Clint Eastwood im Gespräch "Ich bin der Häuptling"

SZ: Aber Sie wirken nicht so. Sie wirken eher jungenhaft, nicht wie ein alter Mann.

Ich hab die Krise

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Eastwood: Danke. Machen Sie sich keine Umstände. Was erfordern solch irre Anfragen? Nüchternheit. Es ist mir egal, was die Leute von mir denken. Mir ist aber nicht egal, was ich selbst von mir denke. Und ich müsste mich im Spiegel ansehen nach einem Drehtag, an dem ich als Harry Callahan im Rollator durch Los Angeles getapert bin und "Make my day!" genuschelt habe. Nein, nein . . .

SZ: . . . hm . . .

Eastwood: . . . es sind viele talentierte Leute in dieser Stadt daran zugrunde gegangen, dass sie keinen kühlen Kopf bewahrten, als sie von den Schwätzern hier Komplimente bekommen haben. Hollywood hat die größte Dichte an Schwätzern überhaupt. Weltweit! Verstehen Sie? Mit Demut ist man da gut gewappnet. Vor allem auch mit Demut vor sich selbst.

SZ: Es wird demnach keine weitere Folge von "Dirty Harry" geben.

Eastwood: Ich bin weder pleite noch lebensmüde.

SZ: Es ist naiv, aber man erwartet von einem Regisseur, der so bewegende Filme wie "Million Dollar Baby" oder "Gran Torino" dreht, eine gewisse emotionale . . .

Eastwood: . . . es zahlt sich nicht aus, während der Arbeit mit seinen Gefühlen hausieren zu gehen. Sie stecken in der Geschichte und im Drehbuch. Ich brauche ein ruhiges und konzentriert arbeitendes Team, um diese Geschichte umzusetzen. Ich brauche den richtigen Rhythmus, verstehen Sie?

SZ: Alles eine Frage des Rhythmus?

Eastwood: Rhythmus, ja, das können Sie vom Jazz lernen. (Pause). Verantwortung. (Pause). Demut schadet auch nicht. Ich hab' Demut meinem Team gegenüber. Verunsicherte Leute killen jedes Projekt. An einem Film hängen viele Leute, Familien, Häuser, die sie abbezahlen müssen. Also liefert man besser gute Arbeit ab. Dazu gehört, dass der Häuptling seinen Indianern vermittelt, dass sie gute Indianer sind. Und ich bin der Häuptling.

SZ: Da sind wir bei der Verantwortung.

Eastwood: Exakt. Ich bin aber übrigens eh absolut nicht der Typ, der sein Leben analysiert.

SZ: Aber Sie sind doch Schauspieler!

Eastwood: Kein typischer. Ich fühle mich auch nicht in Rollen rein und so was. Ich spiele die Leute, die da im Drehbuch stehen, und so ist es gut.

SZ: Lägen Sie nun aber mal auf der Couch, was käme dabei 'raus?

Eastwood: Sagte ich nicht gerade, dass ich es nicht tue? Doch, oder?

SZ: Aber da Sie nun selbst lächeln müssen, so erlauben Sie sich mal den Spaß!

Eastwood: Aufgewachsen in der großen Depression in den Dreißigern. Einige Frauen haben Glück gebracht, andere weißgott nicht. Einige gute Filme, einige andere Filme, an die sich zum Glück keiner mehr erinnert. Wenn Sie mir Psychotropfen geben und ich zu plaudern anfange, was meinen Sie, was dann los ist. No way, Sir.

SZ: Schade.

Eastwood: Ich hab' immer nur nach vorne geschaut. Wenn man eine Entscheidung getroffen hat, muss man sie durchziehen. Wenn ich mich für einen Film entscheide, muss ich den durchziehen. Wenn ich in der Mitte der Dreharbeiten anfange, mich am Kinn zu kratzen, weil ein paar Probleme auftauchen, stürze ich viele Leute ins Elend. Das geht also nicht.

SZ: Wann entscheiden Sie sich für und nicht gegen ein Filmprojekt?

Eastwood: Früher habe ich mitunter dies und das gedreht, als Schauspieler. Sagen wir: Der nicht sehr orginelle Grund war . . .

SZ: Geld.

Eastwood: Natürlich. Aber in meinen eigenen Filmen, als Regisseur, kann ich seit "Sadistico - Play Misty for Me", und das war ja schon hmmm . . .

SZ: 1971.

Eastwood: Wirklich? Da war ich also gerade mal Anfang 40. Und für solche Filme kann ich sagen: Das Drehbuch, die Geschichte, sie muss das Herz berühren. Klingt banal, aber so ist es. Wenn die Filme ihr Geld einspielen, feine Sache. Aber eigentlich ist es wie mit der Frau fürs Leben: Es muss wooom machen. In der ersten Sekunde. Die Seele muss schwingen.

SZ: Haha, und wenn es wooom macht und man sich aber sehr täuscht?

Eastwood: Was ist die Alternative? Ich kann nicht immer nur vorhersehen, wieso etwas nicht funktioniert. Das ist bullshit. Ich habe die Rechnungen für meine Entscheidungen immer brav bezahlt. Teils zahle ich sie leider heute noch!

SZ: Sie sprachen von Demut. Wie steht es um Ihre Demut vor Gott?

Eastwood: Hm . . .

SZ: Ich frage, weil Sie sowohl in "Million Dollar Baby" wie in "Gran Torino" die Vertreter der Kirche karikieren, oder?

Eastwood: In beiden Filmen sind diese Vertreter keine wirkliche Hilfe, Sie haben recht.

SZ: Stattdessen entscheiden die von Ihnen gespielten Figuren selbst über Leben und Tod. Ein Rest aus Dirty-Harry-Zeiten?

Eastwood: Nein, denn ich schieße niemanden mehr über den Haufen. Aber ich glaube, dass nicht irgendein Gott für unser Leben verantwortlich ist, sondern dass wir selbst das sind. Teils müssen wir es auch ertragen, das Leben, die Krankheiten, die Sachen, die unseren Kindern zustoßen, all das. Es bleibt uns nichts übrig. Ich habe Demut sicher nicht vor dem einen großen Gott, erst recht nicht will ich etwas mit der Kirche zu tun haben. Aber ich habe Demut vor der Schönheit, auch davor, dass wir Menschen die Fähigkeit besitzen, diese Schönheit zu erkennen. Wieso rührt es mich zu Tränen, wenn ich Charlie Parker höre? Wieso, wenn ich in den Rocky Mountains stehe? Von München aus sehen Sie die Alpen, oder?

SZ: Absolut!

Eastwood: Ich erinnere mich kaum, schon mal eine so schöne Verbindung von Bergen, Seen und einer Stadt gesehen zu haben wie in München. Ob das ein Gott gemacht hat? Fragen Sie mal den Papst, der weiß es ja sicher. Es ist mir egal. Deswegen genieße ich diese Schönheit nicht ohne Demut.

SZ: Danke für das München-Kompliment, Sie sind ein großer Schmeichler . . .

Eastwood: . . . nein, ich meine das völlig ernst! Nur entlastet mich diese Demut nicht von meiner Verantwortung für mein Leben. Wir müssen unsere Sachen selber regeln.

SZ: Noch mal: in beiden Filmen entscheiden Sie über den Zeitpunkt des Todes.

Eastwood: Wenn wir die Auffassung vertreten, dass der Tod zum Leben gehört, und ich vertrete sie, so liegt mir viel daran, den Tod mit ebenso großer Verantwortung zu behandeln wie das Leben. Und dies kann nur heißen: Auch hier lege ich, mit aller Demut, die Verantwortung nicht in die Hände eines Gottes, welcher Gestalt er auch immer sei. Sondern ich entscheide. Und das ist keine kalte Abwägung . . .

SZ: . . . das Time Magazine schreibt, Walt Kowalski sei ein "Dirty Harry mit Herz".

Eastwood: Diese Figur hat mit Dirty Harry rein gar nichts mehr zu tun.

SZ: Das Bild Amerikas, das Sie in Ihren jüngsten Filmen zeichnen, ist sehr düster.

Eastwood: Meine Heimat befindet sich keiner guten Lage, wie Sie wissen.

SZ: Sind Sie ein enttäuschter Republikaner?

Eastwood: Ich verbinde mit Politik keine Leidenschaften. Insofern hält sich meine Enttäuschung über die Republikanische Partei deutlich in Grenzen.

SZ: Wenn Sie ihr auch angehören.

Eastwood: Ich werde nicht austreten, nur weil sie gerade nicht cool ist. Ich fühle mich halt nur nicht für ihren Gesamtzustand verantwortlich. Ich bin Anfang der fünfziger Jahre in diese Partei eingetreten, weil ich Eisenhower verehrte, ich bleibe ihr bis heute verbunden, wenn auch stets kritisch. Ike (Eisenhower, die Red.) war ja auch kein lupenreiner Republikaner, wie Sie vielleicht wissen . . .

SZ: . . . er sympathisierte lange ebenso mit den Demokraten, oder? Ein eher überparteilicher Präsident, könnte man sagen.

Eastwood: So ist es. Und er arbeitete schon an der Aufhebung der Rassentrennung, als die Schwarzen noch für 80 Prozent der Weißen hier Menschen zweiter Klasse waren.

SZ: Sie nun waren zum Beispiel stets ein Gegner der US-Invasion im Irak.

Eastwood: Richtig. Ich mochte am republikanischen Gedanken immer diesen Willen zu einem starken, unabhängigen Amerika - mit freien, eigentverantwotlichen Bürgern, die ihre Freiheitsrechte verteidigen, zur Not auch mit der Waffe. Ich verstehe darunter aber nicht, dass wir in Länder einmarschieren und Religionskriege anzetteln. Da sehen Sie, wo die Religionen hinführen mit ihrem Nebel! Ich verstehe auch nicht, dass wir die Geheimdienste so gut bezahlen und dann trotzdem Zigtausende junge Soldaten opfern müssen.

Lesen Sie auf der nächsten Seite, was der Republikaner Clint Eastwood über Barack Obama denkt.