kämpfen, die sie mit Implantaten gefügig machen; sind diese einmal entfernt, stellen sich ihre Wirte als anrührend gutherzig heraus. So wie das Volk der "Hände", die im Tod die Schönheit der Erde bewundern und sich ins Jenseits singen: "Mimnio, Athesa, Eioioio, Mimnio . . ."

Die Grausigkeiten des Comics wirken harmlos im Vergleich zum Schicksal seines Autors

Kein Wunder also, dass zwei Jahrzehnte nach seinem Erscheinen Oesterhelds Comic mit seinem breiten Inventar vermeintlich außerirdischer Bedrohungen, von der Infiltration des Alltags über Gehirnwäsche bis zum Häuserkampf, sowohl als Vorhersage einer anonym agierenden Diktatur verstanden wurde als auch als Rezept dafür, wie sie besiegt werden könnte - wäre da nicht der Schluss, der in seiner rätselhaften Zirkularität einem Jorge Luis Borges alle Ehre macht und nach den zuletzt ermüdenden Materialschlachten den Leser verstört zurücklässt.

Das Verstörendste an diesem monumentalen Werk, das momentan in einer Ausstellung im Stuttgarter Literaturhaus gewürdigt wird, bleibt aber die Wirklichkeit ihres Autors, die alle Grausigkeiten des Comics am Ende als harmlos erscheinen lässt. In der jetzt vorliegenden sorgfältig edierten und ausgezeichnet übersetzten Ausgabe des "Eternauta" finden sich auch Auszüge aus Zeugenaussagen über Oesterhelds Zeit im Folterlager. Dort heißt es über seine letzten Tage: "Man sah, dass er geschlagen worden war, er hatte große Angst, und ich fragte ihn, was geschehen war. Er sagte mir, dass sie ihm Fotos seiner toten Töchter gezeigt hätten."

Héctor Germán Oesterheld / Francisco Solano López: Eternauta. Aus dem Spanischen von Claudia Wente. Avant Verlag, 2016. 329 Seiten, 39,95 Euro.