SZ: Haben Sie sich mal eingemischt? Ihre Stimme hat Gewicht hier in den USA.

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Eastwood: Ich habe - wie andere auch, mein demokratischer Kollege Paul Newman zum Beispiel - früh vor einem Flächenbrand gewarnt. Den haben wir nun. Was wir nicht haben: einen Plan, wie wir wieder rauskommen und was wir hinterlassen. Unsere Jungs wollen nach Hause zu ihrer Mum. Stattdessen gibt es jetzt noch andere Probleme, und ihr habt sie auch . . .

SZ: . . . die Finanzkrise.

Eastwood: So ist es. Was heißt also Enttäuschung über die Republikaner? Was interessiert mich die Partei? Das Land ist wichtig.

SZ: Froh über Obama?

Eastwood: Wie gesagt: Ich bin da leidenschaftslos. Er ist sympathisch. Ein junger Kerl.

SZ: Schafft er es?

Eastwood: Wenn er die verdammten Finanzhaie und den Schaden, den sie angerichtet haben, nicht in den Griff kriegt, kann er bald schon wieder abdanken. Ich bin ein Patriot, er scheint ein integerer Kerl zu sein: Also wünsche ich mir, dass er sich durchsetzt. Er macht den Leuten Mut, das ist wichtiger als alles andere.

SZ: Demnach weinen Sie Bush nicht nach.

Eastwood: Sprachen wir über Demut? Diese Administration hat sich aufgeführt wie eine Horde betrunkener Seemänner bei Windstärke zwölf. Ja, meine Trauer über diesen Abschied ist überschaubar.

SZ: Ich denke, Sie hätten eine Chance gegen Obama gehabt!

Eastwood: Wie bitte? Machen Sie Witze?

SZ: So groß war sein Vorsprung nicht. Und Sie sind der Volksheld schlechthin.

Eastwood: Mann, ich bin 78!

SZ: In Deutschland haben wir einen Ex-Kanzler, der ist 90, und die Leute würden ihn sofort wiederwählen. Wir leben nicht mehr wie in den Sechzigern im Zeitalter des Wassermanns, Mr. Eastwood. Sondern im Zeitalter des Methusalems!

Eastwood: Oh, da bin ich aber sehr, sehr froh, das zu hören. Aber nein danke . . . Ich hatte ja mal das Vergnügen mit der Politik.

SZ: Sie waren Bürgermeister Ihres Heimatstädtchens Carmel hier in Kalifornien.

Eastwood: Richtig. In den Achtzigern.

SZ: Und?

Eastwood: Ich brauche das nicht noch mal, nein. Ich bin ein Kontrollfreak. Ich will, dass die Dinge so laufen, wie ich es sage.

SZ: Ein Diktator?

Eastwood: Na, schon demokratisch. Also, man berät ein bisschen, und dann sage ich, wie es zu laufen hat. So sollte es doch sein, oder?

SZ: Sage ich auch immer.

Eastwood: So ist mein Verständnis von Demokratie. So drehe ich auch meine Filme. In Carmel nun kam damals alle paar Tage eine neue Interessengruppe - wie aus einem Hinterhalt: "Sir, wenn das so und so gemacht wird, entstehen denen da drüben Vorteile, uns aber Nachteile, und wir fragen uns, wieso Sie uns derart übel schaden wollen!" Jede dieser Gruppen beschwörte exakt dann eine neue Verhandlung herauf, wenn gerade was entschieden war. Ich wusste nicht mehr, wo ich war!

SZ: Sie waren in der Politik.

Eastwood: Und es ist nichts für mich. Ich bin auch nicht gut darin, immer nett zu sein. I am not good in kissin' ass that much. Müssen Sie schauen, ob Sie das für Ihre Leser ins Deutsche übersetzen wollen . . .

SZ: Doch haben Ihre Filme immer auch den Charakter einer Parabel, sie haben etwas Lehrendes, Moralisches, Politisches.

Eastwood: Alle Dramen und Filme, die eine gute Geschichte erzählen, haben das, oder? Im besten Fall. Denken Sie an Brecht, an Bergman, an Kurosawa, im besten Falle schafften sie etwas Großartiges: sinnvolle Unterhaltung.

SZ: Täuscht mein Eindruck, oder kommen Ihre Helden als analoge Menschen nicht mehr in einer digitalen Welt klar?

Eastwood: Sicher ist Walt Kowalski in "Gran Torino" dafür ein Beispiel, denn er ist ein Mann, der den Boden unter den Füßen verloren hat. Wie ich schon sagte: Die Gegenwart ist eine bittere Symphonie. Zum einen gibt es eine reelle Armut. Zum anderen gab und gibt es in Teilen noch einen relativen Reichtum, der aus Luft besteht, aus geliehenem Geld, aus dem Plastik einer Kreditkarte, aus Arschlöchern, deren Gewissen keinen Cent wert ist . . . Leute wie Walt verstehen diese Welt nicht.

SZ: Haben Sie Erinnerungen an die Armut in Ihrer Kindheit? Obwohl Sie nicht viel über Ihr Leben nachdenken . . .

Eastwood: (Pause) Ich erinnere mich, dass immer wieder Leute bei uns klopften. Wir waren sehr arm. Und die waren noch ärmer. Ich erinnere mich, dass einige immer wieder mal kamen und meinen Vater fragten: "Sir, bei Ihnen im Garten liegt Holz. Würden Sie uns ein Sandwich machen, wenn wir das Holz für Sie schlagen?" So. Und dann sehe ich, wie sie stundenlang in großer Hitze das Holz schlagen, und meine Mum macht denen dann ein Sandwich. Ich denke heute: Du hast als Kind Menschen gesehen, die hatten Hunger - hier in Amerika. Das ist unglaublich.

SZ: Eine andere Armut als heute, oder?

Eastwood: Nun, ich will es nicht verkitschen . . .

SZ: Aber?

Eastwood: Die Sache mit den Sandwichs würde heute nicht mehr laufen.

SZ: Sondern?

Eastwood: Die Leute würden für diese Arbeit heute mehr wollen als ein Sandwich. Und wer lässt heutzutage Unbekannte auf seinem Grundstück Arbeit verrichten? Die Menschen hier rufen heute die Polizei, wenn jemand klingelt, den sie nicht kennen. Wir haben in Amerika in mentaler Hinsicht einen weiten Weg vor uns. Ich denke, dass Obama da an einem richtigen Punkt ansetzt, wenn er den Amerikanern wieder Mut macht, an sich selbst zu glauben. Die Leute sind misstrauisch geworden. Schauen Sie sich Walt Kowalski an!

SZ: Identifizieren Sie sich mit ihm?

Eastwood: Wie Sie wissen, bin ich kein Rassist.

SZ: Er ja am Ende des Films auch nicht.

Eastwood: Ich kann ihn gut leiden, ja. Ich verstehe zum Beispiel auch, wieso er an seinem Ford Gran Torino so hängt.

SZ: Ein schönes Auto.

Eastwood: Dann habe ich jetzt mal eine Frage an Sie. Sie kommen ja aus einem Land der Automobilbauer.

SZ: Okay.

Eastwood: Sie sind ein paar Jahre jünger als ich. Aber der Gran Torino gefällt Ihnen?

SZ: Wunderschönes Auto - aber das war ja auch noch vor der Ölkrise 1973, damals hatte die US-Automobilindustrie offenbar noch ein Selbstbewusstein. Oder?

Eastwood: Meine Frage an Sie ist: Wieso bauen sie heute überall diese scheußlichen Autos? Diese sinnvollen Hybridautos, die jetzt überall angepriesen werden, warum sind sie ohne jeden verdammten Sexappeal?

SZ: Ich würde Ihnen gerne widersprechen.

Eastwood: Diese Autos heute, sie schauen allesamt, als hätten sie in eine Zitrone gebissen! Diese verzweifelten und vulgären Visagen! Diese hochstehenden Ärsche! Was ist los? Nehmen die Designer die falschen Drogen? Will man in so einem Auto mit seinem Mädchen herumfahren?

SZ: Auch beim Anblick eines Autos müsste die Seele schwingen, oder?

Eastwood: So ist es. Wie bei einer schönen Frau.

SZ: Wer will schon eine vulgäre Lady?

Eastwood: Exakt. Wer will eine vulgäre Lady in einem Stretchanzug, wenn er eine schöne Dame in Chanel haben kann?

SZ: Mr. Eastwood, jetzt sind wir durch meine Fragen gehetzt in großer Eile . . .

Eastwood: . . . grüßen Sie mir das wundervolle München und die Seen und die Berge bitte!

SZ: Ein Fazit, im Rückblick auf Ihr Leben!

Eastwood: Ich schaue nicht zurück. Wie gesagt.

SZ: Glück oder Verstand?

Eastwood: Okay, hier: Wissen Sie, wie ich zur Schauspielerei kam? Ich war am L.A.City College, und ein Kumpel von der Drama School kam, und der sagte: "Clint, bei uns kommen auf 30 oder 40 sehr, sehr gut aussehende Mädchen nur fünf Typen."

SZ: Da hieß es schnell schalten.

Eastwood: Ich habe schnell geschaltet.

SZ: Timing.

Eastwood: Man sollte nicht zu spät kommen. Wenn der Zug weg ist und du bist nicht dabei, lachen oben die Geier.

SZ: Also besser zu früh als zu spät.

Eastwood: Zu früh ist auch nicht gut. Wenn du zu lange wartest, brennt dir die Sonne auf den Hut. Dann wirst du blöde.

SZ: Also?

Eastwood: Exakt dann am Bahnhof sein, wenn der Zug einfährt. Das ist die Kunst.

Clint Eastwood ("His Clintessence", Time Magazine), 1930 in San Francisco geboren, wuchs in sehr armen Verhältnissen auf. Seine Karriere umfasst viele legendäre Rollen, zunächst in Sergio Leones Spaghetti-Western wie "Für eine Handvoll Dollar" oder "Zwei glorreiche Halunken", in Gangsterfilmen wie "Dirty Harry", später dann quer durch alle Genres. Seit Anfang der 70er Jahre beweist sich der Jazz-Liebhaber Eastwood auch als großer Regisseur des US-Autorenkinos, der 1993 seinen ersten Oscar für die Regie in dem Spätwestern "Erbarmungslos" erhielt. Oscars und zahllose andere Regie-Preise folgten für Filme wie das Charlie-Parker-Drama "Bird", "Mystic River" oder "Million Dollar Baby". Eastwood hat sieben Kinder aus relativ vielen Beziehungen, unter ihnen den Jazz-Musiker Kyle Eastwood, mit dem er die Musik für seine letzten Filme komponierte. "Gran Torino" bescherte ihm jetzt das beste Einspielergebnis seiner Regiekarriere an einem Startwochenende in den USA - in Deutschland läuft der Film am Donnerstag an. Das Filmmuseum München zeigt seit dieser Woche und bis zum 24.Juni eine der bislang umfassendsten Retrospektiven Eastwoods. Mehr Informationen: www.filmmuseum-muenchen.de

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(SZvW vom 28./29.02.2009/holz)