Beethoven im Irak Ein paar Takte Pause vom Krieg

Am vergangenen Wochenende gab es in Bagdad einen Anschlag, einen Aufmarsch militanter Warlords - und ein Konzert.

Von Sonja Zekri

Es gehört zu den Selbsttäuschungen des kulturell gebildeten Europas, dass der Rest der Welt sich nach westlicher Musik verzehrt. Er tut es nicht. Millionen Menschen auf dieser Erde halten Sinfonien für fremd und überflüssig, für eine postkoloniale, neoimperiale Zumutung. Auch im Irak.

Das war nicht immer so, aber heute ist es das, und das ist auch nicht erstaunlich. Am vergangenen Wochenende beispielsweise hat Bagdad nacheinander einen Doppelselbstmordanschlag vor einer schiitischen Moschee mit vielen Toten erlebt, dann den Aufmarsch Zehntausender Anhänger des pausbäckigen schiitischen Ex-Warlords, Predigers und Politikers Muktada al-Sadr auf dem Tahrir-Platz, gleichzeitig ist der "Islamische Staat" ungeschlagen, während der Ölpreis fällt und fällt und die korrupte Wirtschaft mit in die Tiefe reißt. Wir haben es, zusammengefasst, mit einer Gesellschaft im Griff von religiösem Fanatismus und aggressivem Überlebenskampf zu tun, die klassische Musik, jede Art westlicher Musik gerade eher nicht zu den wichtigsten Dingen des Lebens zählt.

Deshalb hat es etwas Bemerkenswertes, ja, versunken Trotziges, wenn hinter den hohen Mauern der deutschen Botschaft in Bagdad der deutsche Pianist Florian Heinisch und der irakische Cellist Karim Wasfi eine Brahms-Sonate üben. Die Botschaft ist eine Festung hinter Betonwällen, Gittern, Stacheldraht, keine andere deutsche Botschaft der Welt ist so bewacht wie diese, es ist eine Green Zone außerhalb der Green Zone, des Hochsicherheitsgebietes für die irakische Regierung und viele Diplomaten. Und doch wollen Heinisch und Wasfi hier am nächsten Tag ein Konzert geben, ein hochsymbolisches deutsch-irakisches Duett mit Sonaten von Brahms und Beethoven. Es ist der erste Auftritt eines international renommierten klassischen Musikers in Bagdad seit einem Jahr.

Die richtige, hier einzig mögliche Haltung: Neues kann auch aus Unvollkommenem entstehen

Die Idee entstand im August 2014, der IS stand damals 30 Kilometer vor Bagdad, als der deutsche Botschafter Ekkehard Brose und Wasfi überlegten, was man dem Morden entgegensetzen könnte, ein Signal, ein symbolisches Zusammenspiel in Zeiten, in denen die Steinzeitkrieger dem Irak und dem Westen den Krieg erklärt hatten. Und nun, nach Tausend Hindernissen, nimmt sie Gestalt an.

Karim Wasfi, Cellist und Dirigent, bei der Aufführung des Mondkonzerts von Vlado Velkov im Freien.

(Foto: Vlado Velkov)

Sie sind ein ungleiches Paar: Der deutsche Nachwuchspianist Heinisch - jung, still, ernsthaft -, der in Italien oder Großbritannien bekannter ist als in Deutschland, der zwar noch keinen bahnbrechenden Wettbewerb gewonnen hat, aber alle begeistert, die ihn hören. Und Karim Wasfi, den hier alle nur den "Maestro" nennen, Cellist, Dirigent des Nationalorchesters, ein bisschen Paradiesvogel, ein bisschen Schwadroneur, aber wenn er sagt, man müsse Menschen der Schönheit aussetzen, damit sie den Tod besiegen, dann ist das tief empfunden. Er spielt immer noch in frischen Bombenkratern, damit hat er vor einem Jahr begonnen, die Bilder des Musikers auf dem verbrannten Asphalt gingen um die Welt, aber inzwischen ist er diskreter geworden. Niemand soll sagen, er nutze die Anschläge als Showbühne.

Noch immer tritt Wasfi auch bei Kunstaktionen und auf Kundgebungen auf. Bei den Freitagsprotesten gegen die Korruption, die vor drei Monaten mit Zehntausenden begannen, spielte er die Nationalhymne. Inzwischen sind die Demonstrationen stark geschrumpft, es kommt nur noch ein Häuflein, aber Wasfi ist so leidenschaftlich Musiker, wie er Optimist ist: Diesmal habe die Regierung den Protest nicht niedergeknüppelt, trumpft er auf, "es gab Reaktionen der Regierung, und in anderen Städten dauern die Demonstrationen an!". Er spüre den Geist der jungen Generation, die keine Lust mehr auf religiöse Parolen habe, er höre einen neuen, bitteren Witz, der den Irakern eigentlich fremd ist: "Normalerweise schlagen wir uns auf eine Seite und kämpfen, wir scherzen nicht über Politik. Jetzt tun wir es." Die neue Abgeklärtheit ist für ihn ein Zeichen der Hoffnung.

Unterdessen muss Heinisch, der Deutsche, in Bagdad mit zweierlei fertig werden. Der kleine Yamaha-Flügel, auf dem er spielen soll, ist nach deutschen Maßstäben schrottreif. Das linke Pedal funktioniert nicht, eine Taste hängt, die Hammerköpfe sind bis aufs Holz abgenutzt, die Dämpfer verbogen. Er hat ein bisschen mit einer Pinzette herumgefummelt, ein Klavierstimmer wurde geholt, einer der wenigen, die es noch gibt in Bagdad, aber der hat alles nur noch schlimmer gemacht. Heinisch sagt: "Ein guter Pianist muss auf jedem Instrument spielen können", er erinnert an Beethoven, der mit überstrapazierten Klavieren und reißenden Saiten auftrat, und ist überzeugt, dass die Schönheit eines Konzertes mehr ausmacht als nur der perfekte Klang, dass aus dem Unvollkommenen etwas Neues, Mitreißendes entstehen kann. Damit bringt er die richtige, aber zugleich auch einzig mögliche Haltung für Bagdad mit.

Und dann ist das Ganze hier natürlich ein Blind Date, die beiden haben sich nie gesehen, und Heinisch stellt fest, dass der Iraker doch eine etwas andere Musikauffassung hat als er, frei, "sehr frei", sagt er freundlich, gehe Wasfi mit den Notentexten um, die Tempowechsel, die Effekte seien ein wenig so, wie man in Deutschland vor ein paar Jahrzehnten musiziert habe, ehe sich eine analytischere, transparentere Spielweise durchsetzte. Keiner von beiden hat diese unterschiedlichen Ansätze angesprochen, und Heinisch sieht auch keinen Grund, sich in Unterschieden zu versenken: "Vielleicht ist es im Irak erst mal wichtig, die Menschen überhaupt für Musik zu begeistern."

Nun, das ist es. Und deshalb hat Wasfi nach der Probe noch etwas vor, er leitet nämlich einen Club, der - natürlich - seinen Namen trägt und außerdem "Kunst für den Frieden"-Zentrum heißt. Ein nackter Raum neben einer Bank, nicht weit von der Botschaft, im eleganten Stadtteil Mansur, darin ein paar Plastikstühle, eine kleine Bühne mit rotem Flokati. Junge Männer sitzen an diesem Abend neben jungen Frauen, einige Mädchen tragen Kopftuch, andere nicht, und dann spielen vier wirklich nicht mehr junge Iraker Jazz-Heuler und Zuckerguss-Pop wie Lionel Richies "Stuck on you". Irgendwann hebt der Saxofonist, mit Baseballkappe und Armeehose, zu einem endlosen, sehnsuchtsvoll wehen Solo an, die Menge rast, die Handys blitzen.

Die Jungen sind Teil einer betrogenen Generation, die nichts anderes kennt als Krieg und Tod, die den Preis bezahlt für die Lügen der Alten. Aber dieser Moment gehört ihnen, und sie sind entschlossen, ihn sich nicht nehmen zu lassen, nicht durch den IS, den Ölpreis oder pausbäckige Prediger, jedenfalls tun sie so. Die weitaus größte Mehrheit der Iraker, die Sadr-Anhänger sowieso, aber auch die Landbevölkerung, die bettelarmen, indoktrinierten Massen, lehnen das, was hier geschieht, mit jeder Faser ab, für die Militanten aller Konfessionen wäre dieser lebenslustige Club ein ideales Ziel.

Vor einem Jahr begann Wasfi damit, nach Anschlägen an den jeweiligen Attentatsorten Cello zu spielen, wie hier in Bagdad.

(Foto: Sabah Arar/AFP)

Soll man deshalb etwa nicht spielen? Im Gegenteil, sagt Wasfi, die Iraker werden gerade wieder etwas toleranter. Das muss man ausnutzen. Und so strömen am nächsten Tag zum Konzert in der Botschaft Diplomaten, Politiker, Vertreter von NGOs und Künstler. Beethovens Sonate Nr. 2 für Klavier und Cello und Brahms e-Moll-Sonate für Klavier und Cello stehen auf dem Programm, dazwischen Heinischs Solo mit Beethovens Klaviersonate f-moll, der "Appassionata". Es ist ein unvergesslicher Auftritt, manchmal laufen die Stimmen der beiden Instrumente auseinander und finden erst nach ein paar Takten Zeit wieder zusammen, Heinischs Läufe klingen auf dem verstimmten Flügel mal metallisch, mal breiig, und das Publikum klatscht zwischen den Sätzen. Aber niemand telefoniert, fast niemand läuft hinaus, und spätestens, als das dramatische Ende der Brahms-Sonate erklingt, gelingt auch hier der Zauber, rücken Gewalt und Tod für Sekunden in weite Ferne, fällt die Nachmittagssonne golden auf die Wachtürme der Botschaft, scheint die Möglichkeit einer anderen Welt auf.

Dann war da noch dieser Fagottist im Publikum, der auf der Flucht in der Türkei umgedreht ist . . .

Wunderbar sei das gewesen, bedankt sich ein Generalmajor nach dem Konzert, er habe endlich mal ausspannen können. Shatha al-Obosi ist ebenfalls glücklich, was auf den ersten Blick erstaunt. Sie trägt nämlich ein Kopftuch und einen langen Mantel, ist fromme Sunnitin, zudem Beraterin des Parlamentspräsidenten. "Viele denken, weil ich verschleiert bin, kann ich diese Art von Musik nicht genießen, aber das stimmt nicht", sagt sie: "Es ist richtig, diese Musik ist nicht genuin irakisch, aber meine Generation ist damit aufgewachsen. Nur wollen die Konservativen uns jetzt zurück in ganz alte Zeiten bringen."

Zu jenen, die bis zum Schluss bleiben, bis zu den schwerelos improvisierten Auftritten von Heinisch und Wasfi, in denen sie sich musikalisch vielleicht so nah sind wie nie an diesem Tag, gehören Munthar Sami und seine Kollegen. Sie musizieren im irakischen Nationalorchester, das Wasfi dirigiert, man könnte auch sagen: noch dirigiert. Die Fluktuation in ihrem Ensemble ist gerade gewaltig, 22 Musiker haben das Orchester in den vergangenen drei Jahren Richtung Europa verlassen, einer von ihnen war Munthar Sami, Fagott. Er wollte nach Frankreich oder Deutschland, aber schaffte es nur bis in die Türkei, dann bekam seine Mutter einen Panikanfall, und er kehrte um, ob frustriert oder erleichtert angesichts der Weiterfahrt in winzigen Schlauchbooten, sagt er nicht. 5000 Dollar hatte er in der Familie und bei Freunden gesammelt, 1500 Dollar ausgegeben, den Rest brachte er zurück. Warum er ging? "Ich wollte Stabilität, ein Studium, eine Zukunft", sagt er. Wusste er, dass die Neuankömmlinge in Deutschland erst mal Monate in Zelten und Turnhallen verbringen? "Ja, ich habe damit gerechnet, dass ich erst nach zwei Jahren studieren würde." Würde er wieder aufbrechen? "Wenn die Gelegenheit günstig ist - auf jeden Fall."

Er bemerkt es leichthin, als gehe es nicht um eine lebensgefährliche Reise, sondern als würde er einen Bus besteigen, der ihn in eine bessere Zukunft bringt. Und so ähnlich reden auch seine Freunde darüber, Künstler, Musiker, Intellektuelle, fast alle kennen jemanden, der gegangen ist, viele jemanden, der zurückgekommen ist. Am nächsten Tag die nächsten Anschläge, die schlimmsten seit Monaten mit Dutzenden Toten. Es braucht mehr als zwei Konzerte, damit die Menschen nicht das Weite suchen. Aber zwei Konzerte sind besser als nichts.