Berliner Architektur Abbruch-Fanatismus

Der Architekturhistoriker Benedikt Goebel dokumentiert knapp, klar und mit einer überwältigenden Fülle selten gesehener Fotografien die Baugeschichte des Berliner Stadtkerns.

Von Jens Bisky

Hat die Mitte Berlins, jene viel beschworene Gegend zwischen Fernsehturm und Humboldt-Forums-Schloss, zwischen Jannowitzbrücke und Museumsinsel, vom Aufschwung der Stadt in den vergangenen dreißig Jahren profitiert? Die Frage kann jede Hauptstadtabendgeselligkeit sprengen, bösen Streit provozieren. Sie führt viele Folgefragen im Schlepptau. Ist es urbaner geworden, nachdem das DDR-Außenministerium, der Alextreff, das Palasthotel und das Ahornblatt abgerissen worden sind? Mussten die Parkhäuser am Roten Rathaus sein? Weiß jemand, wie der Schlossneubau in die Stadtlandschaft eingefügt werden könnte?

Fein raus ist jeder, der in solchen Diskussionen mit den Schultern zuckt, Berlin habe zum Glück mehr als ein Zentrum, mehr als eine City. Freunde der Debatte werden zugeben müssen, dass all das Gezänk um Abriss, Rekonstruktion, Reparatur und Wiederherstellung die Wirklichkeit nicht wirklich gebessert hat. Die Gegend wirkt oft öde, Baustelle folgt auf Baustelle, das Leben entfaltet sich am Rand des Stadtkerns, auf dem Alexanderplatz, am Hackeschen Markt, in der Friedrichstadt, in der Dorotheenstadt.

Viel Geld hat die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung vor einigen Jahren für den "Dialogprozess Berliner Mitte" ausgegeben. Herausgekommen sind Leitlinien von erschlagender Allgemeinheit. Das Besondere des Ortes spielt dabei kaum eine Rolle, seine Geschichte taugt nur zum Stoff für "abwechslungsreiche Erinnerungselemente".

Kann man dem Erbe von fast 800 Jahren gerecht werden? Kann man es ignorieren?

"Fragmentierte Mitte" nennt der Architekturhistoriker Benedikt Goebel den nach der Vereinigung entstandenen Zustand. Das trifft es. Wer nicht nur dahermeinen, sondern mit Kenntnissen streiten will, der findet in Goebels Buch über die "Modernisierung und Zerstörung des Berliner Stadtkerns von 1850 bis in die Gegenwart" das Nötige. So klar und knapp ist die Baugeschichte der Berliner Mitte bislang nicht dargestellt worden. Im Jahr 1850 zählte man im Stadtkern etwa 1600 Gebäude. Kaum eines hat überlebt. Die meisten fielen den verschiedenen Neugestaltungen - im Kaiserreich, im Dritten Reich, in der DDR - oder dem Krieg zum Opfer. Lediglich fünfundzwanzig vormoderne Bauten sind in der Mitte heute noch zu finden. Ein großer Verlust.

Zwischen 1965 und 1975 wurde die Mitte der Hauptstadt der DDR zum autogerechten Stadtzentrum umgebaut. Lothar Willmann: Schrägluftbild des Alexanderplatzes vor dem Umbau Januar 1965.

(Foto: Archiv Lothar Willmann, Schorfheide)

Schaut man sich einige der erhaltenen Gebäude an, scheint die Situation noch dramatischer. Die Marienkirche, einst vom Neuen Markt umgeben, steht verloren zwischen viel befahrener Straße und Freifläche. Die Nikolaikirche ist von Neubauten in historisierendem Stil umgeben, Teil einer "Traditionsinsel", abgeschnitten vom städtischen Alltag. Die Friedrichswerdersche Kirche wurde im Zuge der Bauarbeiten für hässliche Protzhäuschen nebenan demoliert, wofür - wir sind in Berlin - politisch selbstredend niemand verantwortlich war oder ist. Von den sechzehn erhaltenen Bürgerhäusern wirken die meisten wie Spolien in einer Umgebung, die mit ihnen wie mit anderen Geschichtsresten nichts anzufangen weiß.

Selbst Alteingesessene müssen einige Mühe und Fantasie aufwenden, um heute den Stadtkern auszumachen, jenes Gelände, auf dem die mittelalterlichen Handelsstädte Cölln und Berlin entstanden, weil der Übergang über die Spree hier leichtfiel. Die vielspurige Grunerstraße hat weite Teile des alten Stadtgrundrisses zerstört. Im Zuge der sozialistischen Zentrumsplanungen wurde vieles abgebrochen, was den Krieg halbwegs überdauert hatte. Zwischen Fernsehturm und Palast der Republik schuf man eine Freifläche, gerahmt von zwei langen Häuserriegeln, den Rathauspassagen sowie dem Wohn- und Geschäftshaus Karl-Liebknecht-Straße. In der Hauptstadt der DDR war diese Freifläche allerdings gestaltet, in sich differenziert. Nach 1989 ist davon viel vernachlässigt oder kaputt gemacht worden, ohne dass dem Riesenareal neues Leben eingehaucht worden wäre.

Die stadtplanerischen Entscheidungen der Sechziger- und Siebzigerjahre standen im Einklang mit dem Zeitüblichen und der Berliner Tradition. Der Verkehrsplaner Ernst Bruch befand schon 1886, das "altmodische Kleid" der alten Stadt sei dem "großgewordenen Kinde zu eng geworden". James Hobrecht, der den Grundplan des modernen Berlin entwarf, konstatierte 1890 einen gewissen "Abbruchs-Fanatismus" und eine Geringschätzung des Bestehenden.

Benedikt Goebel hat für das Stadtmuseum Ausstellungen kuratiert, die für Furore sorgten. In "Berlins vergessene Mitte" konnte 2010 jeder sehen, was verloren gegangen war. 2013 erinnerte die Ausstellung "Geraubte Mitte" an die Enteignung der jüdischen Grundstücksbesitzer. Mindestens 225 der 1200 Grundstücke im Berliner Kern wurden "arisiert", nach 1990 hat man davon nur fünfzehn rückübertragen.

Vera und Dieter Breitenborn: Sprengung der letzten Häuser im Fischerkiez, hier Friedrichsgracht 17, September 1971.

(Foto: Landesarchiv Berlin, F Rep. 290-02-23, Nr. 74)

Das Buch profitiert von der Erfahrung des Kurators. Pläne und Skizzen erleichtern die Orientierung, eine Fülle seltener oder bisher unbekannter Fotografien veranschaulicht die dramatische Entwicklung von der Enge um 1850 über die Monumentalisierung, die Großstadtplanungen und die Zerstörung bis zum autogerechten Zentrum. Dass dies nicht das letzte Wort sein soll, lässt sich leichter schreiben als sich sagen lässt, was nun folgen müsste.

Die Gerichtslaube, Zeugnis der mittelalterlichen Stadt, steht längst im Park von Babelsberg

Bedeutung über Brandenburg hinaus gewann Berlin erst nach 1650. Der Aufstieg in die erste Liga der europäischen Städte ging mit einer Abkehr von der mittelalterlichen Stadt einher. Die Neustädte, Friedrichswerder, Dorotheenstadt, Friedrichstadt lagen im Westen und Südwesten. Deren Straßengrundrisse sind im Großen und Ganzen bis heute erhalten. Wie wenig Wert man auf die ältere Geschichte legte, zeigt schlagend das Schicksal der Gerichtslaube. Als die Stadt sich ein neues, das Rote Rathaus baute, ließ sie das Monument einstiger städtebürgerlicher Macht abtragen und schenkte es dem Monarchen. Seitdem steht die Gerichtslaube wie ein romantischer Pavillon im Park von Babelsberg. Der Vorgang sorgte für Empörung, das Interesse am Alten erhielt neuen Schwung. Seitdem herrscht eine Doppelbewegung: Modernisierung ohne Rücksicht auf Verluste geht einher mit kleinteiliger Konservierung von Überbleibseln. So wurde in der DDR das Ermelerhaus in der Breiten Straße abgetragen und später an anderer Stelle, am Märkischen Ufer, wieder aufgebaut.

Benedikt Goebel hofft auf Planungen, die sich dem Erbe der bald achthundertjährigen Stadtgeschichte stellen und es integrieren. Darüber zu streiten, wie das gehen könne, ohne weitere "Traditionsinseln" zu schaffen, würde sich lohnen. Derzeit scheinen freilich weder der Senat noch die Stadtöffentlichkeit besonders interessiert daran. Sollte sich das eines Tages ändern, wird dieses Buch gute Dienste leisten.

Benedikt Goebel: Mitte! Modernisierung und Zerstörung des Berliner Stadtkerns von 1850 bis zur Gegenwart. Lukas Verlag, Berlin 2018. 157 Seiten, 190 Abbildungen, 19,80 Euro.