Beginn des Irak-Kriegs vor zehn Jahren Untertauchen im nächsten Graben

Der Weg durch die Dörfer war riskant. Ich hatte Sorge, jemand würde aus den Häusern kommen, um zu sehen, warum die Hunde bellten und uns entdecken. Jedes Auto, das sich näherte, zwang uns, im nächsten Graben voll gurgelndem Wasser unterzutauchen. Hauptsache, wir waren unsichtbar. Ich war vollkommen erschöpft. Trotzdem dachte ich nicht einmal daran, aufzugeben. Wir ruhten uns einen Tag lang aus. Der Regen hörte auf. Das letzte Stück des Weges schien zu schaffen zu sein. Von der syrischen Seite aus wirkten der Fluss schmal und der Irak nahe.

Es sah einfach aus, aber es war alles andere. Das Wasser war eiskalt und der Fluss gewaltig und breit. Unser Schmuggler-Boot sah aus, als sei es für Kinder in einem Planschbecken gedacht. Doch anstelle von Kindern waren wir vier Erwachsene, kniend zusammengequetscht, die einen Stock mit einem Stück Sperrholz daran genagelt, als Paddel benutzten. Der Fluss schien immer breiter zu werden. Als wir ungefähr die Hälfte geschafft hatten, wurde auf uns geschossen. Ich wurde panisch. Es schien nun, als hätten wir die Aussicht auf eine von drei Todesarten: erfrieren, ertrinken oder erschossen werden.

Von da an bewegte sich die Welt nur noch in Zeitlupe - bis auf die reißende Strömung und den Kugelhagel. Wir kamen nicht schnell genug voran und nicht dorthin, wohin wir wollten. Wir verpassten die Stelle, an der wir anlegen wollten. Wir mussten unser Boot im hüfthohen Wasser zurücklassen und den Rest durchs Wasser in den Irak waten. An Land machten wir uns auf die Suche nach einem Polizeirevier. Dann, so hofften wir, würden wir in Sicherheit sein.

Wir wussten nicht, wie sie uns empfangen würden. Glücklicherweise wurden wir willkommen geheißen. Die kurdische Polizei war froh, ausländische Journalisten in ihrem Land zu sehen, nachdem Saddam diese Minderheit so lange unterdrückt hatte. Ich zeigte meinen Pass, füllte ein kleines Formular aus, trocknete meine Sachen, schlief ein bisschen und war am nächsten Morgen schon auf dem Weg zur nächsten größeren Stadt Erbil.

Im Schlamm des Flussbettes

Wenn ich heute zurückblicke, war das beunruhigendste während der mitternächtlichen Fluss-Überquerung, dass ich nicht wusste, wie tief meine Füße im Schlamm des Flussbettes versinken würden. Damals begann ich, mich auf das einzige zu konzentrieren, das ich sehen konnte: die weißen Turnschuhe meines Führers, der vor mir lief - ein schwerbewaffneter kurdischer Freiheitskämpfer oder Schmuggler. Ich konnte gerade genug von seinen Füßen sehen, um zu wissen, wie tief sie bei jedem seiner Schritte einsanken.

Würde ich diesen Marsch noch einmal auf mich nehmen? Wahrscheinlich nicht. Bereue ich ihn? Keine Sekunde. Das Leben eines Fotoreporters würde ich um nichts in der Welt eintauschen.

Die Autorin begann ihre Arbeit als Fotoreporterin für den Boston Globe, der sie 1992 nach Somalia schickte, um über die Hungersnöte zu berichten. Dort geriet sie in Gefangenschaft eines Warlords. Später fotografierte sie auch in Ruanda und im Kosovo. Yunghi Kim wurde mehrmals von der World Press Photo Foundation ausgezeichnet.

Aus dem Englischen von Viktoria Großmann.