Ausstellung Kunst fürs Alltagsörtchen

"Banalism" von Natthaphon Chaiworawat: Das Foto eines thailändischen Stehklos hängt auf einem WC in München.

(Foto: PR)

Der Brite Kim Noble und sein Münchner Projekt "Epirhizom"

Von Karen Bauer

Manchmal ist die Kunst von Kim Noble am Rande der Legalität: Einmal verkleidete er sich als Ikea-Mitarbeiter, schlich sich in eine Filiale des Möbel-Discounters ein. Dort tanzte er mit Kunden durch die Küchenabteilung und riet ihnen, hier bloß nichts zu kaufen - so lange, bis er von der Polizei festgenommen wurde.

Der britische Multimedia-Künstler mit dem typischen trockenen Humor grinst bei der Erinnerung daran: "Ich mag es, wenn Kunst irritiert, wenn sie in das Leben von Menschen eindringt", erklärt Noble in einem Kauderwelsch aus British English und Bairisch. Genau diese Idee wollte Noble auch den Münchner Studierenden vermitteln. Es ist Ende Juli, als Noble in dem kleinen Bungalow hinter der Akademie zwischen gepackten Kisten sitzt. Vier Monate als Artist in Residence in München liegen hinter ihm. Zurück lässt er die Ausstellung "Epirhizom". Der Titel ist angelehnt an den griechischen Begriff "Rhizom", der für Sprossen steht. Nobles Studenten haben in der Stadt Kunstwerke sprießen lassen. Überall, nur nicht in herkömmlichen Kunsträumen.

In der Schackstraße hat Gemma Meulendijks Nischen einer Hauswand in einem zart violetten Farbton gestrichen, lenkt so die Aufmerksamkeit auf die Geometrie der Wand, auf Details, die man normalerweise übersieht. "Ode an der Wand" nennt sie ihr Werk. Rebecca Thumb von Neuburg fotografierte für "When The Electricity Runs Out" mit dem Handy Kunstwerke außer Betrieb. Die kleine Broschüre mit den Fotos ist nun im Archiv von Hubert Kretschmer in der Türkenstraße zu finden. Und Natthaphon Chaiworawat hat Schnappschüsse aus seinem Alltag im Stadtraum platziert. Das Foto von dem mit einem Leitkegel abgesperrten Stehklo stammt aus Thailand, Chaiworawat klebte es auf eine öffentlichen Toilette in München. "Banalism" ist der Titel seiner Werkreihe, Humor nach Vorbild von Kim Noble.

Epirhizom schafft an Alltagsorten Platz für Kunst. Zum Publikum wird, wer zur rechten Zeit am rechten Ort ist. Oder wer die Kunstwerke mit Hilfe der Homepage epirhizom.org geortet hat. Aber die Arbeiten funktionieren auch ohne den Rahmen der Seite. Sie schaffen Irritationen im Alltag, Kunst, über die man stolpert. So erreicht Epirhizom auch Menschen, die normalerweise nicht ins Museum gehen und keine Galerien besuchen.

Kirchgänger und Touristen in der Pfarrkirche St. Ludwig zum Beispiel. Denn die wird derzeit von Professor Julian Rosefeldts Klasse mit der Ausstellung "There Will Be Blood" bespielt. Das passte ins Konzept von Epirhizom und wurde daher kurzerhand Teil davon. Janina Totzauer hat die schwere hölzerne Kirchenbank in der vorletzten Reihe einfach umgedreht. So ergeben die zwei hintersten Bänke eine Sitzecke, die zu Begegnung und Austausch ermuntert. Eine Vorhangkonstruktion von Laurel Severin verhüllt den Altar und enthüllt damit gleichzeitig den performativen Charakter katholischer Liturgie. Und Rupert Jörg stellt Postkarten seiner Heiligen-Selfies aus. Mit aufgerissenen Augen und übertriebenem Lachen posiert er neben Jesus am Kreuz, Maria und Papst Benedikt. Das provoziert manch Gläubigen. Jörgs Werk persifliert das Selfie und setzt damit gleichzeitig religiöse Kunst neu in Szene, verschafft ihr so Aufmerksamkeit.

Er wolle den Studierenden Alternativen aufzeigen zu traditionellen Kunsträumen, erklärt Kim Noble. Sie befreien vom Galerie-Setting, das immer auch kommerzielle Ansprüche an die Kunst stellt. Für Epirhizom sollten die Nachwuchskünstler Kunst ohne Zwänge schaffen. "Wir wollen, dass Kunst weniger elitär ist", erklärt Thumb von Neuburg. "Mit Epirhizom erreichen wir die Öffentlichkeit auch abseits von Galerien." Und Epirhizom wächst weiter. Chaiworawat etwa ruft auf der Homepage dazu auf, seinem Beispiel zu folgen: Wer mag, kann seine Fotos ausdrucken und selbst an anderer Stelle aufhängen. Ein anderer Student hat eine Wickelskulptur im New Yorker Central Park hinterlassen und in der örtlichen Zeitung eine Anzeige inseriert, in der er fragt "Have You Seen My Art?" Epirhizom trägt Münchner Kunst nicht nur in den öffentlichen Raum, sondern in die Welt hinaus.

There Will Be Blood, St. Ludwig, Ludwigstr. 22, bis 11. September, täglich 8 bis 18 Uhr, epirhizom.org