Buchnamen Überschrift und Irrtum

Auch bei Tolstoi gilt: Wer das „und“ im Titel nicht versteht, kann auch das Buch nicht begreifen.

(Foto: Booklooker.com)

Viele Bücher tragen ein "und" im Titel. Lange wurde die kleine Konjunktion wenig beachtet. Dabei könnte sie wichtiger kaum sein: Wer das "und" nicht versteht, kann auch das Werk nicht begreifen.

Von Birthe Mühlhoff

Als Ordnungsprinzip kommt das Wörtchen "und" eigentlich einer Bankrotterklärung gleich. Wer einen Gegenstand mit einem anderen durch ein bloßes "und" verbindet, hat damit noch erstaunlich wenig gesagt. Es bleibt völlig im Unklaren, wie sich die zwei Dinge zueinander verhalten. Für den Weltbank-Ökonom Paul Romer war dieser Umstand im vergangenen Jahr Grund genug für die Ankündigung, den "World Development Report" nicht zu veröffentlichen, "falls das Wort 'und' mehr als 2,6 Prozent des Textes ausmacht".

In dem im Jahr 2017 gegründeten Works&Nights-Verlag ist jetzt der Band "Titelpaare" erschienen, in dem sich die Kulturwissenschaftler Hendrikje Schauer und Marcel Lepper all jener Werke annehmen, in deren Betitelung zwei Begriffe durch ein "und" verbunden sind. "Krieg und Frieden" von Leo Tolstoi, "Sein und Zeit" von Martin Heidegger, "Stolz und Vorurteil" von Jane Austen, "Kabale und Liebe" von Friedrich Schiller - auf amtliche 46 Einträge kommen die Autoren.

In Buchtiteln ist das kleine Wort eine Konjunktion, die ihren Erklärungsbedarf sofort anmeldet: Folgt der zweite Begriff aus dem ersten? Bedingen sie sich gegenseitig, bilden sie ein unzertrennliches Paar wie Tag und Nacht, Pfeffer und Salz? Oder geht es dem Autor gerade um eine begriffliche Trennung? Die zunächst aberwitzig belanglos erscheinende Frage, welche besondere Bedeutung dem "und" in dem jeweiligen Werk zukommt, führt auf direktem Wege zum Verständnis des Werks.

Das "und" in Theodor W. Adornos Titel "Kulturkritik und Gesellschaft" (1951) entpuppt sich zum Beispiel als emphatische Konjunktion: Die Beziehung zwischen den beiden Begriffen ist gerade das, worum es hier geht. Adornos Überlegungen richten sich gegen die schlechte Alternative einer "Kulturkritik ohne Gesellschaft" einerseits und einer "Gesellschaft ohne Kulturkritik" andererseits. Über Kultur lässt sich also weder von einem übergeordneten Standpunkt reden, losgelöst von der gesellschaftlichen Gegenwart - im Namen einer "authentischen" Kultur zum Beispiel, die verloren gegangen sei -, noch lässt sich Kultur allein von ihren gesellschaftlichen Grundlagen her kritisieren. In diesem Falle würde die Kultur zum bloßen Epiphänomen der gesellschaftlichen Realität. Wer über Kultur sinnvoll sprechen will, muss also beides berücksichtigen: Kulturkritik und Gesellschaft. In "Gemeinschaft und Gesellschaft" dem einflussreichen Hauptwerk des Soziologen Ferdinand Tönnies von 1887 hingegen kommt dem "und" vergleichsweise wenig Beachtung zu. Zu besonderer Komplexität brachte es das "und" in diesem Fall erst in der Rezeption des Werks. Lange sei der Titel so verstanden worden, schreibt die Philosophin Nele Schneidereit, dass die organische, auf bäuerlichen Werten basierende "Gemeinschaft" der mechanischen, wertentleerten "Gesellschaft" vorzuziehen sei und Tönnies also beide Termini gegeneinander ausspiele. An dieser Auffassung war Tönnies selbst nicht ganz unschuldig. In seinem Buch fertigte er sogar eine Liste mit Wertzuschreibungen an (Gemeinschaft - weiblich, Gesellschaft - männlich, und so weiter). Und doch ging es Tönnies, wie er später wiederholt betonte, vor allem darum, Gemeinschaft und Gesellschaft als soziologische Begriffswerkzeuge zu schärfen - auch weil sie stets miteinander verwoben seien. Das "und" sei also nicht als verkapptes "entweder oder" sondern wörtlich zu nehmen.

Ist "Gemeinschaft und Gesellschaft" eine Wortverkettung, die intuitiv einleuchtet, weil sich beide Worte ein und derselben Kategorie subsumieren lassen - dem menschlichen Zusammenleben -, wirkt Paul Celans Gedichtband "Mohn und Gedächtnis" von 1952 vergleichsweise irritierend, weil inkonsistent. Die Blume und die kognitive Leistung, wie geht das zusammen? Schlafmohn, aus dem Opium gewonnen wird, ist dem Gedächtnis wohl eher abträglich, Mohn und Gedächtnis wären in diesem Falle Antagonisten. Andererseits ist es ausgerechnet die rote Mohnblüte, die sich die Briten am sogenannten Poppy Day ans Revers stecken, um, in Anlehnung an das bekannte Gedicht "In Flanders Fields" der Kriegstoten des Ersten Weltkriegs zu gedenken. Doch eigentlich spannend ist es, wenn Julia Amslinger deutlich macht, dass der Titel außerdem auf Paul Celans ästhetisches Programm verweist. "Der Tod ist ein Meister aus Deutschland, sein Auge ist blau / er trifft dich mit bleierner Kugel, er trifft dich genau." Celans Zeilen über die Schoah bestehen eben nicht aus Metaphorik, die in eine eigentliche Sprache transformiert werden könnte. Deshalb fällt im Titel die Entscheidung zwischen metaphorischem Sprechen - Mohn - und nicht-metaphorischem Sprechen - Gedächtnis - gerade nicht. Anders ausgedrückt: Einen ganz nüchternen Titel wie "Vergessen und Erinnern" hätte der Band genauso wenig vertragen, wie, quasi doppelt durch die Blume gesprochen, "Mohn und Vergissmeinnicht". Das "und" zwischen Mohn und Gedächtnis hält beide sprachlichen Welten in der Schwebe.

Dass die kleine Sammlung drei- bis vierseitiger Essays als Wörterbuch konzipiert ist, ist im Sinne der Thematik nur folgerichtig, schließlich sind die Einträge in einem Wörterbuch auch durch bloße Aneinanderreihung miteinander verbunden. Auch 4000 Jahre nach seiner Erfindung erweist sich das altehrwürdige Ordnungssystem des Alphabets nach wie vor als Mittel der Wahl, wenn Gesammeltes katalogisiert werden soll. Vielleicht ist das der Grund dafür, dass das Genre des Wörterbuchs besonders originelle Konzeptideen hervorgebracht hat. 2004 brachte die Philosophin Barbara Cassin in Frankreich zum Beispiel das Wörterbuch der unübersetzbaren Worte heraus, das Dictionnaire des intraduisibles - ein philosophisches Buch, das mit 1500 Seiten einen geradezu gigantischen Umfang aufweist. Erläutert werden darin Begriffe aus mehr als fünfzehn Sprachen, die sich dadurch auszeichnen, dass sie sich nicht ohne gravierende Bedeutungsverluste in andere Sprachen übertragen lassen. (Der deutsche Begriff der "Bildung", der eben mehr bezeichnet als nur die schulische Laufbahn, wäre so ein Beispiel.)

Das Buch "Titelpaare" ist erst die dritte Publikation des Verlags. Der Band ist in der Tat eine Art "Philosophiegeschichte aus der Titelperspektive" wie es im Klappentext heißt. Und zeigt damit: Wissenschaftliche Seriosität und originelle Buchkonzeption müssen einander nicht ausschließen. Erfreulich weit gehen außerdem die essayistischen Beiträge - neben zahlreichen jungen Wissenschaftlern haben auch bekannte Professoren wie Dirk Baecker, André Kieserling und Mirjam Schaub Texte verfasst - über die schwer zu lesende, sekundärliterarische Einführungsprosa hinaus, die meterweise für die Kühlregale deutscher Universitäten publiziert wird.

Hendrikje Schauer und Marcel Lepper (Hrsg.): Titelpaare. Ein philosophisches und literarisches Wörterbuch. Works&Nights, Stuttgart, Weimar 2018. 200 Seiten, 8 Euro.