Auch seine Bilder sehen nicht danach aus. Hier filmt einer, der endgültig nichts mehr zu verlieren hat, dem nun alle Reaktionen recht sind, solange sie nur stark genug ausfallen, der alle Hass-Analysen der letzten Jahre, Frauenfeindlichkeit, Menschenfeindlichkeit, Sadismus, nun vollständig in sein Selbstbild integriert hat. Es geht wohl um Selbsttherapie, ganz einfach. Selbst schuld, wer meint, dabei zusehen zu müssen. Und das Urteil? Großartig? Irrsinnig? Ein Witz? Nun ja ... einen Moment bitte.
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Ein vollständiger Therapieerfolg
Reden wir vielleicht kurz, nur zur Erholung, von einem anderen Therapiefilm, von Ken Loach und seinem "Looking for Eric". Da fällt das Urteil auch nicht so schwer, da kann man dem ersten Eindruck schon trauen. Therapie in ihrer freundlichsten, lebensbejahendsten Form. Ein schlichter, nicht mehr ganz junger Postbote aus Manchester, dessen Angstattacken fast schon sein Leben ruiniert haben, zwei Ehen auf jeden Fall und die Beziehung zu seinen drei Kindern. Ihm bleiben die Kumpels und die Liebe zum Fußball - bis eines Tages der unwahrscheinlichste Therapeut überhaupt in sein Leben tritt: Eric Cantona, der französische Fußballkönig mit dem wilden Temperament, immer noch gottgleich verehrt für seine Spiele mit Manchester United, auch vom Protagonisten dieser Geschichte.
Cantona spielt sich selbst, ein wenig steif, ein wenig radebrechend - und ist doch bis heute ein derart verlässliches, formatfüllendes Mannsbild, dass sich die Dinge mit ihm einfach zum Besseren wenden müssen. Mit Ermunterungen, kleinen Übungen und selbsterfundenen Sprichwörtern baut er seinen Schützling, dem er in Tagträumen erscheint, auf - begleitet von einem Regisseur, der dann auch selbst ganz unerwartet lockerlässt: Ein vollständiger Therapieerfolg, dankbar umjubelt von einem glücklichen Publikum.
Satanische Natur
Den Ängsten begegnen, den Feinden ins Auge sehen, die Dinge zurechtrücken - bei Licht betrachtet muss das eigentlich jeder Filmheld, ist alles Kino am Ende Therapie. Auch Lars von Trier spielt noch eine Weile mit diesen Erwartungen. Den Tod des Sohnes verkraften, in den Phasen der Trauer und der Furcht - das nimmt sich das Ehepaar in "Antichrist" nach dem Schock des Anfangs vor. Willem Dafoe ist sogar von Beruf Therapeut, seine Rationalität hat etwas Arrogantes, beinah Mitleidloses.
Eine Angst vor der Natur stellt er bei seiner Frau fest, er zwingt sie aus dem Haus, in die Einsamkeit einer Waldhütte namens "Eden". Und tatsächlich, satanischer und gewalttätiger hat man die Natur kaum je gesehen - da dräut das schwarze Fuchsloch, ragt die zersplitterte Baumruine in einen düsteren Himmel, trommeln die fallenden Eicheln gnadenlos auf das Hüttendach. Dieser Teil des Films ist sicher das beste Horrorstück, das je über den Schrecken des Waldes gedreht wurde.
Aber auch darum geht es am Ende nicht. Was vermag die Natur schon gegen den Menschen? Die abendländische Ratio überwindet hier eine moderne Furcht, entfesselt stattdessen aber ein neues, archaisches, weitaus gefährlicheres Unheil, gegen das dann überhaupt kein Mittel mehr hilft. Ihre Niederlage im dritten Akt, der in nie gesehene Untiefen der Imagination vorstößt, wird absolut sein. Darf sich ein Filmemacher so vollständig seinen Ängsten und Obsessionen hingeben? Darf er versuchen, auch sein Publikum damit zu infizieren, fremden Menschen ein Stück ihrer geistigen Gesundheit zu rauben, um ein Stück der eigenen zu retten? Wer weiß ... Eine kurze Antwort ist hier dann leider doch noch nicht zu haben - aber im Augenblick fühlt es sich seltsam befriedigend an, Teil dieses sehr intimen Austauschs gewesen zu sein.
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(SZ vom 19.05.2009/bey)
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