Autor von "Tschick" Schriftsteller Wolfgang Herrndorf ist tot

Schriftsteller Wolfgang Herrndorf ist im Alter von 48 Jahren verstorben

(Foto: Steffi Roßdeutscher)

Seine Ausreißergeschichte "Tschick" verkaufte sich mehr als eine Million mal und wurde in 24 Sprachen übersetzt. Nun ist der Schriftsteller Wolfgang Herrndorf nach langer Krankheit im Alter von 48 Jahren gestorben.

Als Wolfgang Herrndorf im vergangenen Jahr den renommierten Preis der Leipziger Buchmesse erhielt, konnte er die Auszeichnung schon nicht mehr selbst entgegennehmen. Durch einen Freund ließ er lediglich ein afrikanisches Sprichwort übermitteln: "Die Sonne geht immer hinter der Düne unter, die dir gerade am nächsten ist." Am Montag ist der Schriftsteller im Alter von 48 Jahren in Berlin gestorben. Laut Herrndorfs Autorenkollegin Kathrin Passig tötete er sich selbst.

2010 hatte der gebürtige Hamburger mit seinem Roman "Tschick" den Überraschungserfolg des Jahres gelandet. Das Buch stand monatelang auf den Bestsellerlisten, erhielt den Deutschen Jugendliteraturpreis 2011 und hat sich inzwischen mehr als eine Million mal verkauft.

Nur wenige Monate vor dem Druck des Romans wurde bei Herrndorf ein bösartiger Gehirntumor diagnostiziert. Prognose: Nicht heilbar. Seither gab er in seinem Blog Arbeit und Struktur regelmäßig Auskunft über sein Leben mit dem Tod. Am 8. März 2010, nach einer Einlieferung in die Psychiatrie begonnen, ist das Internet-Tagebuch ein ebenso erschütterndes wie bitter-komisches Dokument von Wut und Verzweiflung, Angst und Überlebenskampf. "Gib mir ein Jahr, Herrgott, an den ich nicht glaube, und ich werde fertig mit allem", schreibt er zu Beginn.

Leipziger Buchpreis für "Sand"

Wider alles Erwarten bringt er trotz seiner Erkrankung auch seinen nächsten Roman "Sand" zu Ende, ein brillantes Vexierspiel um Gewalt und Verfolgung, Selbstsuche und Tod. Der ebenso rätselhafte wie großartige Agententhriller aus der afrikanischen Wüste trägt ihm 2012 den Leipziger Buchpreis, später zusätzlich eine Nominierung für den Deutschen Buchpreis ein. "Wenn man den Anspruch hat, die feinsinnigsten, innovativsten und genauesten Erzählungen zu benennen, dann muss Herrndorf dabei sein", begründete Jurychef Andreas Isenschmid damals den ungewöhnlichen Doppelschlag.

Dabei hatte Herrndorf ursprünglich gar nicht Schriftsteller werden wollen. Am 12. Juni 1965 in Hamburg geboren und in einem "sehr kleinbürgerlichen Haushalt" ohne Literatur aufgewachsen, hatte er Kunst studiert und zunächst in Berlin als Illustrator gearbeitet - unter anderem für das Satiremagazin Titanic. Durch einen Verlagsjob kam er eher zufällig ans Schreiben. Sein erster Roman "In Plüschgewittern" (2002) fand noch wenig Aufmerksamkeit. Doch schon beim Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb 2004 gewann der Newcomer mit einer Kurzgeschichte aus dem Stand den Publikumspreis. Die Story erschien später mit anderen Erzählungen unter dem Titel "Diesseits des Van-Allen-Gürtels" (2007).

Zurückgezogenes Leben

Seit seiner Krebsdiagnose lebte Herrndorf zurückgezogen in Berlin. "Keine Anfragen, keine Interviews, keine Lesungen, keine Ausnahmen", schrieb er auf seiner Internetseite. Nur die Freunde, die Lebensgefährtin C. und die Arbeit gaben seinem Leben Struktur. Ein Roadmovie "Isa" wollte er noch fertigbekommen und eine Buchfassung seines Blogs.

Der letzte Eintrag dort wurde unter der Überschrift "Schluss" veröffentlicht und besteht aus nur einem Satz: "Am Montag, den 26. August 2013, ist Wolfgang Herrndorf gestorben."

Anmerkung der Redaktion: Wir haben uns entschieden, in der Regel nicht über Selbsttötungen zu berichten, außer sie erfahren durch die Umstände besondere Aufmerksamkeit. Die Berichterstattung über den Tod Wolfgang Herrndorfs gestalten wir deshalb bewusst zurückhaltend, wir verzichten weitgehend auf Details. Der Grund für unsere Zurückhaltung ist die hohe Nachahmerquote nach jeder Berichterstattung über Suizide.

Wenn Sie sich selbst betroffen fühlen, kontaktieren Sie bitte umgehend die Telefonseelsorge. Unter der kostenlosen Hotline 0800-1110111 oder 0800-1110222 erhalten Sie Hilfe von Beratern, die schon in vielen Fällen Auswege aus schwierigen Situationen aufzeigen konnten.