Autobiografie Machthunger in der Williamsburg-Blase

Fesselnd schildert Deborah Feldman ihre chassidische Gemeinde in New York und ihren Weg der Befreiung als Frau und Schriftstellerin. Heute lebt Feldman in Berlin-Neukölln.

Von Thorsten Schmitz

Am 11. September 2001 ist Deborah Feldman auf dem Weg zur Schule, als sie bemerkt, dass der Himmel über New York nicht mehr blau strahlt. So eine Art "Baustellenstaub" sieht das 15-jährige Mädchen. Um zehn Uhr kommt es in der Schule an. Dort erfährt es über Lautsprecher, dass die Schülerinnen nach Hause gehen sollen. Warum, erklärt niemand.

Erst fünf Stunden nachdem Terroristen mit Verkehrsflugzeugen in die Türme des World Trade Center gerast sind, erfährt Deborah vom Angriff auf die USA. Die Szene zeigt auf drastische Weise, in welcher hermetischen Welt ultra-orthodoxe Juden leben. Eine Welt, wie sie Feldman in ihrer autobiografischen Erzählung "Unorthodox" sanft und fesselnd beschreibt.

Aufgewachsen ist Feldman in Williamsburg, jenem Stadtteil von Brooklyn, der in den Neunzigerjahren von Künstlern und Partyschwärmern entdeckt wurde und in dem bis heute circa 80 000 ultra-orthodoxe Juden leben. Feldmans Familie gehört den Satmarern an, benannt nach der ausgelöschten Gemeinde ihres Gründers Satu Mare im heutigen Rumänien. Es ist die verschlossenste chassidische Gruppierung in den USA.

Feldmans Großeltern haben die Obhut über die Enkelin übernommen. Deborahs Vater ist geistig zurückgeblieben, und von ihrer Mutter heißt es, sie sei vom Pfad der Ultraorthodoxie abgekommen. In Wahrheit lebt die Mutter heute als lesbische Frau, wie Deborah Feldman später erfährt.

Es ist eine streng reglementierte Obhut. Die einzigen im Haushalt der Großeltern geduldeten Bücher sind Gebetsbücher. Fernsehen gibt es nicht, Zeitungen werden nicht gelesen, Englisch gilt als Gift. Englisch trübe die Seele, sagt Feldmans Großvater, dadurch werde man unempfänglich für göttliche Reize. Schminken darf sich Feldman zum ersten Mal mit 17 Jahren, als in einem Supermarkt eine Art Blind Date für sie arrangiert wird. Zwischen Papierwarenregalen trifft sie die künftige Schwiegermutter, die sichergehen will, dass Deborah "gute Manieren" hat.

Aber Deborah ist anders als die anderen ultra-orthodoxen Mädchen. Sie ist getrieben von Neugier und einer Lust auf die Welt, die ihr vorenthalten wird. Sie bohrt den Großvater, was "Virgin" heißt, als sie das Wort auf einer Olivenflasche entdeckt, sie will wissen, warum sich ultra-orthodoxe Frauen die Haare schneiden lassen und Perücken tragen müssen, und sie trägt keine Bluse unter ihrem Pullover, weshalb die Schulleiterin ihr eine Standpauke hält: "Ich verstehe nicht, wieso du nicht wie alle anderen Schülerinnen sein kannst?"

Feldmans Buch wurde bereits 2012 ein Bestseller in den USA. Es hat auch heftige Kritik auf sich gezogen. Bekannte und Verwandte warfen ihr vor, sie habe Details erfunden, wie jene grauenhafte Geschichte von einem ultra-orthodoxen Jungen, der beim Masturbieren vom Vater erwischt worden sei und der den Penis des Buben abgetrennt habe. Feldman sagt: Alles, was ich beschreibe, stimmt.

Die Ehe ist arrangiert, der Sex zwischen den Partnern lange ein Problem

Was lässt einen Menschen ausscheren aus einer Gemeinschaft? Warum hat Deborah Feldman den Rabbinern nicht mehr geglaubt, dass der Holocaust an den Juden eine Strafe Gottes gewesen sei dafür, dass sich Juden assimiliert hätten? "Ich bin machthungrig", schreibt Feldman, "aber nicht, um über andere zu herrschen; nur, um mir zu gehören." Schon bald stiehlt sie sich aus der Enge Williamsburgs, fährt heimlich im Bus nach Manhattan in eine Bibliothek und leiht sich Bücher aus, die von Liebe handeln. Zu Hause versteckt sie die verbotene Literatur unter ihrer Matratze.

Deborah Feldman hätte es sich einfach machen und über die Satmarer spotten können. Über eine Gemeinschaft, die es ihren Angehörigen verbietet, nach Israel zu reisen (denn solange der Messias nicht gekommen ist, ist das Gelobte Land tabu). Aber sie verurteilt nicht, sondern beschreibt in einer entwaffnenden Ehrlichkeit die Absurditäten. Sie beschreibt ihre arrangierte Ehe und wie der Geschlechtsverkehr in der Hochzeitsnacht misslingt. Dass es beim Sex zwischen den beiden hapert, erklärt sich ihr Mann so: In der Religionsschule, der Jeschiwa, masturbierten die Jungs miteinander, da es dort keine Mädchen gebe, habe er auch kein Vorstellung vom weiblichen Körper. Feldman hält die Erklärung ihres Mannes für Unsinn. So eilt sie von Sextherapeut zu Sextherapeut, bis sie weiß, dass sie an Vaginismus leidet, einer starken Verkrampfung der Scheidenmuskulatur, die unter ultra-orthodoxen Frauen verbreitet sei.

Es dauert ein Jahr, bis sie schwanger wird. Auch das Schwangerwerden erfolgt reglementiert als Parcourslauf aus Verboten und Ausnahmen. Eine ultra-orthodoxe Frau darf nur dann Sex haben, wenn sie sieben Tage nach ihrer Menstruation mittels 14 Tüchern nachweist, dass sie an den sieben Tagen morgens und abends tatsächlich nicht mehr blutet. Zum Zeichen ihrer Reinheit muss sie anschließend in einer Mikwe, einem jüdischen Ritualbad, baden. Zu diesem Bad darf sie nur mit nicht-jüdischen Taxifahrern chauffiert werden, da jüdische Männer nicht wissen dürfen, wann Frauen zur Mikwe gehen.

Feldman schildert den "religiösen Fundamentalismus", wie sie es selbst nennt, in einer Art und Weise, dass es nie peinlich ist, was auch an der großartigen, einfühlsamen Übersetzung liegt. Das Buch ist von einer beschwingten Lakonie durchzogen. Feldman beschreibt das Leben in der Williamsburg-Blase, ohne darüber zu richten. Ihr Buch ist auch: ein Befreiungsschlag. Feldman hat Brooklyn verlassen und ist in ein muslimisch dominiertes Stadtviertel gezogen - ausgerechnet nach Berlin-Neukölln.