Belletristik Gebundene Männer geben ihr Bestes

Einsam gestrandet in Oed am Tiefen Graben: Isabella Straubs "Das Fest des Windrads" ist ein ebenso auswegloser wie sehr lustiger Roman aus der allertiefsten österreichischen Provinz.

Von Burkhard Müller

Willkommen auf dem Lande! Und Land, das ist in Österreich immer noch eine Spur düsterer, dröger, provinzieller, als es im benachbarten Deutschland je werden könnte. Oed am Tiefen Graben heißt der Ort, in dem die Fäden von Isabella Straubs neuem Roman zusammenlaufen: Muss man mehr von ihm kennen, um alles über ihn zu wissen? Ausgerechnet hier bleibt mitten in der Nacht der Schnellzug liegen, mit dem die Nachwuchsmanagerin Greta, beschäftigt bei einer Firma für Medizingeräte, zu einer karriereentscheidenden Konferenz unterwegs ist. Das Bahnpersonal hat das Weite gesucht, die Passagiere hacken sich mit den Notfallhämmern den Weg frei; Greta landet ohne Schuhe in der dunklen Pampa.

Aber allein bleibt sie nicht lang, denn die Oeder nehmen sich ihrer an; besonders herzlich die etwas in die Jahre gekommene Hippie-Frau Hannelore, doch auch Oeds einziger und darum unentbehrlicher Taxifahrer Jurek, ferner Vroni, früher als Leiterin eines Domina-Studios unter dem Namen Veronique bekannt, jetzt aber mit ihrer verruchten Raucherstimme Chefin der Pension Bergruh; und nicht zu vergessen Jureks Busenfreund, der ebenso sensible wie fettsüchtige Frührentner Joe, der sogleich in ein Zucker-Koma zu sinken droht und der völlig überforderten Greta die Rolle der Krankenschwester aufzwingt.

Die Akteure befinden sich sämtlich in einem Alter, wo sie sich von der lang gehegten Überzeugung, das Beste im Leben komme erst noch und warte gleich um die Ecke auf sie, widerstrebend verabschieden müssen. Dass in den nächsten Tagen hier das große Fest des Windrads stattfinden soll (eines Erbstücks aus der Zeit der amerikanischen Besatzung), trägt kaum zur Aufheiterung bei. Jede Menge Unglück hat sich angesammelt in Oed, in dem es so wenig Anonymität gibt wie auf dem Land zu erwarten und so viel Einsamkeit wie in der Großstadt. Die Wellness-Oase im nahen Wald ist spezialisiert auf "Burn-out-Bäuerinnen", ein weithin unterschätztes Krankheitsbild.

Das Unglück äußert sich besonders beredt in Liebesdingen. Jurek wurde von seiner Frau verlassen, die doch mit ihm nach Oed wollte, es dann aber dort nicht aushielt. Noch schlimmer erging es dem sensiblen Joe, dessen Gattin ihm zum Abschied einen Zettel hinterließ: "Das war's, du Arsch", und als hätte das noch nicht gelangt, auch noch: "Alle Orgasmen waren vorgetäuscht, alle." Vierzehn Jahre lang, ein herber Schlag. Greta, die vor allem kein Kind will, keinen "Milch-Vampir" an ihrem Managerinnen-Busen, glaubt es besonders schlau gemacht zu haben, indem sie sich mit dem Familienvater Georg einlässt. Sie hat sich das gut überlegt: "Gebundene Männer spulen ihr Best-of-Programm ab, dankbar für die Aufmerksamkeit, die nicht an die Bedingung der Exklusivität gebunden - und dadurch umso wertvoller ist. Zusätzlich, quasi als Bonus, ist ein verheirateter Mann treu, sofern sich dies sagen lässt. (...) Eine dritte Frau tut er sich - vor allem ab einem bestimmten Alter - nicht mehr an."

Dennoch reift in ihr allmählich der Entschluss, den ewig abwesenden Georg, der, obschon Anästhesist, ihren Lebensschmerz vermehrt statt vermindert, dann doch fahren zu lassen. Aber trotz aller Ausweglosigkeit gibt keiner der Oeder sein Leben auf (ausgenommen der Messie Peppino, der sich leider gerade erhängt hat), und auf verquere Weise spenden sie einander Trost und Beistand.

Das unterscheidet Isabella Straubs österreichische Provinz von der Art, wie Thomas Bernhard oder Marlene Streeruwitz an das Thema herangegangen wären. Die hätten ausschließlich das Dumpfe und Groteske dieser Figuren und Lebensläufe gesehen. Isabella Straub aber entzündet für sie das Licht des Humors und verleiht ihnen, als dessen Widerschein, eine Würde, die sie über ihr kurioses Elend hinaushebt.

Isabella Straub: Das Fest des Windrads. Roman. Blumenbar Verlag, Berlin 2015. 348 Seiten, 19 Euro. E-Book 14,99 Euro.