Ausstellung "Macht Kunst" in Berlin Armutszeugnis, aber sexy

Kunst von allen: Zur ersten Ausstellung stopfte die Deutsche Bank ihre Ausstellungsräume Unter den Linden mit 345 Bildern voll.

(Foto: dpa)

In Berlin ist am Mittag eine Ausstellung zu Ende gegangen, die nur 24 Stunden dauerte, aber rund 6000 Besucher anzog. Fast 1800 Berliner zeigten darin ihre Bilder, von scheußlichstem Kitsch bis zu echter Kunst. Das ist ein ungewöhnlicher Erfolg - und ein außergewöhnliches Event mit teils zweifelhaftem Inhalt.

Von Ruth Schneeberger, Berlin

Die Schlange war kilometerlang. Als Anfang April die Deutsche Bank dazu aufgerufen hatte, Berliner Künstler sollten je ein Bild für eine Werkschau zu Berliner Kunst in ihre neue Ausstellungshalle bringen, alles werde ausgestellt und dem besten auserwählten Künstler werde ein Stipendium zur Verfügung gestellt, da war der Andrang unerwartet groß. Die Kunst unterm Arm, standen die Berliner auf der Prachtstraße Unter den Linden stundenlang an, um ihr Bild abzuliefern. So groß war das Interesse, dass der ursprünglich geplanten Ausstellung in der neu eröffneten DB KunstHalle nun sogar eine zweite folgte.

In der "Alten Münze" am Molkenmarkt nähe Alexanderplatz wurden von Sonntagmittag bis Montagmittag die Bilder gezeigt, die in der ersten Ausstellung keinen Platz fanden, fast 1800 an der Zahl. Obwohl die Ausstellungsräume zahlreich sind, hängt hier Bild an Bild; der Besucher fühlt sich regelrecht erschlagen.

Doch es ist gerade diese Petersburger Hängung unter Federführung des renommierten Kurators René Block, die den Charme ausmacht. Hier finden sich die schlimmsten Ergüsse von Hobbymalern neben ernstzunehmender Kunst, hier paart sich der röhrende Hirsch mit dem Abschlussbild aus der Fotoklasse, hier wird das, was normalerweise im Keller hängt, einfach neben die Bilder von Künstlern platziert, die schon erfolgreich internationale Ausstellungen hinter sich gebracht haben. Das ist frech und es ist ein Armutszeugnis für den Geschmack der meisten Teilnehmenden, aber es ist sexy. Auf eine frivole Art.

Bunter Besuch, bunte Bilder: Sogar nachts um zwei Uhr war die Ausstellung besucht, innerhalb von 24 Stunden kamen etwa 6000 Besucher.

(Foto: A. Lang)

Um das mal zu verdeutlichen: Diese Ausstellung, zu der eigentlich Berliner Künstler aufgerufen waren, bei der sich aber zum großen Teil Laien aufgerufen fühlten - der Andrang hat die Veranstalter selbst überrascht -, bringt Unglaubliches zutage. Sie zeigt nicht nur, womit sich zahllose Berliner in ihrer offenbar großzügig bemessenen Freizeit beschäftigen, was ihnen so lange durch den Kopf geht, dass sie es auf Leinwand bannen, und was ihnen nachhaltig wichtig ist. Sondern sie bildet auch ein Kaleidoskop des ästhetischen Unvermögens ab. Ein nicht unbeträchtlicher Teil der Hobbymaler hat seine Bilder in der irrigen Annahme abgegeben, sie seien gut. Wohl auch der- oder diejenige, die ein Manga-artiges Mädchenwesen mit Dolch im Po leise weinend in einem Seerosenteich versinken lässt.

So zeigt sich dem Betrachter ein Panoptikum aus Liebespaaren in Hellblau, Rehkitzen auf grünem Gras, barbusigen Pseudo-Beautys, Landschaftsmalerei ohne Hintergrund, Aktfotografie bis zum Erbrechen, Comicfiguren, die sich über nackte Frauen beugen, überdimensionierten Fanportraits in Öl, rassigen Tänzerinnen in feurigen Farben, und so mancher malt einfach ein berühmtes Kunstwerk nach, nur in schlecht, bildet sein Traumauto ab oder fotografiert seine Freundin.

Wer aber sucht und sich von dem schreiend bunten Kitsch in den übelsten Ausprägungen nicht abhalten lässt, der findet mittenmang ein paar echte Perlen. Feinsinnige Fotografie, politische Statements zum Zustand von Kunst und Gesellschaft, überzeugende Malerei, und auch in so manchem Laienbild ist echtes Talent zu entdecken. Die Ausstellung reiht alles aneinander, es geht drunter und drüber, sie bewertet nicht. Was gut und was schlecht ist, darf der Besucher selbst herausfinden, und es ist echte Arbeit, weil es so erdrückend viel ist, und vieles auch schreiend komisch.