Bottini für den Herbst Ausverkauf Rumäniens

Geerdet: Oliver Bottinis "Der Tod in den stillen Winkeln des Lebens" handelt vom globalen Kapitalismus mit einem gewissen Novembergefühl.

Von Christine Dössel

Wenn man diesem Roman eine Farbe zuordnen müsste, dann wäre das Braun. Umbra, Naturbraun wie die Erde, von der er erzählt. Und wäre dieser Roman eine Jahreszeit, dann der Herbst. Die Zeit der Ernte, des Abschiednehmens, der Gräber und Totenklagen. Genau die Zeit, sich in ein Buch zu versenken wie dieses, das nicht einfach nur von Mord und Totschlag erzählt, sondern von der Leere danach, von Schuldgefühlen und Einsamkeit, von der Verstrickung des Menschen in die Vergangenheit, seine jeweils persönliche, aber auch die historische, systemische.

Kommissar Ioan Cozma fühlt sich "begradigt und beruhigt" wie der Fluss Bega

Oliver Bottinis "Der Tod in den stillen Winkeln des Lebens" ist ein Roman, der buchstäblich tiefer gräbt als gewöhnliche Krimis aus den Regionalzonen jenseits der großen Mordmetropolen. Er spielt in zwei Käffern, die Prenzlin heißen. Das eine, originale Prenzlin - ein fiktives Dorf - liegt in der Provinz Mecklenburg-Vorpommerns. Das andere, die nach dem Original-Prenzlin benannte Ansiedlung "Neu-Prenzlin", im westlichen Rumänien. Dorthin hat es den Landwirt Jörg Mathern aus Prenzlin nach der Wende verschlagen, als die alten LPGs aufgelöst und von cleveren SED-Kadern gewinnträchtig in GmbHs überführt wurden. Die "roten Junker" wurden Millionäre, die Dörfer verkamen. In Rumänien aber gab es noch etwas zu holen. Jörg Mathern kaufte dort Land auf, sehr viel Land, und er zog mit Frau und Tochter hin; später folgte sein Freund aus Kindheitstagen, Michael Winter. Der hat bei einem gespenstischen Unfall, mit dem das Buch beginnt, Frau und Kinder verloren. Und auch Mathern, dessen Frau ihn längst verlassen hat, wird seine Tochter verlieren: Ein Mann ersticht Lisa am Fluss, das ist in Bottinis versiert multiperspektivisch erzähltem Roman der zentrale Mordfall. Mit dem Fall beauftragt wird der Kommissar Ioan Cozma aus Temeswar, der, kurz vor der Pensionierung, mit seinem Beruf eigentlich abgeschlossen hat: "Nicht mehr auffallen, nichts mehr riskieren ... unter dem Radar segeln." Nach der Revolution 1989 hat er in Bukarester Kellern Faschisten gefoltert, nun fühlt er sich "begradigt und beruhigt" wie der Fluss Bega. Er hängt sich dann trotzdem schwer in den anfangs simpel scheinenden Fall rein und ermittelt gemeinsam mit seinem Kollegen und Freund Cippo - auch er mit Vergangenheitsdreck am Stecken - auf Pfaden, die immer komplexer sich schlingen. Sie führen ins deutsche Prenzlin, wo noch mal ein Mord passiert, sie führen aber auch an die Schmerzpunkte des globalen Kapitalismus. Das große Thema des Buches - und das hinter den Morden - ist der Landraub. Rumäniens Ausverkauf an ausländische Agrarinvestoren, an die Saudis, die Dänen, die Deutschen. Vierzig Prozent des Ackerlandes gehört ihnen schon.

Oliver Bottini, bekannt für seine Krimis mit der Freiburger Kommissarin Louise Boni, erzählt von dieser Landnahme in einer Sprache, so schnörkellos, unerschütterlich und klar wie die Landschaft, der seine Figuren nicht entkommen. Sie alle sind Beschädigte, Trauernde, Suchende. Man folgt ihnen gerne, mit einem gewissen Novembergefühl.

Oliver Bottini: Der Tod in den stillen Winkeln des Lebens. DuMont Buchverlag, Köln 2017. 414 Seiten, 22 Euro. E-Book 17,99 Euro.