Ausstellung in Stuttgart Ästhetik des Widerstands

Wie passend: In Stuttgart zeigt eine Ausstellung nur wenige Meter von den Demonstrationen entfernt politisches Design aus Südkorea und anderen Ländern. Bieten sich da etwa Vergleichsmöglichkeiten?

Von M. Zehentbauer

Besser hätte es für den Württembergischen Kunstverein gar nicht laufen können. Damit, dass eine Ausstellung über politisches Design in Südkorea, Thailand, Indien, Polen, der früheren Tschechoslowakei und Ungarn auf einmal so an Brisanz gewinnen würde, war nicht zu rechnen gewesen. Doch jetzt haben sich, nur wenige Meter vom Ausstellungsgebäude am Stuttgarter Schlossplatz 2 entfernt, die Gegner von Stuttgart 21 im Schlossgarten formiert, die ihren Protest mit Zeltburgen, Grablichtern vor den gefährdeten Bäumen, Kreuzen, Bannern und Hunderten handgeschriebenen Zetteln ausdrücken, eingeschlagen in Klarsichthüllen am Sicherheitszaun um die Baustelle. Und man kann sich diese von der Realität des Ortes eingeholte Ausstellung kaum ansehen, ohne ihre neu dazugekommene Sektion im Außenraum beiseite zu lassen.

Culture Jamming nennt man die Technik, sich Werbung oder Marken vorzunehmen und sie ins Gegenteil zu verkehren, wie dieses Maskottchen für die Designmesse in Seoul. Abb. Activism of Graphic Imagination.

Die Frage ist allerdings, wer hier von wem profitiert. Können politische Plakate, die aus ihrem Kontext gerissen, gerahmt und hinter Glas in einen White Cube gehängt wurden, gegen die Stuttgarter Straße bestehen? Können sich, andererseits, die Stuttgart-21-Gegner noch etwas abschauen von oppositionellen thailändischen und polnischen Designern?

Zumindest hat sich die Stuttgarter Bevölkerung in der Ausstellung schon reichlich an dem Verkaufstisch bedient, an dem es T-Shirts mit dem Solidarnosc-Schriftzug zu kaufen gibt, magnetische Buttons, Feuerzeuge und Sticker. Das legendäre Solidarnosc-Logo, eines der erfolgreichsten und einprägsamsten des politischen Widerstands, könnte auch ein Vorbild für die Gestaltung ihres Protests sein.

Ein vor Kraft und Energie strotzender Schriftzug

Selten ist ein derart vor Kraft und Energie strotzender Schriftzug gelungen wie dieser, den der polnische Designer Jerzy Janiszewski 1980 in leuchtendem Rot spontan mit dem Pinsel gezeichnet hat. Die Buchstaben rückte er so eng zusammen, als seien sie Stellvertreter der demonstrierenden Menge streikender Arbeiter auf der Danziger Werft, die er dabei vor Augen hatte, und darüber weht die polnische Flagge. Allerdings war das Logo auch so erfolgreich, dass aus dem Symbol der gesellschaftlichen Solidarität irgendwann ein Markenzeichen wurde, das von der Politik und von der Wirtschaft vereinnahmt, ausgeschlachtet, wiederverwertet wurde.

Politisches Design, insbesondere wenn es von Regierungen und Machthabern in Auftrag gegeben wird, entsteht heute auch nicht viel anders als die Marke eines großen Unternehmens. Hier wie dort geht es um die Frage, wie man eine Botschaft am wirkungsvollsten vermittelt. Die Kuratoren der Stuttgarter Ausstellung konzentrieren sich jedoch auf das oft subtile, wenn nicht subversive Design des Widerstands, des Protests, der Opposition und auf höchst unterschiedliche Projekte.

So blicken sie beispielsweise auf die politische Wende in Osteuropa zurück, etwa mit einer Retrospektive des tschechischen Designers Joska Skalnik, dessen erstaunlich zeitgemäß gestalteten, von Punk und Pop beeinflussten Magazine und Flyer den Prager Underground der achtziger Jahre prägten.

Die Ergebnisse werden das westliche Auge kaum überzeugen

Daneben stellen sie die zeitgenössischen Strategien asiatischer Designer vor. Die südkoreanische Gruppe Activism of Graphic Imagination beispielsweise, die Motive und Slogans aus der offiziellen Kampagne von Seoul, der Welthauptstadt des Designs 2010, aufgreift, um auf die Verdrängungseffekte ihrer gigantomanischen Bauprojekte aufmerksam zu machen. Oder die indische Online-Plattform Design & People, deren Ideen und graphische Entwürfe für alle frei verfügbar sind, die sie nutzen wollen. Ein Modell, wie politischer Protest in Entwicklungsländern organisiert werden kann, auch wenn die in Stuttgart ausgestellten Ergebnisse das westliche Auge kaum überzeugen werden.

Umso mehr die des thailändischen Designers Pracha Suveeranont, der die Zensur seines politisch zerrissenen Landes so virtuos umschifft. Die Form eines Comics nutzte er zum Beispiel für einen designtheoretischen Diskurs über Thai- Kitsch, folkloristische Motive, um daraus eine ironische Werbekampagne für das Leben in der Hölle zu entwickeln. Bekannt wurde Suveeranont 2007, als ihn die oppositionellen Rothemden mit einer Plakatkampagne gegen die vom Militär ausgearbeitete neue Verfassung beauftragten.

Seine einfachen Schwarzweiß- Zeichnungen auf rotem Hintergrund zitieren die Tradition des Protestplakats: ein diagonal ins Bild ragender Gewehrlauf, der auf einen in die Ecke gezwängten Wähler zielt; ein großes Kreuz auf rotem Grund; eine Bombe, dessen Zündschnur aus Text besteht. Das ist so verständlich, eindeutig und emotional formuliert, wie es notwendig ist, um die Masse zu mobilisieren. Immerhin 41 Prozent der Thailänder stimmten am Ende gegen die Verfassung, trotz der massiven staatlichen Propaganda.

Im Schlossgarten nach Vergleichsmöglichkeiten suchen

Was das alles miteinander zu tun hat, wird indessen nicht ganz klar. Die Kuratoren haben auf eine analytische Ebene verzichtet. Weder ordnen sie die Designentwürfe ein noch leiten sie diese historisch her. Sie konfrontieren die oppositionellen Motive auch nicht mit denen des Gegners, der jeweiligen Machthaber, was durchaus aufschlussreich hätte sein können. Vielleicht ist es deshalb interessanter, draußen im Schlossgarten nach Vergleichsmöglichkeiten zu suchen.

Wobei die beiden Buttons und Plakate, die dort am häufigsten zu sehen sind, überraschend mild und nett wirken: Das rot durchgestrichene Ortsschild "Stuttgart 21" ist bloß ein Verkehrsschild, wie es zur Autostadt Stuttgart nicht besser passen könnte. Und den Slogan "Oben bleiben" mit Smiley-Mund auf lindgrünem Fond, der auf die Baumbesetzer hinweist, hat wie einiges mehr die Stuttgarter Werbeagentur rbw entworfen, deren Inhaber Rainer Benz einer der Anführer der Protestbewegung ist.

Irgendwie erinnert das daran, wie anders die Ästhetik des Widerstands 1968 ausfiel. Da zeichneten Pariser Kunststudenten Hunderte aggressiv- expressive Plakate für die Mai-Unruhen, aus denen längst Ikonen geworden sind, während zur selben Zeit Studenten der Ulmer Hochschule für Gestaltung unauffällig gegen die Schließung ihrer elitären Institution demonstrierten. Sie hielten Schilder in die Höhe, auf denen der Text korrekt linksbündig und in Kleinbuchstaben gesetzt war - was keinen Protest anzeigte, sondern vollkommen harmlos aussah.