Cannes-Film: Zerrissene Umarmungen Liebe kann so blind sein

Ein Film im Film im Film: Pedro Almodóvar erzählt von der Liebe zwischen einem blinden Regisseur und seiner Hauptdarstellerin, natürlich gespielt von Penélope Cruz.

Von S. Vahabzadeh

Wenn das Weltkino zusammenfindet, tauchen immer bizarre Gemeinsamkeiten auf. Manche davon bleiben obskur - was, beispielsweise, hat es mit den Rehen auf sich, die bereits durch drei Wettbewerbsfilme dieses Jahrgangs hüpften? Auch die Sorgen wurden längst globalisiert: Warum sehen die Filmemacher in diesem Cannes-Jahrgang überall Gespenster, Loach und Park Chan-Wook, Jacques Audiard und Johnnie To? Und sogar bei Lars von Trier, für dessen "Antichrist" sich nicht mal die ansonsten alles umarmende französische Kritik hat erwärmen können ("bis zur Indifferenz provoziert", lautete eine hübsche Formulierung). Jedenfalls spukt es so oft, dass es kein Zufall sein kann.

Vielleicht sind diese Bilder getrieben von der Sehnsucht nach der Unsterblichkeit der Seele, nach irgendwas, das bleibt. Da wird Haltlosigkeit sichtbar - das Gefühl, dass uns die Welt, wie wir sie kennen, zu entgleiten droht.

Da ist dann einer ganz gut dran, der immer schon glaubte, dass Menschen ein unzerstörbarer Zauber innewohnt - einer, der sogar mit seinen Dämonen im Reinen ist. Man hat Pedro Almodóvar, so hat er in Cannes erzählt, von seinen Ärzten vor zwei Jahren eine Weile in die Dunkelheit verbannt, und dort hat er den Helden von "Zerrissene Umarmungen", der nun im Wettbewerb läuft, ersonnen: einen blinden Regisseur. Aber Almodóvar wäre nicht Almodóvar, wenn Harry Caine tatsächlich nur das Kino geraubt worden wäre. Er hat das Augenlicht verloren, als seine Geliebte Lena (Penélope Cruz) ums Leben kam - und auch sein eigentliches Ich, Mateo, dem Harry Caine als Pseudonym diente, ist mit ihr entschwunden.

Mateo wird wieder er selbst, weil er die Erinnerung zulässt und Lenas Geschichte, die vierzehn Jahre zurückliegt, erzählt - Almodóvar spinnt einen Film im Film im Film, eine Story voller Reflektionen: Lena spielte die Hauptrolle in einer Komödie unter Mateos Regie, Produzent ist ein dominanter Sugardaddy, mit dem Lena sich eingelassen hat, weil er ihrem sterbenden Vater eine Privatklinik spendiert hat. Er ist so besessen von Lena, dass er seinen Sohn mit einer Videokamera an den Set schickt - er dreht ein stummes Making of, und so fliegt auf, dass sich Mateo und Lena unsterblich ineinander verliebt haben. Sie flüchten nach Lanzarote, und die Mondlandschaft um sie herum ist ein schönes Setting für ein Paar, das sich selbst genügt.

Der Alte nimmt Rache - und zerstört den Film, den Mateo um Lena herumgemacht hat, "Frauen und Koffer", ein naher Verwandter von "Frauen am Rande des Nervenzusammenbruchs". Zerrissene Umarmungen" ist vielleicht nicht Almodóvars bester Film, aber der Mann schwächelt auf ziemlich hohem Niveau - auch das Tragische erzählt er mit einem warmherzigen Sinn für Humor, und die Liebe zu seinen Figuren ist immer ansteckend. Das scheint auch für die Schauspielerinnen zu gelten, mit denen er arbeitet. Auch wenn man sich nicht viel macht aus Penélope Cruz - mit Almodóvars Augen betrachtet ist sie unwiderstehlich. Rossellinis "Viaggio in Italia" taucht kurz auf, der Film hat ihn zum Titel inspiriert - Ingrid Bergmans Tränen, als sie in Pompeji die Überreste eines Paares sieht, das die Lava für die Ewigkeit in einer Umarmung verschweißt hat.

Benito war auch Bigamist

In "Zerrissene Umarmungen" ist, wie in Marco Bellocchios Wettbewerbsbeitrag "Vincere", die Unsterblichkeit eben kein Phantom, sondern die Liebe fürs Leben, die Bindung, die allen Qualen standhält bis in den Tod. Auch wenn die Filme ansonsten kaum unterschiedlicher sein könnten. Bellocchio hat sich eine düstere, unerkundete Nische des Privatlebens von Benito Mussolini vorgenommen - ohne dass er den Duce dabei vermenschlichen würde. Gewiss könnte der Film auch "Im Bett mit Mussolini" heißen, es sind definitiv mehr Sexszenen drin, als einem, bei dieser Paarung, lieb sein kann. Mussolini war also Bigamist. Er hatte noch vor dem Ersten Weltkrieg eine Frau aus gutem Hause kennengelernt und geschwängert, Ida Dalser, gespielt von Giovanna Mezzogiorno, die von der anderen Gattin, Rachele, nichts wusste.

Sie versetzt alles, was sie hat, damit Benito - der sie von Anfang an wie einen Gegenstand behandelt - seine Zeitung gründen und der Macht entgegenstreben kann; und je bekannter und mächtiger er wird, je mehr er sich aus taktischen Gründen der ihm eigentlich verhassten katholischen Kirche annähert, desto dringender muss er sich der zweiten Frau entledigen. Er tut also, was aus seiner Sicht so ziemlich das grausamste sein muss - er beauftragt die Kirche, Weib und Kind zu entsorgen. Sie landet in einer Irrenanstalt, der verleugnete Sohn übergangsweise in einem Internat, bis auch er ins Asyl kommt. In einer grotesken Szene imitiert er ihn, verspottet mit chaplinesker Energie den verhassten Vater.

Liebe auf dem Prüfstand

Bellocchios Ida ist bis zum Schluss von dem Mann besessen, interpretiert in seine Zurückweisung noch hinein, er wollte ihre Liebe nur auf den Prüfstand stellen, als er ihr das gemeinsame Kind schon hat wegnehmen lassen. Das ist zuviel Gefühl für eine so hässliche Geschichte. Was bleibt, ist das Bild einer armen Irren, die sich verschwendet - sich selbst zerstört für einen, der es nicht wert war. Natürlich ist sich Bellocchio bewusst, dass er dabei von den unterdrückten Frauen dieser Zeit im allgemeinen erzählt.

Kurze Aufnahmen von den Gesichtern der anderen weggesperrten Unbequemen tauchen auf, lange bevor Ida diesen Leidensgenossinnen in der Anstalt begegnet. Aber dass er auch noch ein Ekel und ein Macho war, gehört trotzdem zu Benito Mussolinis kleineren Sünden - "Vincere" spielt auf einem Nebenkriegsschauplatz; und die Romanze bleibt, um ihres Protagonisten Willen, irgendwie irritierend. Was Ida Dalser gefesselt haben mag an diesem Kerl? Man kann Liebe eben nicht erklären. Sie ist reine Willkür oder sie ist nichts.

Umarmt, aber sexy

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