Autorenfilm Zimmer mit Aussicht

"Die Nile Hilton Affäre" ist ein Film Noir in Ägypten am Vorabend der Revolution. Zum eigentlichen Hauptdarsteller aber wird die Stadt Kairo.

Von Moritz Baumstieger

Der wuchtige breite Betonriegel des Nile Hilton Hotels liegt in Kairo zwischen dem Nil und dem Tahrirplatz. Die Dachterrasse, wo einst Gäste wie Liz Taylor oder Frank Sinatra mit einem Drink in der Hand am Geländer lehnten, hätte idealer Beobachtungspunkt für die Umwälzungen sein können, die Ägypten 2011 erschütterten: Euphorische Demonstrantenmassen, dann Polizistenknüppel, schließlich der Jubel der zunächst scheinbar siegreichen Protestbewegung.

Hätte, wäre: Als die Ägypter sich selbst und die Welt überraschten und ihr Land veränderten, durchlebte auch das 331-Zimmer-Haus gerade eine Metamorphose, es war wegen Renovierung geschlossen. Anstatt als Aussichtsplattform auf eine Zeitenwende zu dienen, versteckte sich das Nile Hilton hinter Baugruben, Sandhaufen und Zäunen.

In diesem zur Zeit der Handlung eigentlich geschlossenen Hotel lässt der schwedisch-ägyptische Filmemacher Tarik Saleh seine "Nile Hilton Affäre" beginnen. Der Titel passt gut zu dem, was in 106 Minuten dann folgt: So wie das verlassene Hotel sich mittendrin befand, als die Stadt im Januar 2011 überkochte, so wird auch die Handlung des Thrillers vom Brodeln des prärevolutionären Kairo umspült. Und so, wie der Bau 2011 seiner Funktion als Logenplatz über dem Tahrirplatz nicht gerecht werden konnte, so schafft es auch "Die Nile Hilton Affäre" nicht immer, das zu sein, was sie sein könnte und sein will: Ein modern geschnittener Film Noir, der den zeitgeschichtlichen Hintergrund nur nebenbei einwebt.

Tarik Saleh hält in seinem Kriminalstück, das beim Sundance Film Festival 2017 mit dem Grand Jury Prize ausgezeichnet wurde, jedoch keineswegs ein in Fiktion verkleidetes Proseminar ab, so wie das deutsche "Tatorte" manchmal tun. Die Handlung der "Nile Hilton Affäre" ist spannend und könnte fast in jedem anderen Setting funktionieren: Ein illegal eingewandertes Zimmermädchen wird während ihrer Arbeit Zeugin eines Mordes an einer jungen Sängerin. Daraufhin taucht sie unter - denn nicht nur der Polizist Noredin (Fares Fares, bekannt aus der Jussi-Adler Olsen-Trilogie "Erbarmen", "Schändung" und "Erlösung") versucht sie zu finden, sondern auch die Männer, die für den Tod der Sängerin verantwortlich sind.

Verloren im Gewirr der Stadt: Der Polizist Noredin (Fares Fares) will einen Mord aufklären, verstrickt sich aber in einem gefährlichen Netz der Vertuschung.

(Foto: Verleih)

Noredin wird bei seinen Ermittlungen behindert, soll den Fall als Selbstmord zu den Akten legen. Bald weiß er auch, warum: Die Tote aus dem Hilton war Geliebte eines einflussreichen Bonzen, dessen Rollen als Bauunternehmer und Abgeordneter sich wunderbar ergänzen. Noredin sucht dennoch nach der Wahrheit, muss aber entdecken, dass in Ägypten selbst die scheinbar Gerechten längst korrumpiert sind. Er selbst ist da keine Ausnahme: Als Polizeioffizier nutzt er seine Macht so, wie man es als Polizeioffizier in Kairo eben tut, wenn ein neues Auto irgendwann die alte Schrottkarre ersetzen soll: Auf den Straßen treibt er von fliegenden Händlern Schutzgeld ein - und wenn das nicht ohne Gewalt geht, zeigt er eben, wie willkürlich die Staatsmacht agieren kann. Sein überhaupt nur in homöopathischen Dosen vorhandenes schlechtes Gewissen betäubt er allabendlich mit Bier und Joints, genau wie den Schmerz, den der Unfalltod seiner Frau ihm noch immer bereitet.

Anstelle des Rechts herrscht in dieser Stadt das Recht des Stärkeren

Das Netz aus Korruption, Patronage und Machtmissbrauch nachzuzeichnen, das Kairo, Ägypten und weite Teile der Region überzieht, gelingt Saleh so gut, dass sich die Handlung manchmal kurzzeitig darin verheddert - dann könnte es etwas geradliniger vorangehen. Andererseits: Wirklich schnell geht in Kairo nichts, und so inhalieren auch die Polizisten hier Zigarette um Zigarette um Zigarette, als wären sie allein für Kairos gefürchteten Smog verantwortlich. Sie schieben sich gegenseitig Geldbündel und Beförderungen zu, anstelle des Rechts herrscht das Recht des Stärkeren.

In dieser Umgebung ist der Polizist Noredin nicht weniger, aber eben auch nicht mehr korrupt als jeder andere, im Vergleich zu seinen Kollegen vielleicht etwas weniger arrangiert und deshalb am Ende umso stärker desillusioniert, als er inmitten der Demonstranten auf dem Tahrirplatz seine letzte, bittere Lektion lernen muss. Die Stimme des Gewissens erhebt eigentlich nur der Vater des Polizisten: "Würde kannst du mit Geld nicht kaufen, mein Sohn", sagt der einmal. Dass der einzige Aufrechte in dieser verdorbenen Welt zurückgezogen als Pflegefall in seiner Wohnung vor sich hinvegetiert, ist sicherlich kein Zufall.

Dadurch, dass Tarik Saleh den Machtmissbrauch von seiner allzu menschlichen Seite zeigt, beschreibt er eben auch, wie die Diktatur selbst jene deformiert, die es eigentlich gern anders machen wollen. Vielleicht haben die mittlerweile wieder wie eh und je in Ägypten agierenden Zensoren geahnt, wie präzise die "Nile Hilton Affäre" diesen Zusammenhang nachzeichnen würde - jedenfalls zogen sie drei Tage vor Drehbeginn die Genehmigungen zurück. So musste die Crew überstürzt nach Casablanca umsiedeln.

Teile der Handlung des Films beruhen auf einer wahren Begebenheit. Als die libanesische Sängerin Suzan Tamim im Jahr 2008 tot in einem Dubaier Luxusappartement gefunden wurde, führten die Spuren in Ägyptens Oberschicht. Auf dieser Basis hätte Tarik Saleh vielleicht noch stringenter erzählen können - aber es gelingt ihm doch sehr gut, die Korruption und die bigotte Sexualmoral der Region zu zeigen, ohne in orientalistische Klischees zu verfallen.

Ein Zufall will es, dass "Die Nile Hilton Affäre" der zweite Spielfilm innerhalb von kürzester Zeit ist, der das Ende der Mubarak-Ära als Hintergrund wählt. Anfang September lief "In den letzten Tagen der Stadt" von Tamer el-Said an, der schon etwas früher spielt, in den Jahren 2008 bis 2010. Auch in diesem, von der Kritik gefeierten Film rückt eine fast schon dokumentarische Darstellung Kairos stark in den Vordergrund. Vielleicht ist es für eine fiktionale Handlung einfach schwierig, neben dem gewaltigen und verwirrenden Narrativ dieser Stadt zu bestehen. Und wer den Moloch weiter im Blick haben will, kann jetzt auch wieder ein Zimmer im Betonriegel zwischen Nil und Tahrirplatz buchen. Das Hotel wurde 2015 unter neuem Namen wiedereröffnet. Der nächste Zwischenfall würde jetzt als "Nile Ritz-Carlton Affäre" in die Geschichte eingehen.

The Nile Hilton Incident, S/D/DK 2017 - Regie und Buch: Tarik Saleh. Kamera: Pierre Aïm. Mit Fares Fares, Mari Macek. Verleih: Port-au-Prince, 111 Min.