Chanson Pflichtbewusst ironisch

Zu den Liedermachern, die mit dem Finger auf andere zeigen, wollte Stephan Sulke nie gehören.

(Foto: Stephan Sulke)

Stephan Sulke hat nach langer Bühnenabstinenz doch wieder Lust auf Publikum. In der Komödie im Bayerischen Hof stellt er auch Songs seines kommenden Albums vor

Von Christian Jooss-Bernau

Wenn einer so wie ich erzogen worden ist", heißt eines seiner neuen Lieder. Und der, der da so erzogen worden ist, dass man gerade zu sitzen hat und anderen nicht reinquatscht, bei dem müsse man sich nicht wundern, das der mal den guten Ton etwas vermisst. So sagt's der Refrain. Ein anderes Lied handelt vom "Edelmetallalter", in dem die angekommen sind, die denken "Hip-Hop sei Neudeutsch für hü und hott". Das Banjo scheppert gut gelaunt, und der Sänger, er raunt und raunzt auf eine Weise, die einem recht bekannt vorkommt. Für seinen anstehenden Auftritt in München nahm der Künstler die Sache selbst in die Hand und schrieb eine Mail an die SZ, in der der Satz stand: "Ich war mal ziemlich berühmt in Germanien." Die Betreffzeile lautete "Stephan Sulke".

Herr Sulke hat recht: Jenseits einer bestimmten Altersgrenze gibt es kaum einen Deutschen, der sein Lied "Uschi (mach kein Quatsch)" nicht sofort im Ohr hat. 1982 stieg die "Uschi" in die deutsche Hitparade ein. Am meisten überrascht hat das wohl Sulke selber, der einen Vertrag über 30 Minuten Musik zu erfüllen hatte und nach dem Durchsieben seines Materials erst bei 28 Minuten angelangt war. In Stephan Sulke haust eine große Gewissenhaftigkeit in solchen Dingen - wohl weil er so erzogen worden ist. Er entschied sich, die Uschi mit auf sein Album zu nehmen. Vorlage war die Frau eines guten Freundes, der Sulke noch heute eine "erotische Ausstrahlung" attestiert, die unglaublich gewesen sei: "Gleichzeitig war das eine totale Emma-Tante." Sie pochte auf die Rechte der Frauen. Und Sulke schrieb den wohl ersten und einzigen Anti-Emanzipations-Hit der BRD, dessen Inhalt wohl am Großteil der Hörerschaft vorbeiging.

Zu den Hannes Waders dieser Welt, die diese scheiße fänden und sie umkrempeln wollten, hat er sich nie gezählt: "Ich bin das absolute Gegenteil. Ich bin der absolute Konformist. Ich liebe die Welt, in der ich lebe. Natürlich zeige ich manchmal mit dem Zeigefinger auf Dinge, die ich grausig finde. Aber ich schließ' mich ein. Zu der Liedermacher-Mischpoke gehört die Tendenz, mit dem Zeigefinger auf die anderen zu zeigen." Ein Liedermacher wollte er nie sein. Tritt man ihm zu nahe, wenn man ihn wertkonservativ nennt? "Ich bin stockkonservativ", tönt es fröhlich aus dem Telefonhörer: "Ich bin so was von konservativ, ich bin schon beinah Jesuit." Na gut, mit Religion hat er es nicht wirklich.

Sulke, und dafür muss man in seine Biografie tauchen, ist eine spezielle Sorte Konservativer, die nichts mit der Vulgärvariante gemein hat, die derzeit durch Europa pöbelt. Als Sohn jüdischer Eltern wurde er 1943 in Shanghai geboren, aufgewachsen ist er in der französischen Schweiz, in Biel. In Frankreich wurde seine erste Single veröffentlicht, die ihm den Grand Prix du Premier Disque einbrachte, überreicht von einem gesundheitlich schon schwer angeschlagenen Maurice Chevalier. Während eines Aufenthalts bei seiner Tante in Amerika nahm Sulke Mitte der 60er Singles für den amerikanischen Markt in Nashville auf, die in den Südstaaten recht erfolgreich waren und auch heute noch flott ins Ohr gehen. Zusammenfassend ist festzuhalten: Mit Nationalismus braucht man ihm nicht zu kommen. "Eu-Ro-Pa" heißt eines seiner neuen Lieder.

Ironisch spricht er da auch über sich selber, über das Leben in einer Wohlstandsgesellschaft, der die Welt vor ihren Toren schon lange egal ist: "Schmarotzen am Elend andere Kontinente", nennt er den europäischen Dauerzustand. Und doch ist da eine Liebe zu spüren, zu einer Lebensform, in der man seine Meinung sagen kann. Das macht Sulke nämlich selbst sehr gerne. "Ich persönlich sehe einfach keine Alternative zur Demokratie", findet er. Das liege vor allem an der modernen Informationsgesellschaft. Sulke ist ein Wirtschaftswunderkonservativer mit traditionellen Rollenvorstellungen und einem Glauben an die Zukunft. Technikbegeistert war er immer schon, und dass Stuttgart, die Stadt aus der er telefoniert, die Stadt, die ihre Kraft aus dem Automobil zieht, Grün wählt, kann er nicht verstehen.

Schon in Nashville haben ihn die Studiotricks begeistert, das Hochspezialisierte. Kleinigkeiten, wie die Bassspuren, die aus einem Kontrabass und einem E-Bass bestanden, die akkurat das Gleiche spielten. 1972 gründete er in London eine Firma für Studiotechnik. Dass er sein neues Material vorwiegend in seinem eigenen Studio eingespielt hat, versteht sich von selbst.

"Enten hätt' ich züchten sollen", hieß sein letztes Album von 2011. Stephan Sulke hat viele Interessen und den meisten nachgegeben. Er hat den Aphorismenband "Kekse" veröffentlicht, hat gemalt, verspricht, demnächst belletristisches Material zu liefern. "Ich bin ein ziemlich unstetes Wesen", sagt er: "Ich bin viel zu faul und desinteressiert, um karrieregeil zu sein." Immer wieder hat er sich aus der Musikszene zurückgezogen und sich anderweitig beschäftigt.

Uschi war ein unwahrscheinlicher Hit. Seine Mutter hatte ihm die Unterhaltungskunst der 20er Jahre nahegebracht, die "Antisentimentalität", den Hang zur Rationalität. Sulke pflegt einen ironischen Ton in seinen Liedern, der selten geworden ist. Staatsakt heißt sein neues Label, die Heimat von Dieter Meier, den Sternen oder den Friends of Gas. Am 16. Juni soll das neue Album erscheinen. "Liebe ist nichts für Anfänger" wird es heißen.

Erst einmal aber setzt sich Sulke noch auf die Bühne. Verdammt anstrengend ist das, so allein mit dem Publikum. Aber Sulke sagt: "Wir haben eine Ewigkeit Zeit, tot zu sein." Und dann ist da noch "die Sucht, zu beweisen, dass man zu den Besten zählt, die Anerkennungssucht". Wenn Stephan Sulke nicht ironisch ist, ist er gerne ehrlich.

Stephan Sulke, Sonntag, 26. März, 18 Uhr, Komödie im Bayerischen Hof