Bruce Springsteens Album "High Hopes" Der Schaukelstuhl muss warten

Bruce Springsteen während eines Konzerts in Santiago de Chile im September 2013.

Nicht mal haarscharf am Alterswerk vorbeigeschrammt: Bruce Springsteens neues Album "High Hopes" beweist, dass der Star seinen Rock 'n' Roll-Herbst noch längst nicht von der Veranda aus genießt.

Von Joachim Hentschel

Langsam wäre es dann doch mal Zeit fürs Alterswerk. Nicht, dass der Sänger Bruce Springsteen mit 64 Jahren hervorgehoben alt wäre in dieser Herbstphase des Rock 'n' Roll, in der beim aktiven Personal ein siebzigster Geburtstag den nächsten jagt, sondern weil das eine lohnenswerte Perspektive wäre auf die oft hektische Springsteen-Welt, ihre Sturmhöhen und brennenden Büsche: aus dem Schaukelstuhl auf der Veranda in New Jersey heraus, mit den Enkeln auf dem Schoß.

Einen Blick in den großen Folianten der amerikanischen Geschichte geworfen, den anderen Richtung Horizont, bereit für das Résumé, das man von Springsteen ja schon gerne hören würde. Auch ein paar Lieder übers Brotbacken oder die Schachpartie gegen den Tod könnte man zur Not ertragen.

Über die Abrissbirne des Kapitalismus

Aber nein, es ist noch nicht so weit. Springsteen sieht sich nicht als Romancier, mehr als fahrender Spielmann, der alles immer wieder zur Disposition stellt. Die Welttour, die er eben beendet hat, übertrifft noch einmal alte Legenden: 133 Konzerte in anderthalb Jahren, in Helsinki das längste Konzert seiner Karriere, vier Stunden und sechs Minuten.

Dazu neue Stücke über die Abrissbirne des Kapitalismus, über den Drang, mit der Schrotflinte die Bank zu stürmen - wahrscheinlich muss man eine dieser absolut triumphalen Shows erlebt haben, um zu verstehen, wie gut solche Rollenspiele bei ihm funktionieren. Das Hemdsärmelige, das ihm die Feinde vorwerfen, ist für Springsteen zum poetologischen Vorsprung geworden.

Und so, tja, ist sein neues, inzwischen achtzehntes Album "High Hopes" also wieder nicht das große Alterswerk geworden. Es ist das Ding, das ihm auf halber Strecke hinten vom Truck gefallen ist.

Das älteste der zwölf Stücke stammt von 1998, die meisten sind Überbleibsel von früheren Sessions, aufgemöbelt oder neu produziert, Stücke also, die erst aussortiert und jetzt wieder einsortiert wurden. Die dunkel pumpende Gangstermoritat "Harry's Place" zum Beispiel, die - eine Vermutung - vielleicht 2002 nur deshalb nicht auf das 9/11-Album "The Rising" kam, weil sie sich auf das Lied "Mary's Place" reimte.