Bayerische Meisterschaften Heldentragik

Die Titelkämpfe im Poetry Slam fesseln mit furioser Dichtkunst. Dramen gibt's auch

Von Bernhard Blöchl

Yannik Sellmann hätte wohl gern darauf verzichtet, aber das große Drama gehört zum Poetry Slam wie feine Reime zum Dichter. Der Vorjahressieger steht als Favorit in der Endrunde des Finales im Volkstheater, es ist der letzte Auftritt beim Bayernslam 2017. Der junge Champion aus München hat beste Chancen auf die Titelverteidigung, schon sein erster Text, eine zornige Abrechnung mit dem Film "La La Land", war ein Höhepunkt des Abends. Sein zweiter, der entscheidende im Stechen, heißt "Der Bühnenmann". Nach einem Beginn voller Tempo, Wortakrobatik und 1a-Rhythmik passiert das Schlimmste für einen, der vor 600 Menschen auf Spickzettel verzichtet: Texthänger. Mehrfach. Ausgerechnet nach der Zeile: "Ich bin euer Held, dem euer Kleinhirn verfällt und der für kleines Geld euren Abend erhellt." Heldentragik wie sie im Buche steht. Der Poet bricht ab. "Sorry, tut mir leid."

Die gute Nachricht aus Münchner Sicht: Der Titel bleibt an der Isar. Alex Burkhard, mehrfacher Stadtmeister und fest verankert in der Szene, ist neuer bayerischer Poetry-Slam-Meister. Der Autor und Kabarettist überzeugte die Publikumsjury am Samstagabend mit einer geistreichen Max-und-Moritz-Spiegelung ins Hier und Jetzt sowie einem persönlichen Gedicht über Reggae und Freundschaft, das Allgäu und München. Dafür gab's die Statue des Löwen, einen Büchergutschein, vor allem aber Ruhm und Ehre. Mit Burkhard hat allemal einer der poetischsten der 30 Teilnehmer gewonnen, seine federnde Hingabe ist unaufgeregt und sinnlich. Seine Worte sind ein Blütenmeer, seine Gedanken eine Spielwiese. Noch vor Sellmann auf Platz zwei schob sich Flo Langbein aus Erlangen, ein Rumpelstilzchen der Rock'n'Roll-Lyrik und unbedingt musikalischer Autor, der Geschwindigkeit, Tonhöhen und Vokaldehnung variiert, dass einem ganz schwindelig werden kann.

Schwindelerregend ist ein Poetry Slam, diese unberechenbare Mischform aus Prosa, Lyrik, Rap, Rezitation, Comedy und Schauspiel, sowieso. Zumindest in den besten Momenten. Das Drama beim Finale war nur die Krönung einer Reihe spannender und dynamischer Veranstaltungen. So waren die vergangenen Tage geprägt von ausverkauften Vorrunden, von Schlangestehen vor dem Ampere, von tollkühnen Live-Tickern im Netz sowie von umjubelter Bühnenkunst in Vereinsheim und Lustspielhaus, in der Schauburg und im Literaturhaus. Selten waren mehr Dichter in der Stadt, und das zur Starkbierzeit: dicht und Dichter. Zum ersten Mal ist dieser 2010 ins Leben gerufene Wörterwettstreit in München über die Bühne gegangen, der Stadt, wo bereits seit mehr als 20 Jahren Poeten live gegeneinander antreten. In den Neunzigern war der Poetry Slam aus den USA importiert worden, inzwischen gehört er zum immateriellen Kulturerbe der Unesco. Und wenn die bayerischen Meisterschaften eines gezeigt haben, dann das: Auch die iPhone-Generation kann sich für Offline-Geschichten begeistern, für kluge Gedichte und filigrane Satzkunst. Und noch etwas macht Hoffnung: Schöne Worte und was zu sagen, von dieser Sorte Autoren gibt es mehr, als manche denken.

Thematisch ist das Finale (wie auch die Halbfinals) so bunt wie das Vermischte einer Zeitung. Da singt Peter Parkster ein Loblied auf die Informatiker-Zunft, wohingegen sein fränkischer Mitfinalist Jens Hoffmann sich an einem Vater-Sohn-Verhältnis und den Folgen eines Geisterfahrers abarbeitet. Ebenfalls melancholische Töne schlägt Tizian aus Ingolstadt an, dessen "Letzte Verse" als Abschiedsbrief ans Leben daherkommen. Philipp Potthast wählt ein verschmitztes Sujet, er fasst sein Heimweh nach München in rhythmische Worte. "Du bist nicht der Nabel, du bist der Bierbauch der Welt", heißt es darin, oder: "Du Florenz des Nordens, du Ingolstadt des Südens." Später bäumt sich der Hip-Hopper und junge Poet vom Freisinger Poetry Slam zu den Worten auf: "Ich will an jedem deiner Weißwurstzipfel zuzeln, bis mein Körper sich weiß-blau einfärbt."

Nicht mehr bayerischer Meister: Vorjahressieger Yannik Sellmann verhaspelt sich nach gutem Beginn und scheitert im Finale tragisch.

(Foto: Catherina Hess)

Die einen lesen von Blättern ab, wie Potthast es tut, andere pokern höher und reimen frei; der eine sprechsingt oder brüllt, die andere setzt auf die Kraft der Wut. Poetry Slammer sind seltsame Wesen, höchst unterschiedlich in ihrer Ausdrucksform. Vielleicht trifft es ja die Comedy-Analyse des Bamberger Finalisten Raphael Breuer ganz gut? Wichtig sei, sagt er in seinem selbstreflexiven Text über Slammer, vom normalen Sprachduktus abzuweichen, "und dann schreie ich ins Publikum".

Eine, die weniger schreit als lächelt, muss man auch erwähnen. Denn während bei den Über-20-Jährigen mit Maron Fuchs nur eine Frau in der Runde der letzten neun steht, hat sich die 16-jährige Elena Hammerschmid am Freitagabend den Titel der U-20-Bayern-Meisterin gesichert. Im Volkstheater, sozusagen bei den Großen, darf die Regensburgerin noch einmal ran. Wie es ihr dabei furios gelingt, Eileiter und -stöcke mit der (verrutschten) Merkel-Raute in Einklang zu bringen, um die "Part-Ei" und den "Eggsit" zu erklären, hat heftigen Applaus verdient.

Und nun? Nach dem Bayernslam ist vor dem Bayernslam. Die Szene ist quirlig genug, auch ohne medienwirksamen Landeswettbewerb (der nächste findet 2018 in Würzburg statt) junge wie alte Wortfreunde anzuziehen. Sie werden also wieder Schlange stehen, schon am Sonntag, wenn im Substanz die Mutter aller Münchner Slams über die Bühne geht, oder besser: fegt. Denn eines ist diese Spielart allemal: unfassbar schnell.