"Close To The Glass" von The Notwist Blubbern, brettern, bröseln

Die Weilheimer Band The Notwist

Die Weilheimer Band The Notwist gehört zu den ganz, ganz wenigen deutschen Pop-Gruppen der Gegenwart, die im Ausland wirklich ernst genommen werden. Auch auf dem großen neuen Album "Close To The Glass" hört man, warum das so ist.

Von Max Scharnigg

Das Gewerbegebiet Trifthof in Weilheim gehört zu den eher unspektakulären Vertretern seiner Art. Ein Kino, halbhohe Lagerhallen, eine Firma für Beschläge, insgesamt viel Parkplatz. Es dürfte schwer werden, hier eine hübsche Stelle für eine Gedenktafel zu finden, auf der dereinst etwas stehen wird wie: "Hier verbrachte die Band Notwist glückliche Jugendjahre und komponierte später im Abstand von sechs Jahren Meisterwerke moderner Musik." Aber in einem wilden Proberaum-Studio im Trifthof, das aussieht wie das Lager einer auf Synthesizer spezialisierten Diebesbande, ist jetzt schon wieder so ein neues Notwist-Album entstanden.

Das Komische daran ist, dass es nicht komisch geworden ist. Keine Sekunde lang irgendwie bemüht, keine Unsicherheit, nicht mal Chaos, wie es der Entstehungsort nahelegen würde. Nein, was in diesem Tonlabor in der oberbayerischen Provinz produziert wurde, ist ein souveränes neues Kapitel im Gesamtwerk der wichtigsten Band Deutschlands.

Verändert hat sich nur die Welt, in die die Gebrüder Acher und Elektroingenieur Martin Gretschman ihr Werk entlassen. Seit ihrem epochalen Album "Shrink" sind 15 Jahre vergangen. Das Jahrtausend hat sich endgültig gewendet und avantgardistische Popmusik hat erschreckend viele verschiedene Formen angenommen. Jene Riesenwelle, deren schönste Schaumkrone einst aus Notwist, Radiohead und Tortoise bestand, ist zwischen den Felsen rückwärtsorientierter Indiepop-Kultur ausgebrandet. Frickelklang, die Idee des dezentralen Musikkollektivs, überhaupt das Gesetz, nach dem sich jedes zeitgenössische Musikgenre plus Blasmusik und Geräusche zu einem schwerelosen neuen Wesen verformen lässt - all das ist schneller überkommen, als man es sich beim ersten Hören des Notwist-Songs "Chemicals" 1997 hätte vorstellen können.

Für Nachahmer zu aufwendig

Der Weilheim-Sound, er föhnte nicht so viele neue Frisuren, er hatte viel weniger direkte Nachahmer als eine starke Bewegung es nötig gehabt hätte und zwar nicht, weil er nicht tragfähig war, sondern wohl schlicht zu aufwendig. So wirkte dann "Neon Golden" (2002), das Meisterwerk, schon irgendwie wie ein Monolith und das leicht verhaspelte "The Devil, You And Me" (2008) beinahe autistisch. Und wenn Notwist jetzt auf "Close To The Glass" (City Slang) ihre aktuelle Arbeit vorstellen, bei der kein Knistern an der falschen Stelle sitzt und keine der vielen Spuren eine schiefe Bahn ist, ahnt man endlich, wie egal es der Band wohl schon immer war, wie sie gesehen wird. So unbeirrt von allen Moden pulst die Platte, so abgeklärt erzählt sie von nichts anderem als sich selbst. Die beeindruckende Konsequenz ihrer Arbeit in den vergangenen 25 Jahren macht es deutlich: Diese Band braucht kein Netzwerk, keine Riesenwelle, sie braucht nicht mal mehr die Aufregung, die die Ankündigung eines neuen Notwist-Songs im Netz immer noch auslöst.

Aber der Hype kommt natürlich von selbst. Warum, das wurde wieder klar, als der erste neue Song zum Jahreswechsel kursierte. Es ist der essenzielle Aha-Moment bei dieser Band: Man hört das Fiepen und aus Granulat wird spät Musik. Herrlich und neu ist das und dann kommt erst Achers dunkle Maulwurfstimme durch und man schnappt über vor Freude, weil man jetzt weiß, dass das ja die großen Jungs von Gegenüber sind und sie's wieder getan haben. Das ist nicht hipper Kram aus Toronto oder Brooklyn, nein, es ist eine Erinnerung an neongoldene Zeiten, die jetzt ein frisches Kapitel bekommt. Überhaupt, die Stimme von Markus Acher. Das war ja immer ein Kompromiss, schon früher war sie eher ein Instrument, das auch noch da war, eher Fußnote als eigenes Medium. Wer hätte gedacht, dass aus dieser Nebensächlichkeit mal ein derart ikonisches Merkmal wird. Und dass Acher je so hoch singen kann, wie bei "Kong", einem von mehreren abgekochten Hits der Platte.

Lady Dada und das Opossum

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Er singt also richtig und hinter ihm formiert sich tatsächlich wieder jene Band, die sich seit "Shrink" so kunstvoll langsam vor ihm und den Computern aufgelöst hat. Und genau diese Band, mit richtigen Gitarren, brettert heute zum Teil wieder so arg auf den Refrain hin.

Der helle Rock ist aber nur die eine Seite, und eine wunderbar leicht verdauliche. Der anderen Teil der klassischen Notwist-Formel, die Suche nach Schönheit mittels Blubber und Beat, fühlt sich diesmal an wie trockener Humor, etwa in "Signals". Manche der Loops und Samples klingen, als würde die Band sich selbst zitieren, andere Effekte auf der Platte bröseln so sympathisch nebensächlich vor sich hin wie ein guter Keks. Martin Gretschmann, die digitale Muse der Band, hat seine wunderwirkende Hände diesmal scheinbar mehr darauf verwendet, einen Liveband-Charakter zu unterstützen oder zu simulieren. Man muss das also unbedingt sehr laut hören, genau so laut wie Produzent Olaf Opal die Songs im Trifthof abzuhören pflegt. Erst dann geht der ganze Blumenstrauß so richtig auf und gerade auch ein bitterfeines Instrumental wie "Lineri" liebkost dann jeden einzelnen Zellzwischenraum.

Ach, was für ein Album! So vielseitig, ohne jemals seinen tief schlagenden Ruhepuls aufzugeben, so zärtlich und nah, ohne dabei eine internationale Ästhetik einzubüßen. Nach dem Dokumentarfilm den Jörg Adolph damals bei der Entstehung von "Neon Golden" gedreht hatte, konnte man sich ja der Angst nicht ganz erwehren, dass aus den Achers bald grantige Hausmeister und aus Gretschmann ein verrückter Professor würden. Sie ist mit "Close to the Glass" für immer gebannt. Die sitzen da draußen im Trifthof und graben ihren Stollen, eben weil sie wissen, dass sie gute Chance haben auf Gold zu stoßen. Sie haben all diese Maschinen, das Wissen, die Fähigkeiten. Und noch wichtiger, sie haben Vertrauen in ihre Art, die ganze Melancholie der Welt zu kompostieren. Notwist, gut gegen Gewerbegebiete aller Art.